Superbike-WM in Misano/I (Archivversion) Zu früh gefreut

Vizeweltmeister Troy Corser (2) führte lange Zeit vor John Kocinski (11); Jungstar Anthony Gobert (4) besiegte sogar den »Außerirdischen«. Aber beides reichte nicht.

Spontaner Beifall brandete auf im Pressezentrum von Misano, als der Australier Anthony Gobert auf der Werks-Kawasaki des US-amerikanischen Muzzy-Teams den zweiten Lauf des Superbike-WM-Auftaktes gewonnen hatte. Ovationen für einen Ausländer auf einem japanischen Motorrad, der die Squadra Ducati geschlagen hat - das gab es noch nie in Italien. Waren die einheimischen Kollegen plötzlich farbenblind geworden?Nein, aber Gobert hatte John Kocinski geschlagen, den Dominator des ersten Rennens, den »Außerirdischen«, den Eindringling aus dem für manche Superbike-Insider feindlichen Ausland, dem Grand Prix-Zirkus. Kocinski konnte noch so sehr seine neue Freundlichkeit und gute Manieren zeigen, die Superbike-Szene blieb skeptisch.Der Held war Gobert. Er hatte nicht nur Kocinski besiegt, noch dazu in Misano, wo keiner auch nur einen Pfifferling gegen die Ducati-Twins gewettet hätte, weil dort nur eins zählt: Drehmoment sowie Leistung im mittleren Drehzahlbereich. Und davon haben die Werks-Ducati bekanntlich mehr als genug. Der junge Angreifer hatte nach einem diskreten fünften Platz im ersten Rennen den Sieg im zweiten Durchgang auch auf die harte und ehrliche Weise erkämpft, gekrönt von einem für John Kocinski demütigenden Überholmanöver. Eingangs der einzig nennenswerten Geraden in Misano, nach einer dreifachen Linkskurve, wo die Ducatisi normalerweise ihre überlegene »mid range power« ausspielen, zwängte Gobert seine Vierzylinder-Kawa aus dem Windschatten außen neben den führenden Kocinski und rang ihn auf dem Weg in die Gerade förmlich nieder.Vizeweltmeister Troy Corser, der auf der Promotor Power Horse-Ducati die begeisternde Hatz an der Spitze komplettierte, durfte dieses Ereignis erste Reihe Mitte genießen. Und Gobert gab, einmal an der Spitze, keine Ruhe. Mit allen Messern dieser Welt verteidigte er seinen Platz an der Sonne. Kocinski und Corser setzten alles in Bewegung, um die gewohnte Hierarchie wieder herzustellen. Aber der wild slidende und fightende Gobert war nicht zu bändigen und siegte tatsächlich mit drei Zehntelsekunden vor Kocinski und Corser.Doch sein Kreuzzug war noch nicht vorbei. Im Ziel gab der weniger maulfaule Gobert seine Rennstrategie preis. »Mit diesem Überholmanöver wollte ich die beiden demoralisieren, und das ist wohl auch geglückt. Sie sollten erkennen, daß ich mit meiner Kawasaki viel härter fahren kann, als sie mit ihren Ducati überhaupt müssen.« Und setzte zur Verwunderung der Superbike-Puristen, die ihn schon zum Anti-GP-Helden erhoben hatten, noch eins drauf. »Jeder weiß, daß ich alles dafür gebe, um mit einer 500er Honda Grand Prix zu fahren. Aber dazu muß ich zunächst diese WM hier gewinnen.«Kocinski, der immer wieder betont, daß er nur noch zum Spaß fährt, hörte gleichmütig zu. »Natürlich hasse ich es, geschlagen zu werden. Aber heute war es wohl ganz gut, denn es zeigt, daß wir eine spannende Meisterschaft erwarten dürfen«, rapportierte er brav und entschwand im leicht überdimensionierten Cagiva-Firmenhubschrauber.Somit erlebte der liebe John seinen zweiten Sieg an diesem Tag mit großer Verzögerung. Denn Goberts Muzzy-Kawasaki ZX-7 RR wurde disqualifiziert - mit außergewöhnlicher Begründung. Teamchef Rob Muzzy, in langen Rennsportjahrzehnten nicht nur ergraut, sondern vor allem mit allen Wassern gewaschen, erkannte den groben Nachteil der Vierzylinder-Bikes in Sachen Drehmoment und verringerte kurzerhand den Durchflußquerschnitt des Vergasers. Damit verlor der Kawa-Motor in Misano-Version zwar das eine oder andere PS an Spitzenleistung, erstarkte aber durch den schnelleren Gasfluß ganz erheblich im unteren und mittleren Drehzahlbereich.Die Regelwächter der internationalen Sportbehörde FIM unter Leitung des früheren Honda-Rennleiters Steve Whitelock, der mit Muzzy schon manchen Strauß - auf und neben der Strecke - ausgefochten hat, hielten dies für illegal, weil jegliche Veränderung des homologierten Vergaserquerschnitts verboten sei. Muzzy dagegen ist der Meinung, daß »nur eine Vergrößerung verboten ist. Die Verengung ist ja eigentlich eine Drosselmaßnahme«. Deshalb ging er in Berufung. So ist das unten stehende Ergebnis wie auch der WM-Stand leider nur vorläufig.Von der ganzen Verwirrung am wenigsten angesteckt schien Troy Corser. Der nach dem Wechsel von Weltmeister Carl Fogarty ins Honda-Werksteam logische Titelfavorit mußte sich zweimal dem Eindringling Kocinski deutlich geschlagen geben und tat das ohne große Wut. So stellt sich die Frage, ob Corser der allerletzte Biß fehlt, oder ob er mehr weiß als wir anderen und sein Team um den immer für Überraschungen guten Chef Alfred Inzinger einen Pfeil im Köcher hat, von dem noch niemand etwas ahnt. Champion Fogarty selbst schlug sich in den beiden Rennen als Siebter und Sechster recht wacker, nachdem er sich bei einem fürchterlichen Trainingssturz einen rechten Mittelhandknochen gebrochen hatte. Sein Kollege Aaron Slight endete jeweils einen Platz vor Foggy.Die deutsche Abordnung in Misano erlebte auch ein gemischtes Wochenende. Jochen Schmid beklagte einen erheblichen, durch schlechtes Wetter bedingten Testrückstand und mußte sich mit den Rängen 16 und 14 zufrieden geben, war aber in guter Gesellschaft. Auch die Werks-Suzuki GSX-R 750 von John Reynolds und Kirk McCarthy kamen beim WM-Debüt nicht über das Mitelfeld hinaus. Viel besser dagegen das DNL-Ducati-Team, welches mit dem deutschen Vizemeister Christer Lindholm auf den Rängen acht und neun sowie Startplatz acht klar die beste Nicht-Werksmannschaft war.

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