Superbike-WM in Monza/Italien (Archivversion) Sushiburger bolognese

Japan – Europa – USA. Aus drei verschiedenen Kontinenten kommen die Protagonisten der Superbike-WM 2000. Und sie suchen den Erfolg mit äußerst unterschiedlichen Mitteln.

Der große Favorit, der es nicht schafft, alle zu überstrahlen, der Überraschungsmann der 2000er-Saison unter Betrugsverdacht und der unangefochtene Volksheld, dem es im entscheidendem Moment dann doch nicht nach ganz vorn reicht – Colin Edwards, Noriyuki Haga und Pierfrancesco Chili sorgen derzeit für höchst vielfältige Action in der Superbike-Weltmeisterschaft, und das beileibe nicht nur auf der Strecke.Als Tabellenführer traten Noriyuki Haga und sein Yamaha-Werksteam in Monza zum Heimspiel an, zumindest, was die im nur wenige Kilometer entfernten Lesmo ansässige Crew um Hagas persönlichen Mechaniker Yoshihide Toda angeht. Aber eben auch mit dem Makel des Dopingsünders. Beim Saisonauftakt in Südafrika war der Japaner getestet worden, und die Analyse hatte zwölf Mikrogramm Ephedrin ergeben, ein stimulierendes Mittel, das unter anderem in Appetittzüglern und Fitnessnahrung enthalten ist. Und Haga hatte über den Winter tatsächlich sein Übergewicht massiv abgebaut und gleichzeitig ganz gewaltig an Muskeln aufgebaut.Das in Monza am Samstag veröffentlichte Ergebnis der B-Probe des für seinen radikalen Fahrstil berühmten Japaners bestätigte den Doping-Befund. Sie enthielt sogar 13,4 Mikrogramm der verbotenen Substanz. Doch da der Weltverband FIM bisher noch keinen Beschluss zum Strafmaß gegen Haga verkündet hat, bleibt er vorläufig in der WM-Wertung unangetastet und auch sein nicht gerade berauschendes Monza-Ergebnis, Rang fünf im zweiten Rennen nach Motorschaden an seiner Yamaha YZF-R7 im ersten Lauf, in den Rangliste.Die Strafe für den Samurai, der, wie er selber sagt, »als Yamaha-Angestellter mit dem Material, was mir zur Verfügung gestellt wird, mit allen Mitteln das Beste herausholen« muss, ist aber bereits absehbar: Haga wird die 45 WM-Punkte für den Sieg und den zweiten Platz beim Saisonauftakt in Kyalami verlieren. Darüber hinaus tritt eine Sperre von bis zu drei Monaten mit dem Tag der Entscheidung der FIM-Jury in Kraft, die in den nächsten Tagen erwartet wird. Das bedeutet für Noriyuki Haga, dass er im schlechtesten Falle erst am 3. September im niederländischen Assen wieder in der Superbike-WM antreten könnte.Weltmeister-Favorit Colin Edwards reagiert auf den wahrscheinlichen Ausfall seines hartnäckigsten und vor allem unerwartet lästigen Widersachers im Kampf um den WM-Titel 2000 eher cool. »Haga ist in einer Situation, in der er wahrscheinlich WM-Punkte verlieren wird, das macht es mir natürlich leichter«, so der Texas Tornado eher sachlich, »aber es geht ja hauptsächlich darum, einzelne Rennen zu gewinnen. Diesbezüglich habe ich es zumindest hier in Monza mit jemand ganz anderem zu tun.«Und in jeder Runde der beiden Rennen wurde der Honda-Werksfahrer bei der Fahrt durch die Ascari-Schikane neu daran erinnert. Pierfrancesco Chili, trotz seines nicht ganz freiwilligen Wechsels vom Ducati-Werksteam in die Suzuki-Alstare-Corona-Truppe nach wie vor der große Volksheld der italienischen Motorradsport-Fanatiker, quetschte aus sich und seiner 1999er-Werks-Suzuki GSX-R 750 alles, um Colin Edwards und dessen Castrol-Honda-Crew Paroli zu bieten. Im ersten Rennen durchaus mit Erfolg. Eine ganze Reihe von in Monza nie dagewesenen Rekordrunden brachten Frankie nach eher schwachem Start schon bald an das Hinterrad des bis dahin unberührbaren Spitzenreiter Edwards. Und in der allerletzten Kurve, der berühmt-berüchtigten Parabolica unmittelbar vor der Monza-Zielgeraden, schlug der alte Fuchs Chili zu. »Die Parabolica gehört mir«, lachte der Sieger auf dem Podest, »da kann ich machen, was ich will.