Superbike-WM in Monza/Italien (Archivversion) Der Plan war gut

Aber er klappte nicht. Fest eingeplant waren bei Honda zwei Siege auf der Power-Bahn von Monza. Doch dann kam der Weltmeister.

Colin Edwards war der unantastbare Chef in Monza. Überlegen stand der Vorjahres-Doppelsieger auf der Pole Position. Einzig sein Teamkollege Aaron Slight hätte Edwards Kreise auf der italienischen Hochgeschwindigkeitsbahn stören können. Aber der war im Wortsinne eingebremst. Das ganze Wochenende kämpfte seine Techniker-Crew mit den Tücken der Nissin-Bremsanlage an der Werks-Honda des Neuseeländers.Dennoch war die Chefetage bei Castrol-Honda bester Dinge. Der Chef des Castrol-Honda-Racing-Teams, Neil Tuxworth, hatte angesichts des zu erwartenden Triumphs Heijiro Yoshimura, Managing Director der Honda Racing Corporation (HCR), eingeladen, der fast nie auf europäischen Rennstrecken erscheint. Yoshimura hielt sich zwar - für einen ranghöheren Honda-Managern nicht ungewöhnlich - in sehr freundlicher und höflicher Weise zurück, wenn er nach Habhafterem bezüglich der Zukunftsplanung von HRC gefragt wurde. Dennoch ließen seine Worte erkennen, daß Honda möglicherweise längerfristig am V4-Motorenkonzept festhält.Denn zu dem bereits im Rennstreckentest laufenden 1000er V2-Superbike sagte der japanische Top-Manager: »Honda richtet seine Aktivitäten in der Superbike-WM an Marketing-Ansprüchen aus. Wir werden immer das Motorenkonzept einsetzen, das auch im Verkaufsprogramm eine wesentliche Rolle spielt. Natürlich vergessen wir dabei nicht unseren Grundsatz: Honda fährt Rennen, um zu gewinnen.«Im Klartext: Honda hat Anfang 1999 die Homologation der alten RC 45 bis Ende 2000 ein zweites Mal verlängert und wird danach den V2 nur einsetzen, wenn es Markt-Gesichtspunkte erfordern oder es unbedingt nötig ist, um zu gewinnen. Da Honda in der Serien-Fertigung auch weiterhin massiv auf V4-Konzepte setzt und unabhängig davon die Tests mit dem Twin nicht sehr ermutigend verlaufen, darf eher ein völlig neuer V4-Superbike-Motor erwartet werden. Darauf angesprochen, hält sich der hohe Gast selbstverständlich sehr zurück: »Darüber kann ich nichts sagen, aber wenn es zum Siegen notwendig ist, werden wir darüber nachdenken.«Erstaunliches wußte der Honda-Renn-Boß in Sachen Grand Prix-Viertakter und ihre Auswirkungen auf die Superbike-WM zu berichten: »Es ist schlichtweg nicht richtig, daß der Vorschlag für 1000 cm³-Grand Prix-Maschinen mit freigegebener Zylinderzahl von Honda gekommen ist. Honda hat überhaupt keinen Vorschlag gemacht. Wir werden abwarten und akzeptieren, was der internationale Motorradsportverband FIM entscheidet. GP und Superbike-WM müssen aber nebeneinander bestehen bleiben. Honda braucht Grand Prix-Siege zur Imagepflege und Superbike-Erfolge zur Marketing-Förderung.«Teamchef Neil Tuxworth sieht im übrigen ein klare Aufgabenteilung zwischen HRC und seiner Truppe. »Es herrscht eine reger Austausch zwischen dem Castrol-Honda-Team und HRC«, erläutert der Brite, »dennoch läuft die gesamte Konstruktion und Entwicklung in Japan. Ebenso konzeptionelle Entscheidungen, mit welchem Motorrad, mit welcher Motorenvariante gefahren wird. Wir sind dafür da, mit dem von HRC vorgegebenen Material Rennen zu gewinnen.«Genau dies hat in Monza völlig überraschend ein Mann verhindert, der zu den privaten Freunden von Tuxworth gehört. Der Honda-Teammanager und Carl Fogarty kennen sich seit Kindertagen, »und ich habe es sehr bedauert, als er uns Ende 1996 wieder verlassen hat«. Am Sonntag abend war das Bedauern des Herrn Tuxworth noch etwas größer. Denn der dreifache Weltmeister ist bekanntlich am gefährlichsten, wenn keiner mit ihm rechnet. Vom sechsten Startplatz in der zweiten Reihe mischte sich der Ducati-Fahrer in beiden Rennen sofort in die Spitzenkämpfe ein. Zunächst balgte er sich mit seinem Teamkollegen Troy Corser und später mit dem schwach gestarteten Colin Edwards, der den Brachialakt vollbrachte, einen Rückstand von vier Sekunden auf Corser und Fogarty ohne jegliche Windschattenunterstützung wettzumachen.In der letzten Runde - Corser war inzwischen hinter den erstaunlich schnellen Pierfrancesco Chili und seine Werks-Suzuki zurückgefallen - schlug Fogarty mit großer List zu. Bereits in der Roggia-Schikane zwängte sich der Champion an der Honda vorbei und konnte durch die beiden Lesmo-Kurven die entscheidenden Meter zwischen sich und Edwards legen, die der Texaner auf den beiden Geraden zum Ziel auch mit überlegener Honda-Power nicht mehr wettmachen konnte.Im zweiten Rennen kam es wieder zum Duell gegen Edwards, in das Publikumsliebling Chili sich munter einmischte. Ausgerechnet in der Roggia, wo Foggy am stärksten schien, machte er in der letzten Runde einen schweren Fehler und fiel sogar hinter Chili auf Rang drei zurück. In der trickreichen Parabolica, der mythenumwobenen Zielkurve von Monza, wurde Edwards fast von seiner Honda abgeworfen, weil er zu früh ans Gas ging. Fogarty umschiffte den Texas-Tornado außenrum und gewann um fünf Tausendstelsekunden.Damit hat er den Honda-Monza-Nimbus zerstört und gezeigt, daß man auch nach der Verlegung der Ziellinie um gut 400 Meter gegen die Rennrichtung auf dem kurzen Weg zur Linie immer noch gewinnen kann, wenn man nicht als Erster in die Parabolica einbiegt.

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