Superbike-WM in Oschersleben und Assen/Niederlande (Archivversion) Sturmwarnung

Im letzten Saisondrittel wirbelt Texas Tornado Colin Edwards ohne Gnade durch die Superbike-WM und findet nur noch im virtuellen Kampf mit den MotoGP-Top-Stars ernsthafte Konkurrenz.

In der Superbike-WM scheint es keine Gegner mehr zu geben für Colin Edwards. Ebenso souverän wie Titelverteidiger Troy Bayliss auf seiner Werks-Ducati in der ersten Saisonhälfte dominiert der Superbike-Weltmeister von 2000 die zweite Halbzeit. Den zwei erwarteten Siegen in Oschersleben ließ der Honda-Solist auf dem noch im Umbau befindlichen GP-Kurs im niederländischen Assen zwei nie gefährdete weitere folgen. Troy Bayliss versuchte derweil, im Vertrauen auf seine insgesamt 14 Saisonsiege mit der bisherigen Taktik von Edwards –im Zweifel einfach Zweiter werden – seinen Puntkevorsprung nach Hause zu schaukeln.Aber dieser Plan klappte nicht mehr im zweiten Lauf von Assen. Völlig unstandesgemäß stürzte der Champion und überreichte so ausgerechnet vor dem Saisonfinale in Imola, kaum 40 Kilometer von den Ducati-Werkshallen entfernt, die WM-Tabellenführung an Colin Edwards. 502 zu 501 Punkte steht es für den Texaner, der außer seinem speziellen Freund Bayliss in der Superbike-WM längst keine Gegner mehr hat.Und deshalb suchen wir für ihn ganz neue Konkurrenten. Denn die Piste in Assen, eine von weltweit gerade mal drei Rennstrecken, auf denen MotoGP-Rennen wie auch Superbike-WM-Läufe gefahren werden, bietet sich nachgerade an für einen Systemvergleich der beiden Spitzenkategorien im Motorradrennsport. Noch dazu war der zurzeit in einer Zwitter-Generation zwischen der alten und der neuen, endgültig erst in drei Jahren fertiggestellten Version befahrene TT-Circuit in Assen sowohl für die Superbike-WM wie auch für MotoGP Neuland.Vom ersten freien Training an orientierten sich Edwards, Bayliss sowie die anderen Superbike-Helden neben der sich zuspitzenden WM-Situation, dem auf Hochtouren laufenden Transfer-Karussell (siehe Superbike-Journal), ganz wesentlich an den Ranglisten des MotoGP-Laufs vom Juni. Und die schnellsten Superbiker waren ganz nah dran an den Rundenzeiten der neuen Grand-Prix-Viertakter. Nur knapp drei Zehntel betrug der Rückstand von Edwards in seiner schnellsten Runde vor dem Superpole-Einzel-Zeitfahren, das in der Superbike-WM über die besten 16 Startplätze entscheidet.Genau diese eine entscheidende schnelle Runde von Edwards wurde dann aber zur kuriosesten der gesamten Saison. In den Zwischenzeiten deutlich schneller als Rossi auf seinem Weg zur GP-Pole im Juni, wollte der Texas Tornado in der Zielschikane zu viel, musste über das Kiesbeet räubern, blieb aber am Gas und schaffte dennoch die Pole Position mit 2.01,743 Minuten, gerade mal fünf Hundertstelsekunden langsamer als Herr Rossi.Der spanische Heißsporn Ruben Xaus war schon am Samstagmorgen mit seiner Werks-Ducati bei einer ähnlich schnellen Runde gestürzt, schaffte es jedoch, wenn auch »nur« im freien Training vor der Superpole-Qualifikation, mit 2.01,680 Minuten die Rossi-Bestzeit um elf Tausendstelsekunden zu knacken.Insgesamt stünden in einer virtuellen Startaufstellung, hätte man die Bestzeiten aus MotoGP und Superbike-WM zusammengelegt, in den ersten drei Startreihen jeweils zwei GP- und zwei Superbikes mit einer Frontreihe Rossi, Biaggi, Edwards, Xaus innerhalb von gerade mal sechs Hundertstel. Genug zündender Gesprächsstoff also im Fahrerlager. Colin Edwards selber freute sich zwar hauptsächlich über seinen Offroad-Coup, der ihm die Pole Positon erhalten hat, konnte sich aber dennoch einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: »Unsere Superbikes sind 30 Kilogramm schwerer als die GP-Bikes und angeblich fast 40 PS schwächer.