Superbike-WM in Phillip Island/Australien (Archivversion) Ach du dickes Ei

Für Aprilia und Bimota fiel Weihnachten diesmal auf Ostern. Beide Hersteller holten sich beim Eiertanz im verregneten Australien ihre allerersten Superbike-Siege.

Bimota-Werksfahrer Anthony Gobert machte seiner Mechaniker-Crew am Vorstart unmissverständlich klar, dass sie ihre Hände gefälligst von den Reifen des blutjungen Superbikes lassen sollten – auch wenn sonst kaum jemand auf die butterweichen und stark profilierten Regenpneus setzte und am Horizont bereits blauer Himmel aufblitzte. »Die Jungs hatten schon ihre Schraubenschlüssel angesetzt«, berichtet der 25-Jährige nach dem Lauf, »da habe ich kurzentschlossen gesagt: Die Dinger bleiben drauf.«Und was dann geschah, war kaum zu fassen. Von seinem elften Startplatz surfte er im Stile eines Slalomläufers zwischen den Gegnern hindurch und hatte nach der ersten Runde schon neun Sekunden Vorsprung. In der vierten Runde dauerte es zur Freude der euphorischen australischen Fans und zum Entsetzen des Rests der Superbike-Welt bereits 40 Sekunden, bis das Feld nach Gobert auf die Zielgerade einbog.»Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits auf den Cruiser-Modus umgeschaltet und nicht mehr allzu sehr attackiert«, feixte das ehemalige Enfant terrible des Motorradsports, der von immer wieder auftretenden kleinen Regenschauern zum Sieg getragen wurde – letztlich knapp 30 Sekunden vor Carl Fogarty. Wie fast alle anderen Fahrer auf Intermediate-Reifen setzend, zeigte der Weltmeister ein weiteres Mal auch im Nassen ungewohnte Stärke. »Jedes Mal, wenn ich auf abtrocknender Bahn dramatisch auf Gobert Boden gut machen konnte, fing es immer wieder zu regnen an«, so Foggy ärgerlich, »es war wie verhext.«Ebenso feucht wie auf der Strecke ging es nach dem Sieg in der Bimota-Box zu. Es flossen Champagner und Freudentränen in Strömen. Der neue Bimota-Cheftechniker Franco Farné, nach jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit unehrenhaft bei Ducati entlassen, war vor Freude völlig aufgelöst. »Du darst nicht vergessen«, so der ausgelassene Farné, »dass es unser Team und unser Rennmotorrad im November eigentlich noch gar nicht gegeben hat und wir die Zeit, in der Anthony in Misano testen konnte, noch in Stunden, nicht in Tagen rechnen.«Bereits auf eine ganze Reihe von Test-Tagen dürfte dagegen der zweite Australier auf einem italienischen Superbike, Ex-Weltmeister Troy Corser, zurückblicken können. Schließlich ist sein Aprilia-Werksteam schon ein Jahr im Geschäft. Aber als ein Siegermotorrad erschien die Aprilia trotz zweier Superpole-Bestzeiten von Corser in Kyalami und in Phillip Island vor dem Australien-Wochenende so wenig wie Goberts Bimota.Doch auch im zweiten Rennen schlug der leidenschaftliche italienische Sportsgeist zu, der offensichtlich ausgerechnet in Australien fruchtbarsten Boden fand. Diesmal gerechterweise zu Gunsten der zweiten australo-italienischen Kombination mit Aprilia und Troy Corser – und dem richtigen Tipp für die Reifenwahl. Vorn Intermediate, hinten ein geschnittener Slick mit nur wenigen Rillen stand im zweiten Lauf auf dem Gewinnerfeld des Reifenroulettes. Beim Start noch pitschnass, trocknete die Phillip Island-Piste ohne weitere Regenfälle viel schneller ab, als zum Beispiel die anfangs dominierenden Honda-Werksfahrer Colin Edwards und Simon Crafar wahrhaben wollten.Nach zehn Runden war die Honda-Herrlichkeit vorbei, und mit Yamaha-Superheld Noriyuki Haga, Suzuki-Werksfahrer Pierfrancesco Chili und Corser übernahmen drei auf identischen Dunlop-Pneus ausgerückte und ausgewiesene Regenmeister das Kommando. Vor allem Corser und Chili hatten ihre Reputation diesbezüglich jedoch erst wieder zu beweisen, da Corser in der ersten Runde, Chili in der dritten im ersten Rennen gestürzt waren. »Ich hatte einiges gutzumachen«, grinste denn auch Sieger Corser, nachdem er Haga und Chili niedergerungen hatte, »und mein Start beim zweiten Lauf war ja edenfalls nicht gerade sehr gelungen. Aber grundsätzlich muss ich zugeben, dass es heute hauptsächlich darum ging, das Glück auf seiner Seite zu haben.