Superbike-WM in Valencia/Spanien (Archivversion) Der schwarze Magier

Schwarz ist die Farbe der Magie, der Hexenmeisterkunst. Troy Corser und seine Aprilia-Techniker fanden aber auch ganz profane Mittel, um den Auftakt der Superbike-WM nach Belieben zu beherrschen.

Sie kamen nur zwei Kurven weit, die hoch gehandelten Superbike-Neueinsteiger aus der 500er-Grand Prix-Szene. Honda-Werksfahrer Tadayuki Okada vergaß an fünfter Position ausgerechnet vor der Kurve, die den Namen der 500er-Ikone Michael Doohan trägt, ganz offensichtlich das Bremsen und räumte seinen alten und neuen Gegner Régis Laconi von dessen Werks-Aprilia.Ob dieser Tiefpunkt für die beiden neuen Helden gleich zu Beginn des zweiten Rennens des Superbike-WM-Auftakts schon Teil der schwarzen Magie des Hexenmeisters Troy Corser war, um die alten Superbike-Hierarchien zu stärken, muss offen bleiben. Tatsache ist, dass der australische Ex-Weltmeister von 1996 in Valencia treiben konnte, was er wollte. Seine Gegner, allen voran der Titelverteidiger Colin Edwards samt dessen neuem Partner im Honda-Werksteam, Tadi Okada, drehten im Laufe des Wochenendes mit zunehmender Hektik wie die Hamster am Rad.Und Corser wurde, kaum vorstellbar, dass dies überhaupt möglich ist, noch cooler, noch ruhiger, noch sicherer. Allein die Art, wie er seine Superpole-Position eingefahren hat: Bei der zweiten Zwischenzeit, nach rund zwei Dritteln der Runde, lag er noch fast zwei Zehntelsekunden hinter seinem neuen Partner Régis Laconi zurück, nur um bis ins Ziel mal eben noch sechs Zehntel reinzuholen. »Der Wind hatte unmittelbar vor meinem Turn um 180 Grad gedreht. So musste ich noch in der Superpole-Warm up-Runde, unmittelbar vor dem fliegenden Start, meine Taktik ändern. Die ersten zwei Kurven waren fast unfahrbar, da hat’s mich beinahe von der Bahn geweht. Und dann hab’ ich halt erst gegen Ende der Runde attackiert«, grinste der »King of Superpole« kaum merklich.Die beiden Saisonauftaktläufe im Rennstadion von Valencia vor rund 30000 Zuschauern wurden ebenfalls zu zwingenden Vorstellungen der Überlegenheit von Troy Corser und seiner magisch schwarzen Aprilia RSV mille SP. Ganz im Stile seines legendären Landsmannes, des fünffachen 500er-Weltmeisters Mick Doohan, startete Corser aus der Pole Position recht verhalten und reihte sich zunächst am Ende der Spitzengruppe irgendwo um Rang sechs ein. Aber nur, um schon nach wenigen Runden mit aufreizender und selbstverständlicher Unwiderstehlichkeit an der Konkurrenz vorbei auf und davon zu ziehen.Dies alles funktioniert natürlich nur, wenn ein Fahrer in Top-Form auf ebensolchem Material sitzt. Und da verrutscht derzeit nichts im Aprilia-Werksteam, das in Valencia von Firmenboss Ivano Beggio begleitet wurde. »Momentan ist das Motorrad schlichtweg perfekt«, erklärt Corser in einem Ton, der verdeutlicht, dass er von seiner Aussage absolut überzeugt ist, »unser V2-Motor hat aufgrund unserer Test- und Entwicklungsarbeit im Winter ganz gewaltig an Leistung zugelegt und harmoniert ideal mit dem superhandlichen Fahrwerk und den Dunlop-Reifen.«Aber auch der Australier selber, in der Vergangenheit hin und wieder von Gerüchten umweht, er pflege, wenngleich nicht so extrem wie sein flamboyanter Landsmann Anthony Gobert, einen eher lockeren Lebenswandel, trat in Valencia athletischer denn je an: »Ich habe im Winter auf Anraten meines neuen Fitnesstrainers die Ernährung vollkommen umgestellt. Ich esse eigentlich nur noch, was er mir auf den Tisch stellt. Und es geht mir ganz wunderbar dabei.« Neben der neuen Ernährungsweise verstärkte Troy Corser ganz massiv sein körperliches Training, vor allem im Ausdauer- und Konditionsbereich. »Ich habe gut fünf Kilogramm abgenommen«, freut sich der Modellathlet, »da tut sich der stärkere Aprilia-Motor natürlich noch leichter.