Superbike-WM Phillip Island/AUS (Archivversion) Flatternde Nerven vor der fliegenden Runde

Die neue Superpole war für die Fahrer ein Nervenkrieg: Nur die kaltblütigsten machten keinen Fehler.

Pierfrancesco Chili zitterte schon drei Stunden vor dem großen Auftritt wie Espenlaub. »Ganz allein aus der Boxengasse rauszufahren und alles in eine einzige einsame Runde zu legen, das ist zuviel für meine Nerven. Ich werde versagen«, jammerte der Italiener und zog seine Stirn in mitleiderregende Dackelfalten. Die Superpole, jüngste Kreation von Promoter Flammini, um die Superbikes schon im Training zu einem Fernsehdrama zu machen, war der große Streitpunkt beim Saisonauftakt in Phillip Island. Und obwohl nicht alle der Fahrer Chilis Lampenfieber entwickelten, gab es genügend kritische Stimmen gegen das neue System, bei dem die 16 schnellsten Piloten des Zeittrainings in einer einzigen fliegenden Runde um ihre endgültige Startposition kämpfen müssen. Troy Corser suchte mit einem Rundbrief Unterstützung unter den Fahrern, um das Alles-oder-nichts-System zu entschärfen. »Die Superpole erhöht die Sturzgefahr. Und wenn du deine einzige Runde nicht zu Ende fährst, ist dein ganzes Training zunichte gemacht. Für den Fall, daß etwas schief geht, sollte man seine vorherige Bestzeit behalten dürfen. Und im Regen sollte die Superpole sowieso gestrichen werden. Denn im Nassen ist es viel zu gefährlich!« Nur die japanischen Stars verstanden die ganze Aufregung nicht. »Ich bin das System vom Acht-Stunden-Rennen in Suzuka gewöhnt. Kein Problem für mich«, strahlten sowohl Akira Yanagawa als auch Noriyuki Haga. Peter Goddard, Langstreckenweltmeister 1997 und der neue Held des Suzuki-Teams, hatte die gleiche Erfahrung aus Suzuka und galt als Topfavorit für die Superpole, weil er die Phillip Island-Strecke wie seine Westentasche kennt und im klassischen Zeittraining zuvor bereits die Bestzeit hingezaubert hatte.Doch diese Bestzeit war gleichzeitig ein Fluch, weil die Superpole wie beim zweiten Lauf eines Ski-Weltcup-Slaloms in umgekehrter Reihenfolge der Bestenliste gestartet wurde und Goddard deshalb länger als jeder andere in der Box auf seinen Einsatz warten mußte. »Es war spät am Tag, meine Muskeln waren kalt, und es stand zu viel auf dem Spiel, um etwas zu riskieren. Ich schlafe lieber in meinem eigenen Bett als in einem des Spitals. Deshalb ging ich auf Nummer sicher«, kommentierte Goddard seinen siebten Platz.«Ich bin froh, daß ich heil angekommen bin. Dreimal ging ich vor lauter Nervosität zu früh in die Kurve. Ich bin alt und überfordert. Ich finde immer noch, daß man das System ändern muß«, jammerte Chili weiter, obwohl er sich als Dritter in Szene gesetzt hatte.Teamkollege Troy Corser wurde derweil in der Box stürmisch gefeiert. Obwohl er seine Maschine in der letzten Kurve fast beerdigt hätte, hatte er die Pole Position erbeutet. Trotzdem seufzte der Australier: »Ich würde lieber von weiter hinten starten als diesen Streß nochmals durchzumachen.« Doch die sturzfrei verlaufene Show war viel zu gut und spannend, um sie bald wieder zu ändern, und in der Sorge um Sponsoren, Medien und Zuschauer waren auch die Teammanager weitgehend einhellig für das neue System. »Die Superpole ist riskant und großartig. Auch wenn Goddard gestürzt wäre, hätte ich meine Meinung nicht geändert«, meinte Suzuki-Teammanager Lester Harris. Der Promoter hat sich derweil vorgenommen, erst einmal Erfahrungen mit der Superpole zu sammeln und dann eine Entscheidung über mögliche Änderungen zu treffen. »Das Medieninteresse ist überwältigend. Nicht weniger als sieben große Fernsehstationen waren zusätzlich für Reportagen vor Ort«, freute sich Paolo Flammini. »Jetzt warten wir die ersten drei Rennen ab - und sehen, wie sich die Sache entwickelt."

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote