Superbike-WM in Misano/Italien (Archivversion) Strandjungs

Für Pierfrancesco Chili sind Rennen in Misano immer etwas Besonderes. Die Familie seiner Frau besitzt dort nämlich einen Strandabschnitt. Idealer Rückzugsort oder zuviel Ablenkung?

Sharon, Pierfrancesco Chilis eineinhalbjährige Tochter, vermißte ihre Sandspielsachen. Doch der »Übeltäter« war leicht zu ermitteln. Papas Teamkollege in der Superbike-WM, der Japaner Katsuake Fujiwara, saß ebenso hochkonzentriert, wie er normalerweise seiner Arbeit auf der Werks-Suzuki nachgeht, am Adria-Strand von Misano-Brasile und produzierte Sandkuchen und -burgen.Und das bei bester Laune, obwohl er bei den WM-Rennen am Vortag im Autodromo Santamonica, nur wenige Kilometer entfernt, als 14. und Neunter eher durchwachsene Resultate erzielt hatte, genau wie Papa Chili selber. Aber die beiden Corona-Alstare-Suzuki-Piloten relaxten ja auch nicht an irgendeinem Strand, sondern auf dem Familienanwesen der Chilis. Frankies Frau betreibt den Strandabschnitt »Romina 8-9« im klassischen Stil des Teutonengrills Rimini-Riccione-Misano-Cattolica, also mit Liegestuhl-, Sonnenschirm- und Umkleidekabinenverleih schon in der dritten Generation. »Mein Großvater hat 1948 hier angefangen«, erinnert sich Romina Chili.»Über 500 Gäste sind an Hochsaison-Tagen an unserem Strand«, verkündete der Rennprofi und Freizeitbademeister stolz, »da wird es dir nie langweilig.« Durch seinen proppenvollen Terminkalender in Sachen Superbike-Rennen und Testfahrten sowie seinen standesgemäßen Hauptwohnsitz in Monaco ist der Publikumsliebling der Superbike-WM allerdings nicht allzu häufig in Misano-Brasile anzutreffen. Doch das Leben am Strand scheint ihm zu behagen. Denn am Montag nach dem Superbike-WM-Wochenende kamen neben Fujiwara samt Freundin auch Corona-Alstare-Teamkollege und Supersport-Titelverteidiger Fabrizio Pirovano vorbei sowie eine ganze Reihe weitere Fahrerlager-Menschen.Und Chili freute sich darüber, obwohl ihm die trickreiche Santamonica-Piste, wie übrigens bereits im Vorjahr, als er ausgerechnet an seinem Geburtstag keine WM-Punkte auf dem Gabentisch vorfinden durfte, ganz heftig mitgespielt hatte. Im letzten Zeittraining am Samstagmorgen wurde Frankie in der Zielkurve in einem abendfüllenden Highsider von seiner Suzuki abgeworfen und knallte kopfvoraus in die Luftkissen der Streckenbegrenzung.Nach einer Kontrolluntersuchung im Klinikmobil konnte der tragische Held der Tifosi zwar am Nachmittag zur Super Pole-Qualifikation wieder antreten, aber nur, um erneut in der Zielkurve von einem, ja man muß es Dreifachhighsider nennen, durchgeschüttelt zu werden. Mit Virtuosität und Glück überstand er diesen Moment ohne Sturz, fiel aber auf Startplatz zehn zurück. Am Abend faßte Chili die Ereignisse augenzwinkernd zusammen: »Allmählich ist mein Bonus aufgebraucht.«Was ihn aber nicht davon abhielt, im ersten Rennen heldenhaft den Kampf gegen die Werks-Honda-Windmühlen aufzunehmen und sie schließlich im Kampf um Platz vier sogar niederzuringen. Aaron Slight und Colin Edwards, beide über mangelhafte Fahrwerks- und Reifenabstimmung klagend, mußten sich dem angeschlagenen Lokalmatador beugen, der sich gegen Rennende mit einem tauben Gefühl im rechten Fuß herumärgerte. Daß er ohne dieses Hindernis die drei erstplazierten Carl Fogarty, Troy Corser und Akira Yanagawa noch hätte einfangen können, ist eher unwahrscheinlich. Denn Kawasaki-Werksfahrer Yanagawa fuhr ein einsames und kontrolliertes Rennen auf Rang drei, weit vor dem Verfolgerfeld mit den späteren Chili-Opfern.Und die beiden Ducati-Fahrer, nach der wenig eleganten Nichweiterbeschäftigung des Ducati-Werksfahrers Chili nach der Saison 1998, so etwas wie die Erzrivalen, waren in Misano eine Klasse für sich. Dabei sah nach begeisterndem Fight Weltmeister Fogarty in der letzten Runde schon wie der sichere Verlierer gegen Corser aus, als er eingangs der Gegengeraden gewaltig Unruhe in seine rote Fuhre brachte und der Australier leicht vorbeiziehen konnte. Aber nur wenige Kurve später hatte der Champion seine Konzentration wieder und zwängte mit einem sensationellen Bremsmanöver die Ducati mit der Nummer eins wieder an der Elf vorbei und gewann.Obwohl Fogarty ständig betonte, wie wenig ihm doch diese Misano-Piste tauge und wie schlecht er im Vergleich zum Beispiel mit seinem zweiten WM-Jahr 1995 fahre, war für ihn das zweite Rennen, das er im Alleingang mit zwingender Überlegenheit wieder vor Corser und Yanagawa gewann, ein Kinderspiel. Nicht so für unseren Helden Chili: »Ich hatte im zweiten Lauf ab Rennmitte ganz erhebliche Durchblutungstörungen im rechten Arm und der Schulter, wohl immer noch als Nachwirkung vom Samstagsturz. Da kannst du natürlich nicht mehr vernünftig fahren und fühlst dich ganz schön erbärmlich auf der Maschine.« So erbärmlich, daß er diesmal so unbekannte Fahrer wie Slight und Kawsaki-Werksreiter Gregorio Lavilla ziehen lassen mußte und auf Rang sechs hängen blieb.Die Fans aber hatten ein Gespür für die Situation und feierten ihren Frankie Chili, der in Italien allmählich zum Phänomen wird. Denn in der Regel scheren sich die ebenso national- wie markenbewußtenTifosi überhaupt nicht darum, wer da auf der Ducati oder zum Beispiel im Ferrari gewinnt. Pierfrancesco Chili aber erntet auch auf der »unwürdigen« Suzuki deutlich mehr Begeisterung bei den einheimischen Fans als die Superhelden Fogarty und Corser zusammen. »Beim Rennen in Monza Ende Mai kamen sogar Mitarbeiter der Ducati-Fabrik zu mir und feuerten mich an, ihre Werksmaschinen zu schlagen«, freut sich der Sieger in der Publikumswertung, »manchmal wundert es mich schon, wie die Fans zu mir halten, ich habe noch nie eine WM gewonnen. Vielleicht liegt es daran, daß ich versuche, so weit es geht ein normaler und einfacher Mensch zu bleiben.«Sagt’s, verschwindet im Lagerraum des Strandhauses und taucht wenig später bester Laune wieder auf mit Sonnenschirmen für zwei Damen mittleren Alters, offensichtlich Stammgäste. Und Kollege Fujiwara spielt tatsächlich immer noch im Sand.

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