«Einigermaßen mithalten mit dem australo-italienischen Powerpack konnte lediglich Régis Laconi. Denn der Superbike-Neuling hatte wenigstens die gleiche Technik wie Corser zur Verfügung. Zweitbeste Trainingszeit und Blitzstart an die Spitze auf seiner Lieblingsstrecke in Valencia; besser konnte für den Franzosen das Abenteuer Superbike nicht beginnen. Mit der Fortsetzung der Premiere war er dann allerdings nur zum Teil zufrieden: Über Rang vier im ersten Rennen hinter dem ungleichen Ducati-Duo Troy Bayliss und Ben Bostrom konnte sich der ehrgeizige Laconi noch halbwegs freuen, Okadas Plattschuss gefiel ihm natrugemäß überhaupt nicht.Immerhin hatte Laconi anschließend einen Rat parat, sozusagen gleichzeitig an sich selbst wie auch an den ungestümen Okada: »Die 500er und die Superbikes haben nichts gemeinsam. Die Fahrweise ist völlig unterschiedlich. Die Motorbremswirkung der Viertakter erlaubt dir zum Beispiel ganz andere Bremsmanöver. Trotzdem bist du in der Kurve nicht langsamer. Am Ausgang beschleunigt die 500er dann natürlich viel, viel besser. Und wenn die Runde vorbei ist, kommt die große Überraschung - die Zeiten sind fast identsich. Wenn du auf dem Motorrad sitzt, ist es kaum zu glauben, aber wahr.«Ebenfalls mit unglaublichen Wahrheiten hatten die Weltmeister von Castrol-Honda zu kämpfen. »Wir drehen uns hier in Valencia im Kreis. Zu Beginn der Vorsaisontests hier vor vier Wochen hat alles gepasst. Und seitdem wird es immer schlechter, vor allem, was das Fahrwerk angeht«, resignierte Champion Colin Edwards. In beiden Rennen chancenlos, konnte der Texas Tornado nicht gegen die böigen valencianischen Winde ankämpfen. Und gegen den schwarzen Hexer schon gar nicht. Im ersten Rennen als Sechster und im zweiten auf Rang vier verlor Edwards jeweils rund 20 deklassierende Sekunden auf Sieger Corser. Honda-Kollege Okada erlebte die totale Nullnummer. Vor dem Sturz in Rennen zwei gab es einen frühzeitigen Ausfall wegen Elektrikdefekts im ersten Lauf.Zwar auch im schwarzen Schatten, aber mit deutlich freundlicheren Gesichtern stand die Ducati-Familie. Troy Bayliss wurde zweimal Zweiter. Und zumindest im ersten Lauf komplettierte Ben Bostrom auf seiner Werks-996 im Styling des US-Sponsors L&M-Zigaretten das Siegerpodest. Beim zweiten Rennen aber ging alles völlig schief für den California Dreamboy. Am Start zuckte die leuchtend hellrote Duc zu früh. Ben musste zu einer Stop-and-go-Strafe hereinkommen. Und bei dieser Gelegenheit pfeilte er mit dickem Hals zu schnell durch die Boxengasse - zweite Stop-and-Go, keine Lust mehr und Aufgabe.Schon vorher hatte die Stunde des Lokalmatadors geschlagen. Gregorio Lavilla überraschte bereits in den Trainingssitzungen mit Spitzenrängen auf der in den Grundzügen mittlerweile sechs Jahre alten Kawasaki ZX-7RR. Als einziges Superbike noch mit Vergasertechnik ausgestattet, hinterlässt die Kawa dennoch einen bärenstarken Eindruck. »Das Wichtigste aber ist, dass ich endlich einmal mit fast 100-prozentiger Fitness antreten kann«, jubelte der Katalane, »durch die vielen Stürze weiß ich schon gar nicht mehr, wie sich das anfühlt.«Lavilla fuhr im ersten Rennen auf Rang fünf hinter Laconi und im zweiten als kampfstarker Dritter sogar aufs Podest, jeweils um über zehn Sekunden vor Colin Edwards.Damit ging auch die Vierzylinderwertung klar an die Grünen. Denn Yamaha wird nur noch durch ein russisches Privatteam, immerhin mit Ex-Ducati-Werksfahrer Juan Bautista Borja als Fahrer, repräsentiert. Und das große Corona-Alstare-Suzuki-Werksteam mit Publikumsheld Frankie Chili sucht noch heftigst nach fehlender Motorleistung.Was fehlt beim Vorzeigeteam im Fahrerlager, ist vielleicht ein Zauberer in Blau und Gelb.

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