Superbike-WM in Monza/Italien (Archivversion)

Natinalfeiertag

Der Herzen der Tifosi schlagen hoch, wenn die Superbike-WM nach Monza kommt. Für Ducati, für Aprilia und natürlich für Pierfrancesco Chili. Aber nicht alle können gewinnen.

Die Stimmung der gut 60000 Italiener im königlichen Park von Monza war bestens. Schließlich standen die Chancen gut, dass am Ende ihre fröhlich schmetterende Nationalhymne erklingen würde. Die Ducati-Werksfahrer, allen voran der Australier Troy Bayliss, wollten die Riesenschlappe vom letzten Rennen in Japan wieder wettmachen, als Bayliss wie Ruben Xaus die Qualifikation für das Superpole-Zeitfahren um die 16 besten Startplätze verpasst hatten und auch in den Rennen blass geblieben waren.Ganz anders die Voraussetzung, aber das gleiche Ziel bei Aprilia. Troy Corser kam als klarer WM-Tabellenführer zum Heimspiel auf die Hochgeschwindigkeitsbahn nach Monza. Testfahrer Alessandro Antonello sorgte neben Aprilia-Nummer-zwei Régis Laconi für zusätzliche Unterstützung. »Getriebeabstimmung und Reifen passen bereits perfekt«, freute sich Corser schon nach dem ersten Training, »wir werden noch deutlich schneller fahren können.« Und war zu diesem Zeitpunkt bereits Drittschnellster. Die größte Unterstützung der Fans aber hat in Monza Pierfrancesco Chili. »Chilone - der große Chili«, wie ihn die Tifosi voller Ehrbezeugung neuerdings nennen, gilt in Italien längst als Ikone, auch wenn er noch nie einen WM-Titel gewonnen hat.Bei so vielen Helden müssen zwangsläufig auch tragische Rollen besetzt werden. Und diesen Part spielte auch diesmal der große Frankie Chili. Mit der fast schon als Gurke abgestempelten Suzuki GSX-R 750 schaffte er sensationelle 1.48,584 Minuten im Zeittraining und war plötzlich der absolute Favorit. Die Superpole-Runde dagegen verhaute er total und fiel auf Startplatz neun zurück. »Ausgangs der neuen ersten Schikane habe ich wohl zu früh Gas gegeben und brachte gewaltig Unruhe in die Fuhre«, ärgerte sich der traurige Held.Das war’s aber noch lange nicht für den guten Frankie. Im ersten Rennen traf ihn ein Gegner, der ihm seine tragische Führungsrolle in Monza streitig machte. Ausgerechnet Troy Corser knallte seine Aprilia ins Heck der Chili-Suzuki, in der ersten Schikane, die, gegenüber den Vorjahren geändert, nun eine ärgerliche Vollbremskurve ist. »Ich war zu spät auf der Bremse«, beichtete Corser, »und habe Frankie mit abgeräumt.« Dem Australier blieb nur der Fußmarsch zurück an die Box, während Kämpfer Chili dem Feld hinterherhetzte und noch 14. wurde.Bleiben für die Heldenrollen Weltmeister Colin Edwards und Troy Bayliss, die zusammen die zunächst vielköpfige Windschattengesellschaft an der Spitze durch zahllose Zwischenspurts sprengten. Und als die beiden dann in der letzten Runde allein waren, überraschte der Ducati-Frontmann den Champion. »Colin rechnete mit meinem Angriff erst beim Anbremsen der Parabolica, der letzten Kurve vor dem Ziel«, grinste Sieger Bayliss, »ich wusste aber, dass ich schneller aus der Ascari-Schikane auf die vorletzte Gerade herausfahren konnte.« Der Australier zwängte seine Ducati deutlich vor dem Parabolica-Bremspunkt an der Weltmeister-Honda vorbei und war um knapp sieben Hundertstelsekunden früher im Ziel. Dritter wurde ein glücklicher Akira Yanagawa auf der Werks-Kawasaki, nachdem sich die Ducati-Fahrer Ruben Xaus und Neil Hodgson gegenseitig eliminiert hatten. Die exakt gleiche Rollenverteilung herrschte im zweiten Rennen. Bayliss enteilte zusammen mit Edwards dem Rest der Superbike-Welt, hatte sich für das Finale aber eine Strategie-Variante zurecht gelegt: »In den letzten vier Runden habe ich attackiert wie vielleicht noch nie.« Tatsächlich hatte der Weltmeister dem Schlussangriff in Rot nichts entgegenzusetzen. »Was soll ich sagen«, gab der Texas Tornado klein bei, »heute hat alles perfekt funktioniert. Aber trotzdem war Troy Bayliss nicht zu packen, Respekt.«Rot, weiß, grün, in den italienischen Farben präsentierte sich das unveränderte Siegerpodest auch im zweiten Lauf. Diesmal zählte aber auch Yanagawa zu den heldenhaften Kämpfern. Im Finale hatte er in kürzester Zeit den im ersten Rennen gestürzten Honda-Nummer-zwei-Fahrer Tadayuki Okada wie auch Chilone gestellt, überholt und ganz cool auf den Rängen vier und fünf zurückgelassen. Zumindest Chili ließ sich davon den Tag nicht versauen. Auch ohne Podestrang feierte er in der Auslaufrunde mit seinem Publikum und kam in bester Monza-Tradition nur noch mit einer Radhose bekleidet zurück. Troy Corser dagegen war längst verschwunden. Nach zehn Runden hatte er seine Aprilia wegen herausgebrochener Gummistücke am Hinterreifen abgestellt – ein schwarzer Tag für die Schwarzen.Diese Erfahrung konnte das Wilbers-Yamaha-Deutschland-Team im Supersport-Rennen gerade noch verhindern. Weltmeister Jörg Teuchert machte sich vom katastrophalen Startplatz 18 auf einen langen Weg - und hätte fast gewonnen. Zu Beginn der letzten Runde tauchte die Yamaha mit der Nummer eins auf Rang zwei auf. »In der Hektik der letzten Runde - schließlich wollten da noch fünf andere das Rennen gewinnen - konnte ich meine Bremse nicht mehr nachjustieren und hatte dann natürlich keine perfekte Wirkung«, berichtete der am Ende Sechstplatzierte. Der Sieg ging an das Yamaha-Belgarda-Duo Jamie Whitham und Paolo Casoli.Teucherts Teamkollege Christian Kellner konnte von Startplatz elf ebenfalls in die Spitzengruppe vorfahren, stürzte aber wenige Runden vor Schluss. MOTORRAD-Mitarbeiter Markus Barth musste nach größeren technischen Problemen an seiner Alpha-Technik-Honda schon im Training auch im Rennen aufgeben. »Sie ist einfach ausgegangen«, so der Schwabe, dem ganz offensichtlich im Monza-Schauspiel 2001 auch eher eine der tragischen Rollen zugedacht war.
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Superbike-WM Monza/I (Archivversion)

