Superbike-WM in Misano/Italien (Archivversion)

Nach Ihnen, bitte

Unter sommerlicher Hitze zeigten Superbike-Weltmeister Troy Bayliss und sein Vorgänger Colin Edwards auf der Strecke beste Manieren. Am Ende hatte Bayliss mit der Werks-Ducati wieder zweimal gewonnen.

Die gut 53000 Zuschauer im Autodrom Santamonica unweit des italienischen Strandbads Misano Adriatico wollten sich gerade entspannt zurücklehnen. Superbike-Weltmeister Troy Bayliss hatte sich mit seiner Werks-Ducati wie schon im ersten Rennen und schon elfmal zuvor zum Ende des zweiten Renndrittels mal wieder am texanischen Honda-Werksfahrer Colin Edwards vorbei in Führung gezwängt. Da geschah Unglaubliches. Am Ende der langen Gegengeraden slidete der Texas Tornado mit seiner im Stile eines Rallyeautos quer stehenden Honda VTR 1000 SP-2 am Champion vorbei – nur, um mit einer einladenden Handbewegung den Australier sofort wieder vorbeizuwinken. Bayliss, offenbar auch ein Mann von guter Erziehung, revanchierte sich sofort und ließ Edwards wieder vor.Was war passiert? »Genau in dem Moment, als ich an der Ducati vorbei war«, erinnerte sich Colin Edwards lächelnd, »sah ich im Augenwinkel eine geschwenkte gelbe Flagge. Also habe ich Troy vorbeigewunken, um die Sache auf diese Weise wieder in Ordnung zu bringen.« Troy Bayliss hatte zwar keine gelben Flaggen gesehen, »aber als Colin mich vor schickte, habe ich meinerseits kurz das Gas zu gemacht und ihn wieder vorgelassen«, grinste der Champion, »so haben wir eben zwei Sekunden Pause gemacht zum Durchatmen. Eigentlich gar keine schlechte Idee bei der Hitze.«Auf das Rennen selber hatte die Atempause an der Spitze keinen Einfluss. Der drittplatzierte Noriyuki Haga auf seiner Werks-Aprilia lag bereits rund sieben Sekunden zurück. Und Meister Bayliss ging schon eine Runde später wieder in Führung, konnte sich in den letzten acht der 25 Rennrunden noch um über drei Sekunden absetzen und Saisonsieg Nummer 13 genießen.Auf die Dominanz von Bayliss und seiner Ducati 998 F02 hatte in Misano vor allem der Reifenhersteller Dunlop reagiert, der mit Haga, Ducati-Werksfahrer Ben Bostrom, Edel-Privat-Ducatist Neil Hodgson sowie den Vierzylinder-Teams von Kawasaki und Suzuki die Hauptwidersacher der Michelin-bereiften Ducati- und Honda-Werksfahrer ausstattet. Eine brandneue Generation von Rennreifen sollte die Dunlop-Phalanx beflügeln. Nach anfänglicher Begeisterung aber verschmähte Haga die Wunderpneus schließlich in den beiden Rennen: »Sie brachten nicht den erhofften großen Sprung vorwärts«, so der Japaner. Er fuhr in den Rennen auf die Ränge vier und drei, einmal hinter und einmal vor HMplant-Ducati-Star Neil Hodgson, der die neuen Dunlop-Gummis einsetzte.Der Brite ist übrigens der Einzige aus seinem Team, der momentan in eine rosige Zukunft blickt. Denn entgegen früherer Verlautbarungen wird das englische Hyper-Privatteam doch nicht zur Ducati-Werksmannschaft befördert. Es wird auch 2003 ein offizielles Ducati-Corse-Werksteam geben, mit Marketing-Mann Paolo Ciabati als Direktor, einem noch zu benennenden Teammanager, Ben Bostroms Renningenieur Ernesto Marinelli als Chefingenieur sowie Neil Hodgson und wahrscheinlich Bostrom als Fahrer.Den Sieg im Supersport-Rennen holte Ten-Kate-Honda-Fahrer Fabien Forêt und übernahm als souveräner Racheengel für seine Disqualifikation auf dem Eurospeedway Lausitz auch die WM-Tabellenführung. Unterschiedliches Rennglück hatten die beiden deutschen Yamaha-Helden. Christian Kellner verpasste trotz kämpferischer Fahrt als Vierter das Siegerpodest nur um vier Hundertstelsekunden gegen seinen Markenkollegen Jamie Whitham. Ex-Weltmeister Jörg Teuchert stürzte dagegen, als er im Rahmen einer Aufholjagd im Kampf um den achten Platz gegen den australischen Honda-Junior Chris Vermeulen eben nicht nach dem Motto »nach Ihnen, bitte« vorgehen wollte. Dafür strahlen die deutschen Farben in der Gespann-WM überraschend um so heller. Nach seinem Chaos-Sieg in der Lausitz hatte Jörg Steinhausen das Glück wieder auf seiner Seite. Er kam trotz eines verendenden Hinterreifens ins Ziel, sogar als Dritter und konnte seine WM-Führung verteidigen.
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