Superbike-WM in Phillip Island/AUS (Archivversion) Haga, der Schreckliche

Yamaha-As Noriyuki Haga, gefährlichster Angreifer beim Superbike-WM-Start, fährt nicht nur unerschrocken durch den stärksten Sturm. Nach einem Sieg feiert er auch wie ein Wikinger.

Wenn Noriyuki Haga in der Kurve seitlich aus dem Sattel rutscht, blinkt seinen Verfolgern ein kurzes, aber präzises Signal entgegen. »I´m gone«, verraten die weißen Lederbuchstaben auf der Kehrseite seiner Rennkombi. Keinem der großen Superbike-WM-Stars fiel dazu eine Antwort ein, als sich der 23-jährige im zweiten Lauf des Saisonauftakts im australischen Phillip Island zu seinem ersten Sieg außerhalb von Japan durchkämpfte. »Der fährt ein bißchen schneller als normal«, grinste Carl Fogarty, der den ersten Lauf überlegen gewonnen, mit Rang drei im zweiten die WM-Führung verteidigt hatte und alles in allem noch am wenigsten gedemütigt wurde. »Wer mir diesen Erfolg vor zwei Wochen prophezeit hätte, den hätte ich glatt für verrückt erklärt. Ich war mental noch gar nicht aufs Rennfahren vorbereitet, fühlte mich niedergeschlagen und hatte schlichtweg keine Lust. Ich war wirklich überrascht, wie einfach alles war«, erklärte der Engländer, der sich im Winter einer Kreuzbandoperation am Knie unterzogen hatte. »Nur im zweiten Lauf spielte uns das Wetter einen Streich. Erst war es glutheiß, und wir entschieden uns für eine härtere Mischung. Dann war es plötzlich bitter kalt, und ich hatte keinen Grip«. Foggy ging in Runde 16 mit seiner Werks-Ducati kurz in Führug, war am Ende aber noch froh über Platz drei, weil sich sein Hinterreifen aufzulösen begann und für seltsame Vibrationen sorgte. Noch schlimmer erwischte es seinen italienischen Markenkollegen Pierfrancesco Chili. Schon im ersten Lauf wegen eines früh verschlissenen Hinterreifens auf Platz vier zurückgeworfen, stürmte er im zweiten Heat abermals kurz nach vorne, zwängte sich beim Anbremsen einer Haarnadelkurve zu Rennmitte aber unversehens in den Notausgang und gab auf - die Lauffläche seines Pneus hing in Fetzen herab. Und auch dem dritten Ducati-Werksfahrer spielten die sonst so zuverlässigen Michelins einen Streich. Troy Corser, der im ersten Lauf Zweiter geworden war, fiel im zweiten Durchgang hilflos auf den sechsten Platz zurück und war drauf und dran, noch vor Errreichen der Zielflagge das Handtuch zu werfen. »Auch wir entschieden uns für eine härtere Mischung und griffen daneben. Ich hatte keinerlei Grip, ab der vierten Runde war es gräßlich. An Gasgeben in Schräglage war nicht zu denken. Bei all den schnellen Linkskurven hier in Phillip Island ist Schnellfahren unter solchen Bedingungen furchterregend«. Selbst der diplomatische Aaron Slight nahm kein Blatt vor den Mund. »Hier in Phillip Island haben wir immer unsere liebe Not mit dem Hinterreifen, und heute war keine Ausnahme. Mit einem besseren Reifen hätte ich mehr ausrichten können, doch wir hatten keinen«, nörgelte der Neuseeländer. In den letzten drei Runden gelang es dem Honda-Star zwar, sich an Hagas Fährte zu heften, doch ernsthaft gefährden konnte er den Japaner nicht. Indirekt hatte Slight das Duell mit Haga schon im ersten Lauf verloren: Als die beiden auf den überrundeten Franzosen Jean-Marc Deletang aufliefen, huschte Haga schlau und ungefährdet innen vorbei. Leider richtete Deletang vor lauter Schreck auf - und schoß Slight ab, der außenherum vorbei wollte. »Von diesem Nachzügler abgeschossen zu werden, das war das Schrecklichste, was mir je passiert ist«, seufzte Slight vor Kummer. Peinlicher noch war Yamaha-Werkspilot Scott Russell berührt. So indiskutabel es war, sich mit den Plätzen zehn und acht abkanzeln zu lassen, so frustrierend muß