ErgebnisseSuperbike: 1. Lauf, 18 Runden = 104,274 km1. Troy Bayliss (AUS) Ducati 32.55,293 min2. Colin Edwards (USA) Honda -0,0663. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -16,5594. Gregorio Lavilla (E) Kawasaki -16,6235. Régis Laconi (F) Aprilia -16,8006. Stéphane Chambon (F) Suzuki -33,8707. Lucio Pedercini (I) Ducati -45,6668. Giovanni Bussei (I) Ducati -49,1919. Mauro Sanchini (I) Ducati -49,25210. Marco Borciani (I) Ducati -52,20411. Bertrand Stey (F) Honda -53,59012. Alessandro Gramigni (I) Yamaha -1.01,09713. Juan Bautista Borja (E) Yamaha -1.06,56314. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -1.07,59515. Lodovic Holon (F) Kawasaki -1.28,200Schnitt des Siegers: 190,041 km/h2. Lauf, 18 Runden = 104,274 km1. Troy Bayliss (AUS) Ducati 32.57,108 min2. Colin Edwards (USA) Honda -3,3103. Akira Yanagawa (J) Kawasaki -8,3744. Tadayuki Okada (J) Honda -8,5975. Pierfrancesco Chili (I) Suzuki -9,1866. Ruben Xaus (E) Ducati -18,3227. Neil Hodgson (GB) Ducati -19,5908. Régis Laconi (F) Aprilia -20,3319. Stéphane Chambon (F) Suzuki -34,51510. Alessandro Gramigni (I) Yamaha -43,38911. Giovanni Bussei (I) Ducati -46,83312. Robert Ulm (A) Ducati -49,21213. Lucio Pedercini (I) Ducati -52,83814. Steve Martin (AUS) Ducati -55,19015. Mauro Sanchini (I) Ducati -55,544Schnitt des Siegers: 189,866 km/hPole Position: Bayliss in 1.48,649 km/h = 191,946 km/hSchnellste Rennrunde: Edwards in 1.48,913 min = 191,480 km/h (Rekord)WM-StandBayliss 150Corser 122Edwards 120Yanagawa 79Bostrom 74Chili 74Lavilla 68Hodgson 58Laconi 54Tamada 50Chambon 50Izutsu 43Okada 37Xaus 36Bussei 25Parkes 23Ulm 22Supersport: 16 Runden = 92,688 km1. James Whitham (GB) Yamaha 30.45,850 min2. Paolo Casoli (I) Yamaha -0.2783. Karl Muggeridge (AUS) Suzuki -0,5794. Andrew Pitt (AUS) Kawasaki -0,6445. Iain MacPherson (GB) Kawasaki -0,7806. Jörg Teuchert (D) Yamaha -0,8427. Vittoriano Guareschi (I) Ducati -1,6048. Fabrizio Pirovano (I) Suzuki -2,8079. Piergiorgio Bontempi (I) Yamaha -7,69610. Alessio Corradi (I) Yamaha -8,15011. Cristiano Migliorati (I) Honda -13,70012. Christophe Cogan (F) Yamaha -15,32213. Katsuaki Fujiwara (J) Suzuki -15,86014. Kevin Curtain (AUS) Honda -23,46215. Stéphane Le Grelle (B) Honda -23,642Schnitt des Siegers: 180,771 km/hPole Position: Guareschi in 1.53,858 min = 183,160 km/hSchnellste Rennrunde: Pitt in 1.54,271 min = 182,503 km/hWM-Stand:Casoli 58Pitt 50Riba 49Curtain 48Teuchert 38Muggeridge 37Guareschi 30Bontempi 29Whitham 25Pirovano 24Kellner 23Cogan 22Fergusson 20MacPherson 17Fujiwara 16Thomas 10Forêt 9