«Jenseits von gut und böse bremste der Italiener die blau-gelbe Suzuki zusammen. Wirbelwind Edwards konnte nur verdutzt zuschauen und fand auf dem Weg zur Ziellinie auch keinen Weg mehr, seine Honda VTR 1000 SPW wieder nach vorn zu bringen. »Natürlich bin ich enttäuscht, trotz der WM-Tabellenführung«, resümierte der Texaner, um genau 28 Tausendstelsekunden geschlagen, »aber Frankie hat mich fair und sauber überholt.«Das zweite Rennen sah zu Beginn so aus, wie es nicht nur die knapp 70000 Fans in Monza erwartet haben. Edwards und Chili hatten nämlich ein paar nicht allzu angenehme Spielkameraden im Nacken. Akira Yanagawa auf Kawasaki und Ducati-Aushilfswerksfahrer Troy Bayliss aus Australien, der mit in einer gewagten Aktion drei Gegner auf einmal überholte, übernahmen kurzzeitig sogar die Führung. Und auch der hoffentlich dopingfreie Noriyuki Haga konnte in der ersten Rennhälfte das Tempo an der Spitze mitgehen.Aber es war alles nur taktische Spielerei. Colin Edwards nämlich hatte an der Spitze deutlich weniger forciert als im ersten Rennen, »weil ich wollte, dass der eine oder andere dann vielleicht seinerseits von hinten etwas Druck machen und damit Chili etwas beschäftigen würde. Doch offensichtlich war der Trick für Frankie ein bisschen zu billig.«Denn unter großem Jubel der Tribüne an der Ascari-Schikane, eines einzigen massiven Chili-Fanblocks, forcierte der Publikumsliebling das Tempo seinerseits und zwang den Honda-Top-Fahrer doch wieder in das finale Duell, bis in der letzten Runde in der zweiten Lesmo-Kurve ausgerechnet der alte Meister kurz die Konzentration verlor. »Ich war zu spät auf der Bremse, musste ein bisschen zaubern, und am Ausgang stieg auch noch das Vorderrad auf.« Colin Edwards hatte so ein paar Motorradlängen Luft gewonnen. Genug, um diesmal unbeschadet durch die Parabolica zu kommen und sich mit 31 Tausendstelsekunden vor Chilis Suzuki ins Ziel zu retten.»Es ärgert mich für die Fans, weil ich das Rennen durch einen kleinen Fehler verloren habe«, war der einzige Satz, der vom leicht frustrierten Frankie Chili im Ziel zu hören war. Denn der Italiener wurde während der Auslaufrunde längst von der Masse seiner auch nach diesem Rennen völlig enthusiastischen Fans in Beschlag genommen, die ihm förmlich seine Klamotten vom Leib rissen. Handschuhe, Helm, Rennstiefel und letztlich sogar die Lederkombi fanden, hoffentlich nach nicht allzu groben Rangeleien, überglückliche neue Besitzer in der Menge.Ebenfalls durchaus guter Laune verließen die vier deutschsprachigen Superbiker den königlichen Park von Monza. Im österreichischen Gerin-Ducati-Team waren die Ergebnisse zwar eher durchwachsen, Rang zehn und Motorschaden für Robert Ulm, Disqualifikation wegen Nichtannahme einer Stop-and-Go-Strafe und Rang acht für Andreas Meklau. Aber immerhin gehörten die Ducati-Triebwerke von Teamtechniker Charlie Putz wieder einmal zu den allerschnellsten.Und das deutsche Alpha-Technik-Yamaha-Team konnte beim zweiten Auftritt in der Superbike-WM bereits die ersten Punkteränge feiern. MOTORRAD-Testfahrer Markus Barth buchte mit den Rängen 15 und zwölf sogar zweimal WM-Zähler. Jürgen Oelschläger belegte die Plätze 18 und 13.Um die propere Präsentation der japanischen Elemente kümmerte sich in dem Durcheinander um Haga schließlich Akira Yanagawa, der seine Werks-Kawasaki zweimal auf Rang drei ins Ziel brachte, während sein Teamkollege Gregorio Lavilla, gerade halbwegs von einem Kahnbeinbruch wieder fit und im ersten Lauf auf Platz sechs, sich im zweiten Rennen bei einem Sturz die Hüfte brach.

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