es gewesen sein, dem jungen Teamkollegen bei der Fahrt auf Platz drei und Platz eins zuzusehen, zumal Haga jene Dunlop-Reifen einsetzte, die Russell bei seinem Wechsel zu Michelin verschmäht hatte. Vergessen war der Ruhm des Daytona-Sieges, und statt der üblichen Partylaune nach dem Rennen trug der siegversessene Amerikaner ein Gesicht zur Schau, als habe er Salzsäure getrunken. »Der Haga läßt die Werks-Yamaha in einem ganz anderen Licht erscheinen. Jetzt hat der Scott ein Problem«, erkannte Kawasaki-Teammanager Harald Eckl. Während sein Star Akira Yanagawa von unerwarteten Fahrwerksproblemen in den schnellen Phillip Island-Kurven aufgehalten wurde und mit zwei umsichtig nach Hause gebrachten fünften Plätzen noch das Beste aus der Situation machte, driftete Haga unerschrocken auch bei Tempo 200 über beide Räder - obwohl er den Inselkurs bei Tests vor dem Rennen zum ersten Mal gesehen hatte. »In manchen der Kurven gibt´s drei gleichwertige Linien. Überholmöglichkeiten bietet die Strecke in Hülle und Fülle«, schwärmte Haga schon nach dem ersten offiziellen Training. Daß orkanartige Böen am Rennsonntag die Zielgerade hinunterfegten und die Motorräder in den anschließenden Linkskurven aus der Spur zu hebeln drohten, schockierte ihn nicht im geringsten. Nur ein paar Rückenverspannungen machten ihm zu schaffen, nachdem er sein Motorrad wie ein Wikinger im Sturm mit schierer Muskelkraft auf dem richtigen Kurs gehalten und zum dritten Platz im ersten Lauf geprügelt hatte. »Doch mein Physiotherapeut massierte mich vor dem zweiten Rennen wieder topfit, und ich genoß es, mit den anderen um die Wette zu fahren. Ein paar von ihnen sind alte Bekannte von den Rennen in Sugo, und im Training versuchte ich, mir ihre Tricks anzuschauen. Doch sobald das Rennen gestartet wurde, vergaß ich, wer wer war und konzentrierte mich nur noch aufs Gasgeben. Ich mag es, in Führung zu liegen, und nahm mir vor, bei einem Gegenschlag so dicht wie möglich dranzubleiben. Das glückte, und im richtigen Moment war ich wieder vorn«, erklärte Haga. Der Japaner bestritt schon als vierjähriger Knirps seine ersten Pocket Bike-Rennen, stieg schnell über die nationalen 250-cm3-Klassen in die All Japan Superbike Championship auf, gewann 1996 mit 21 zum ersten Mal die prestigeträchtigen Acht Stunden von Suzuka und wurde im letzten Jahr japanischer Meister. Haga, der sich in der Freizeit am liebsten auf dem Snowboard oder dem Jet-Ski herumtreibt, erschreckte die Superbike-Weltelite als Debütant im letzten Jahr bereits mit einem Sieg in Japan. Beim Saisonfinale in Indonesien eroberte er abermals einen Podestplatz, worauf er im »Hard Rock Café« von Jakarta bewies, daß er nicht nur fahren, sondern auch feiern kann wie ein Wikinger. Haga, der Schreckliche, tanzte auf den Tischen und warf mit Kartoffelkroketten um sich, die er zuvor in Barbecuesauce getaucht hatte. Denn obwohl Haga früh von Yamaha unter die Fittiche genommen wurde, ist der 23jähige alles andere als ein braver Angestellter und versprach japanischen Fotografen bereits, wie Aaron Slight bei jedem Rennen mit einer anderen Haartracht anzutreten. »Er ist wild. Manchmal zu wild«, flüstert sein japanischer Teammanager. »Er ist perfekt, im professionellen ebenso wie im menschlichen Bereich«, sieht es der italienische Yamaha-Teamchef Davide Brivio. »Er ist ein toller Typ und ein toller Kämpfer. Gut für ihn, gut für Yamaha«, faßte Troy Corser das Wochenende zusammen. Und Aaron Slight brachte es schließlich auf den Begriff. »Sehr aggressiv auf der Rennstrecke und ein Spaßvogel abseits. Er ist sein Geld wert - und er ist genau das, was dieser Sport braucht«.

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