«Dennoch waren sowohl Anthony Gobert – in Lauf zwei übrigens auf Rang neun im Ziel – wie auch Troy Corser sicherlich voll heimlicher Schadenfreude. Schließlich haben beide, vom erfolgsverwöhnten Ducati-Werksteam verschmäht respektive verjagt, ausgerechnet mit bisher kaum Ernst genommenen anderen italienischen Zweizylinder-Superbikes in kürzester Zeit Siege feiern können, noch bevor Ducati in der Millenniumssaison auch nur einen einzigen Triumph vorzuweisen hat.Getrübt wurde dieses Hochgefühl allerdings durch einen furchterregenden Sturz des Weltmeisters. Carl Fogarty war nach einem völlig verpatzten Start Zwölfter, als er mit dem österreichischen Ducati-Fahrer Robert Ulm im Kampf um die extrem schmale, schon etwas abgetrocknete Ideallinie in einer pfeilschnellen Kurve zusammendonnerte und in die viel zu nahen Reifenstapel einschlug.Schlimmste Befürchtungen angesichts des zunächst regungslosen Champions zerschlugen sich glücklicherweise schon bald. Fogarty war kurz bewusstlos und zog sich eine schwere Gehirnerschütterung sowie einen Bruch des linken Oberarms zu. Dr. Massimo Corbascio, der Chefarzt des Clinica Mobile in der Superbike-WM, prognostizierte eine rund sechswöchige Heilungszeit. »Dabei ist es nebensächlich«, so der Mediziner, »ob Foggy operiert wird oder auf konservative Heilungsmethoden vertraut.« Carl Fogarty wird also mit großer Wahrscheinlichkeit frühestens am 4. Juni in Hockenheim wieder einsatzfähig sein. Ob die Zwangspause die schon länger bekannten Überlegungen des vierfachen Weltmeisters über ein baldiges Ende seiner Karriere beschleunigen wird, kann im Moment allerdings nur spekuliert werden.Unfallgegner Robert Ulm hatte von dem Crash wenig mitbekommen und konnte sogar noch als Elfter ins Ziel fahren, nachdem er im ersten Lauf respektabler Sechster geworden war. »Ich spürte eine Unruhe in der Maschine, ähnlich wie bei Zündaussetzern«, erinnerte sich der Österreicher, »ob das aber beim Sturz selbst war oder schon vorher, kann ich nicht sagen. Es bleibt ein blödes Gefühl, weil ich gar nicht weiß, ob ich eine Mitschuld habe oder nicht.« Für ein Problem an Ulms Ducati vor dem Unfall würde sprechen, dass Fogarty mit deutlichem Geschwindigkeitsüberschuss dessen Maschine touchierte. Dagegen steht ein ähnliches, glimpflich ausgegangenes Manöver des Meisters aus dem ersten Rennen, als er seinen spanischen Ducati-Markenkollegen Borja mit recht rustikalen Mittel bei Topspeed auf der Zielgeraden beiseite schieben wollte.Robert Ulms unbeabsichtiger unglücklicher Auftritt wurde von seinem Teamkollegen Andreas Meklau noch übertroffen. »Ich stand am Vorstart zum ersten Rennen mit der gleichen Reifenwahl wie Anthony Gobert, der später überlegen gewonnen hat«, grollte der Österreicher, »dann habe ich kalte Füße bekommen und auf Slicks gewechselt. Es hätte schlimmer nicht sein können. Mir blieb nichts anderes übrig als aufzugeben.« Auch im zweiten Rennen passten Meklaus Reifen nicht. Er wurde überrundeter 17.Zwar ohne Sieg, aber als neuer WM-Tabellenführer verlässt Noriyuki Haga die raue Insel im Süden Australiens zum nächsten WM-Lauf in Richtung Sugo, wo er bei seinem Heimspiel die Tabellenführung ausbauen möchte. »Natürlich ist es extrem schwer, auf Dauer mit den Zweizylindern mitzuhalten, sie haben ganz einfach 250 cm³ mehr Hubraum«, rechnet der Japaner vor, »aber ich fahre nunmal für Yamaha. Und da muss ich aus der R7 das Maximum herausholen.« Die WM-Spitzenposition vor dem Heimatrennen dürften wohl selbst die chronisch unzufriedenen Yamaha-Ingenieure im Team als einigermaßen akzeptabel einstufen.Völlig verdrängt von den Wetterkapriolen, den dadurch entstandenen sensationellen Ergebnissen und der brutal eingeleiteten Götterdämmerung von Carl Fogartys Karriere wurde die Diskussion über die Zukunft der beiden WM-Serien im Motorradsport – und die Frage, ob die geplanten Viertakt-Regeln bei den Grand Prix die Superbike-WM eines Tages überflüssig machen werden. Fakt ist: Über die unausgegorenen Ideen des Weltverbands FIM und der Hersteller wird bereits beim nächsten Superbike-WM-Lauf in Sugo nochmals intensiv beraten.Und spätestens in Australien sollte den Gralshütern des Motorradsports ein Licht aufgegangen sein. Denn nicht nur, dass sich in der Superbike-WM mit insgesamt sieben Herstellern die derzeit breiteste Basis im Spitzenmotorradsport tummelt, sondern auch die sportliche Ausgeglichenheit spricht ganz klar für die Superbikes. Vier verschiedene Laufsieger auf vier unterschiedlichen Marken – vielfältigeren und interessanteren Rennsport kann kein Grand Prix dieser Welt bieten.

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