Superbike-WM: John Kocinskis Traumstart (Archivversion)

Goldene Hochzeit

Nicht nur wegen seines neuen Helmdesigns und des Auftaktsiegs zur Superbike-WM 1997 hat für John Kocinski das Goldene Zeitalter begonnen: Nach Jahren der Wanderschaft ist er endlich bei seinem Traum-Team Honda angelangt.

Aaron Slight ist auch bei kurzen Boxenstopps für einen Spaß und Auskünfte zu haben. John Kocinski, sein Castrol-Honda-Teamkollege in der Superbike-WM, entzieht sich öffentlicher Neugier dagegen, sowie er in die Garage einbiegt. Mit unwirschem Kreischen fährt der Rolladen herunter und bildet eine unüberwindliche Barrikade vor den wartenden Fotografen. Denn die Teleobjektive kommen John Kocinski wie aufgepflanzte Bajonette, manche der schreibenden Journalisten gar wie Scharfrichter vor. »Es gibt welche, die waren immer fair zu mir, und mit denen rede ich gerne. Doch es gibt andere, die immer nur nach Schlechtem suchen, Lügen verbreiten und in alten Wunden stochern. Bei denen bin ich vorsichtig«, flüstert Kocinski und schickt selbst jene, die er für gute Menschen hält, erst einmal zu Mister Kagami weiter, um eine offizielle Interview-Erlaubnis einzuholen. Mister Kagami ist Kocinskis persönlicher Manager und einer jener Direktvertreter der Honda-Rennabteilung HRC, die Kocinskis Engagement an Castrol-Honda-Teamchef Neil Tuxworth vorbeigedeichselt haben, der viel lieber Scott Russell engagiert hätte. Mister Kagami hat, so Kocinski, »grenzenlose Erfahrung und weiß alles« über den Rennsport und die Superbike-Honda RVF 750. Er scheint auch zu wissen, daß sein Schützling kein einfacher Mensch ist. Doch Honda tut alles, um auf den empfindsamen Superstar einzugehen, und die straffe, bis ins Detail durchdachte Organisation bietet dem einsamen, mit vielen anderen Teams gescheiterten Menschen John Kocinski ein bislang ungekanntes Netz der Geborgenheit. »Nach all dem Ärger mit Ducati letzte Saison prophezeiten viele Journalisten, ich stünde auf der Straße. Das zeigt, wieviel Ahnung die haben. Denn ich wußte längst, daß ich 1997 für Honda fahren würde«, grinst Kocinski. Bei Honda sei er »endlich zu Hause«, frohlockt der Rennprofi nach seiner Wanderschaft in der Grand Prix-Szene von Yamaha über Suzuki zu Cagiva, einem vorübergehenden Rückzug vom Rennsport und dem Comeback im vergangenen Jahr mit Ducati. Nächstes Projekt nach den geplanten Superbike-WM-Erfolgen sind die prestigeträchtigen Acht Stunden von Suzuka, bei denen Kocinski womöglich als Partner von 500er Weltmeister Michael Doohan auftreten könnte. Für 1998 steht dann Kocinskis Rückkehr in die Halbliterklasse zur Debatte. Weil der Amerikaner den großen Plan nicht immer beeinflussen kann, baut er vor für den Fall, daß alles ganz anders kommt. »Meine Idee war, nach einem guten Jahr in der Superbike-WM mit einer 500er gegen Michael Doohan und Alex Crivillé anzutreten. Wenn das passiert, freut es mich. Doch wenn Honda andere Pläne hat, bin ich auch nicht unglücklich. Denn mein Hauptziel ist keine bestimmte Rennserie, sondern für immer bei Honda zu bleiben und dieser großartigen Firma dabei zu helfen, Rennen zu gewinnen. Wenn sie sagen, ich solle Grand Prix fahren, fahre ich Grand Prix. Wenn sie sagen, ich solle den Boden schrubben, dann schrubbe ich den Boden.« Dazu wird es aber wohl kaum kommen, denn im Rennsattel ist und bleibt John Kocinski ein seltenes Ausnahmetalent. Als beim Superbike-WM-Auftakt in Phillip Island Regenwolken aufzogen und die Ölflecken zahlreicher Stürze die nasse Piste zur tückischen Falle machten, havarierte das halbe Feld, darunter so illustre Stars wie Aaron Slight, Colin Edwards und Scott Russell. Regen-Künstler Kocinski schoß hingegen mit einem Blitzstart aus der zweiten Reihe nach vorn, fuhr trotz dramatischer Rutscher unaufhaltsam auf und davon und demütigte den zweitplazierten Ducati-Star Carl Fogarty mit einem 15-Sekunden-Vorsprung. Im trockenen zweiten Lauf, den Slight vor Edwards (Yamaha) und Crafar (Kawasaki) gewann, fiel Kocinski zwar auf Platz sieben zurück, behielt aber die WM-Führung und seine gute Laune. »Ich hatte einen weichen Hinterreifen drauf, von dem wir wußten, daß wir entweder ganz gut oder ganz schlecht aussehen würden. Leider hat er Blasen geworfen«, berichtete Kocinski. »Aber ich brauche mir überhaupt keine Sorgen zu machen. Denn Honda stochert nicht wie andere Hersteller im Nebel - sondern wird mir genau das Motorrad bauen, das ich zum Siegen brauche!“
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Die grüne Hoffnung (Archivversion) - Gelungener Start für das Eckl-Kawasaki-Team

Die erste Runde zur Superbike-WM in Phillip Island war ein Auftakt der Überraschungen. Daytona-Gewinner Scott Russell trat in Siegerlaune an. Doch nach einem Sturz und einem mühsam mit verschmierter Kombi geretteten siebten Platz im ersten Lauf und einem sechsten Rang mit wackelndem Fahrwerk im zweiten Rennen war er geknickt. Dafür feierte das von der Konkurrenz grob unterschätzte Kawasaki-Werksteam unter Leitung des Deutschen Harald Eckl einen Auftakt nach Maß. Im Training torpedierten sich seine Piloten Akira Yanagawa und Simon Crafar mit Platz zwei und drei in die erste Startreihe. Im Regen des ersten Laufs balancierte Crafar auf einen sicheren dritten und Yanagawa auf den vierten Platz, obwohl er beim Losfahren am Start plötzlich querstand und das Feld von hinten aufrollen mußte. Im trockenen zweiten Lauf fochten beide Piloten in einem spannenden Vierkampf mit um den Sieg. Crafar verlor drei Runden vor Schluß etwas den Anschluß an Aaron Slight und Colin Edwards, buchte abermals Platz drei und liegt nun auch auf Rang drei der WM-Wertung. Yanagawa kämpfte mit Exweltmeister Carl Fogarty bis acht Runden vor Schluß um die Führung, kam aber bei einem Ausweichmanöver Fogartys von der Ideallinie ab und stürzte. Trotzdem war Harald Eckl hochzufrieden. »Sicher, ohne den Sturz wäre es noch besser gewesen. Doch wir haben bewiesen, daß die Kawasaki ZX-7RR mit den jüngsten Leistungsteilen vom Werk voll konkurrenzfähig ist. Und wir haben zwei hochkarätige Siegfahrer, die sich gegenseitig aufbauen. Das macht mich für die nächsten Rennen optimistisch.“

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