Parc fermé (Archivversion)

Neuer FahrervertreterGroßer alter MannTroy Corser, in der Vergangenheit nicht nur in der Sintflut von Phillip Island Wortführer, wenn es um Interessen und Sicherheit der Superbike-WM-Piloten geht, hatte es klar gesagt: »Wir brauchen einen Fahrervertreter, der unser Vertrauen hat, aber selbst nicht fährt, damit keiner ihm persönliches Vorteilsstreben unterstellt.« In Monza nun wurde bei einem Fahrermeeting dieser Mann gefunden. Der Brite Peter Ingley, in den 70er- und 80er- Jahren als Dunlop-Renndienstleiter zur Legende geworden, wirkt ab sofort als Sprachrohr der Aktiven im Superbike-WM-Zirkus.Gespann-WMAbgesprungenNicht schlecht gestaunt hat der an zweiter Stelle liegende Jörg Steinhausen, als er gegen Mitte des Gespann-Rennens sein LCR-Suzuki-Dreirad nicht mehr in die Ascari-Schikane einlenken konnte und unmittelbar danach den Grund dafür entdeckte. Co-Pilot Andy Hetherington war nämlich wenige hundert Meter vorher unfreiwillig ausgestiegen. »Ich fühlte mich schon den ganzen Tag nicht wohl und hatte in diesem Moment wohl ein Blackout«, entschuldigte sich der zum Glück nur leicht verschrammte Brite. Fahrer Steinhausen sieht jetzt besorgt in die Zukunft: »Monza ist nicht gerade die schwierigste Strecke für den Co. Und wenn er mir hier schon rauspurzelt...« Sieger wurden die österreichischen WM-Favoriten Klaus Klaffenböck und Christian Parzer.Superstock-EMDas Superstock-Rennen wurde in Monza von zwei Fahrern beherrscht, die in dieser Nachwuchsklasse eigentlich nichts mehr zu suchen haben. Der italienische Sieger Walter Tortoroglio, im Vorjahr schon auf vorderen Mittelfeld-Plätzen in der Supersport-WM zu finden und wohl nur abgestiegen, um den EM-Titel abzustauben, sowie Titelverteidiger James Ellison aus England fuhren auf ihren Suzuki GSX-R 1000 pro Runde bis zu zwei Sekunden schneller als der Rest. Als bester Deutscher wurde Benny Jerzenbeck auf seiner Steinhausen-Suzuki Vierter. Der Südtiroler Markus Wegscheider aus dem Team des hessischen Suzuki-Händlers Stefan Schmitt stürzte, den dritten Platz vor Augen.Noriyuki HagaSonntagsausflugSuperbike-Vizeweltmeister Noriyuki Haga lebt auch nach seinem Umstieg in die 500er-GP-WM noch immer im Umfeld des italienischen Importeurs Belgarda in Lesmo, nur wenige Kilometer von Monza entfernt, wo seines früheren Yamaha-WSBK-Team stationiert war. Grund genug für den notorischen Quertreiber, seine alten Freunde und Feinde zu besuchen. Ob er sich in der 500er-WM wohlfühlt? »Nein«, sagt er ohne weitere Erklärungen, wohl hauptsächlich an seine bisher noch spärlichen Erfolgserlebnisse denkend. Sein persönlicher Berater und früherer Superbike-Teamchef Davide Brivio verbreitet dagegen großen Optimismus: »Es ist in der GP-Szene Mode, Superbike-Umsteiger zunächst einmal schlecht zu machen. Zu Hagas bisherigen Vorstellungen nur so viel: Er ist in seinen ersten beiden GP gestürzt und wurde dann Zwölfter. Ein gewisser Valentino Rossi ist letztes Jahr zunächst zweimal gestürzt und wurde dann Elfter. Und schau, wo der heute, nur ein Jahr später, steht. Valentino selber übrigens hat großen Respekt vor Nori-chan.«Troy CorserErsatzbefriedigungSturz, keine WM-Punkte, Tabellenführung verloren – viel schlechter hätte das Monza-Wochenende für Aprilia-Superstar Troy Corser wohl kaum laufen können. Ganz ohne Lebensfreude dürfte der während der Europasaison in Italien lebende Australier aber dennoch zu den Aprilia-Testfahrten nach Misano weiter gereist sein. Denn er ist ebenso stolzer wie frischer Besitzer eines goldgelben Lamborghini Diablo, den er stolz im Monza-Fahrerlager präsentierte und der nun in den zwei Wochen bis zum nächsten Superbike-WM-Event am 27. Mai im mittelenglischen Donington Park als Ersatzdroge für die entgangenen Siege herhalten muss.

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