Superbike-WM in Misano/Italien (Archivversion) Die wahren Abenteuer sind im Kopf

... und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo. Die Superbike-WM-Stars Aaron Slight und Troy Corser werden den Song von André Heller kaum kennen. Aber Rennen wie die Hitzeschlacht auf der schwierigen Piste von Misano werden auf jeden Fall im Kopf entschieden.

Temperaturen über 30 Grad im Schatten, dazu die sehr anspruchsvolle, fast schon tückische Piste in Misano - die Helden der Superbike-WM haben, noch dazu eingepackt in Leder und Helm, Schwerstarbeit zu leisten. Und ihr Grad an Fitneß, körperlich wie mental, tritt schonungslos zu Tage.Am meisten Kopfarbeit zu leisten hat in der Superbike-WM derzeit Troy Corser. Die Hauptsorge des sieglosen Tabellenführers im Ziel, das er in Misano schon zum fünften und sechsten Mal in dieser Saison als Zweiter erreichte, gilt dem neuen WM-Stand. Kühl kalkuliert der Australier seinen Rest-Vorsprung, wie er sich auch während der Rennen klar nach taktischen Vorgaben bewegt. Abwartend hängt er am Ende der Spitzengruppe, bevor er zum Finale Furioso bläst und nach vorn jagt, meist aber nur bis auf Rang zwei. »Natürlich will auch ich Rennen gewinnen«, so der Ducati-Werksfahrer, »aber entscheidend für den WM-Titel ist, so viele Punkte wie möglich zu sammeln.«Erstaunlich dabei ist, daß Corser, der sich offensichtlich intensiv mit seiner Arbeit auf der Strecke beschäftigt, seine Rennvorbereitung eher auf körperliches Training beschränkt. »Physisch mußt du sehr fit sein. Dazu verhelfen dir die Standards: Mountain Bike, Laufen, Schwimmen, Krafttraining, was auch immer«, so der Weltmeister von 1996. »Im Kopf mußt du unbelastet sein und dich auf den Punkt konzentrieren können. Aber das ist kein Hexenwerk.«Aaron Slight, der andere Top-Superbiker vom anderen Ende der Welt, sieht dies ähnlich. »Körperliches Fitneßtraining betreibe ich sechsmal pro Woche für mehrere Stunden. Die Fähigkeit zur absoluten Konzentration ist meines Erachtens bei mir vorhanden. Ich trainiere sie nicht speziell.« Tatsächlich fuhr Aaron Slight mit einer taktischer Meisterleistung in Misano zwei überzeugende Siege heraus. Er griff jeweils genau dann an, wenn Corser auch nur Andeutungen einer Verschnaufpause zeigte. Wobei sein Hauptgegner allerdings nicht sein gesamtes Potential ausschöpft. Dies jedenfalls meint die Sportpsychologin und frühere Weltklasse-Schwimmerin Marisa Muzio. »Ein Spitzensportler muß positives Gedankengut aufbauen können. Er muß sich kurzfristige Ziele setzen: nicht den großen Sieg in der Meisterschaft, sondern die perfekte Linie durch die nächste Kurve.« Marisa Muzio arbeitet mit der Agentur View Point zusammen, die auch Troy Corser managt. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu den längst fälligen Siegen. Die japanischen Fahrer sind der Arbeit mit Körper, Seele und Geist gegenüber offener. »Körperliche Fitneß und mentale Leistungsfähigkeit hängen direkt zusammen«, erklärt Kawasaki-Werksfahrer Akira Yanagawa, »vor allem aber zeigen sich Schwächen immer zuerst im mentalen Bereich. Vor vier Jahren im Kawasaki-Team in der japanischen Meisterschaft hat ein Personal-Trainer für mich ein spezielles Vorbereitungs-Programm ausgearbeitet, das auch Yoga und Medidationselemente beinhaltet. Das funktioniert ausgezeichnet.« Tatsächlich war Yanagawas Auftritt in Misano durchaus gelungen. Zwei fünfte Plätze, jeweils als bester Fahrer ohne Honda oder Ducati, entsprechen dem momentanen Niveau seiner Werks-Kawasaki. Daß der Japaner physisch wie mental sehr gut drauf war, zeigte sein engagierter Kampf gegen Colin Edwards am Ende des zweiten Rennens, den der Amerikaner nur mit der überlegenen Power seiner Werks-Honda RC 45 gewinnen konnte.Edwards hat übrigens eine sehr eigene, texanische Einstellung zur mentalen Vorbereitung. »Was meine Motivation angeht, hilft es mir am meisten, wenn ich mir vor dem Rennen vorstelle, daß ich später auf dem Podium stehe, das Sternenbanner sehe und die amerikanische Hymne für mich gespielt wird.« Wesentlich intensiver beschäftigt sich Noriyuki Haga, in Misano durch Sturz und Ausfall ohne Punkte, mit der persönlichen Rennvorbereitung. Leider spricht der Yamaha-Werksfahrer, körperlich nicht gerade das Ideal eines Leistungssportlers, kaum darüber: »Es ist eine intensive Sache, die ich zusammen mit meinem Bruder ausgearbeitet habe. Näheres aber muß unser Geheimnis bleiben.«Gar kein Geheimnis hat der zweifache Weltmeister Carl Fogarty: »Zum Frühstück zwei Bananen und später zum richtigen Zeitpunkt auf die Toilette. Das ist alles.« Aber derzeit anscheinend nicht genug für den Ducati-Werksfahrer, der im Fahrerlager sichtbar seine Kraft aus seinem Familienleben schöpft: Frau Michaela und seine zwei Kinder sind immer dabei. Die Ränge vier und drei brachten Fogarty zwar im WM-Zwischenstand vom sechsten auf den vierten Platz vor. Doch gegen Slight und Corser hatte er auch in Misano keine Chance. Und das unvergleichliche Feuer in seinen Augen brennt derzeit nur auf kleiner Flamme.Eine gewisse Grundaggressivität ist aber nötig, erklärt Superbike-Europameister Udo Mark, um auf der Strecke Leistung zu zeigen. »Meine Vorbereitung läuft nach einem immer wieder ähnlichen Programm«, so der Suzuki-Deutschland-Fahrer, »es gipfelt in einer Rückzugsphase eine Stunde vor dem Rennen und einer konzentrierten, fast schon meditativen ‘Abschlußkontrolle’ der Maschine. Dann folgt ein ganz kurzer Moment innerer Anspannung, und raus geht’s.« Und zwar mit viel Spaß, wie sein Trainingspartner auf der Kenny Roberts Ranch, Ex-Rennfahrer Jim Filice, predigt.Diesen Spaß hatte Udo Mark in Misano sicher im Infight um Platz neun im ersten Rennen mit dem Östereicher Andreas Meklau, auch wenn er ihn knapp verloren hat.

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