«Die Analyse des angriffslustigen Ruben Xaus fiel etwas trockener aus: »Ich habe immer schon behauptet, dass die Superbike-WM mindestens gleichwertig ist. Jetzt haben wir endlich den Beweis.«Etwas nachdenklicher äußerte sich Harald Eckl, als Chef des Kawasaki-Racing-Teams im kommenden Jahr bekanntlich Umsteiger aus der Superbike-WM in die MotoGP-Szene. »Das Niveau der Superbike-Spitze im Vergleich zu den Top-GP-Fahrern ist beeindruckend, aber nicht wirklich überraschend«, so der bayerische Ex-Rennfahrer, »denn beide Serien haben ganz vorn hervorragende Fahrer. Und dies ist für mich auch der entscheidende Faktor. Denn nicht nur die GP-Bikes, sondern eben auch die Superbikes sind inzwischen auf einer Ebene angekommen, wo es längst nicht mehr um pure Spitzenleistung oder geringstes Gewicht geht.«Noch deutlicher wird Eckl, wenn es um die Hintergründe der beiden WM-Serien geht: »Das Vergleichsergebnis ist ernüchternd für MotoGP, vor allem, wenn wir denn horrenden Unterschied der Kosten für ein Superbike und für eine MotoGP-Maschine anschauen. Das zeigt, dass du als Teamchef besser in einen Top-Fahrer investieren solltest als in die letzten technischen Feinheiten. Bei einem Etat von 10 Millionen Euro würde ich eher sechs für den Fahrer bezahlen und nur vier für den Rest als umgekehrt.« Leider ist Harald Eckl und seinem Kawasaki MotoGP-Team mit Loris Capirossi ein Fahrer dieser Super-Kategorie durch die Lappen gegangen, »Capirex« wird mit Troy Bayliss die neue MotoGP-Ducati fahren.Betrachten wir nach der Startaufstellung in Assen die Durchschnittsgeschwindigkeiten in den Rennen der Superbikes und der MotoGP-Klasse, erhält die vermeintliche Königsklasse wieder ein wenig Glanz. Colin Edwards wäre mit seinem Honda-Superbike-Twin, der in den letzten Monaten einen völlig neuen Motor sowie vor allem an der Hinterhand ein ganz massiv überarbeitetes Fahrwerk bekommen hat, hinter den Superstars Rossi, Barros, Checa und Biaggi Fünfter geworden. Hondas MotoGP-Fahrer-Nummer zwei, Tohru Ukawa, aber war beim Assen-GP mit seiner sündhaft teuren Überflieger-Honda-RC211V ebenso wie Suzuki-MotoGP-Fahrer Kenny Roberts nicht nur langsamer unterwegs als Edwards, Bayliss, Noriyuki Haga auf der Werks-Aprilia und Xaus. Nein, auch der in Assen unglaubliche Frankie Chili war auf dem Weg zu einem von über 60000 Fans frenetisch bejubelten zweiten Platz im zweiten Rennen noch flotter unterwegs als Ukawa und seine Wunderwaffe. Und dies mit einem Ducati-Production-Racer aus dem Vorjahr, wie ihn sein NCR-Team zu Saisonende wohl für weniger als 50000 Euro verkaufen würde.Angesprochen auf die extreme finanzielle Diskrepanz zwischen Superbike und MotoGP bei offensichtlich gleicher Performance, relativiert aber zum Beispiel Hondas Repräsentant in der Superbike-WM, Markus Schneider: »Ein MotoGP- und ein Superbike-WM-Projekt sind schwer gegeneinander aufzurechnen. Wo fängst du beim Superbike an zu rechnen, wenn die fertige VTR 1000 SP-2 bei HRC in der Rennabteilung ankommt, oder schon mit Beginn der Entwicklung des Basisbikes, das es ohne Superbike-WM vielleicht gar nicht geben würde? Ich möchte mich nicht festlegen, was günstiger ist.«Harald Eckl lässt dieses Argument nicht ohne weiteres stehen: »Die Basis-Maschinen sind Straßenmaschinen, die können und sollen verkauft werden. Da kommt Geld rein. Nein, die Superbike-WM ist bei gleicher Performance wesentlich billiger als MotoGP. Sie ist auch die bessere Meisterschaftsserie, zur Zeit leider nur schlechter organisiert.« Ein erstaunliches Abschlusszeugnis von dem Mann, der gerade im begriff ist, vond er Superbike-WM zu Moto-GP zu wechseln.

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