Supercross Dortmund (Archivversion) Alle Jahre wieder

Lasershow, Presslufthörner, La Ola, frenetische Moderation – die Zutaten beim Supercross in der Dortmunder Westfalenhalle blieben seit elf Jahren die gleichen. Die Fans sind aber nach wie vor begeistert.

Ray Davis, Frontman der legendären Rockband «The Kinks”, hat es schon vor rund 30 Jahren erkannt. »Give the people what they want - gebt den Leuten, was sie wollen.« Ob Thomas Deitenbach, Herz und Seele sowie begeisternder Moderator und Einheitzer des Supercross in der Dortmunder Westfalenhalle, Kinks-Fan ist, ist zwar nicht bestätigt. Auf jeden Fall aber setzen er und sein Organisationsteam das Motto in Realität um. Denn das Spektakel, das alle Jahre wieder drei Tage lang die Westfalenhalle erbeben lässt, funktioniert nach eben diesem Muster.Selbst die Helden der abgasgeschwängerten Nächte sind zu einem guten Teil schon seit Jahren dabei. Und der Kampf dieser wohlbekannten Supercross-Giganten gegen ein paar freche, neue Kids sorgen für die Extra-Höhepunkte im akustischen Dauerfeuer der Supercross-Freaks. In diesem Jahr Thierry Bethys, 29 Jahre und französischer Supercross-Meister, gegen den 18-jährigen Chad Reed, schmerzfreier Supercross-Champion aus Australien. Oder Bernd Eckenbach und Colin Dugmore, die ewigen deutschen Supercross-Helden, gegen jugendliche Angreifer wie Stefan Ludwig oder Andreas Boller, die in Dortmund aus der Anonymität herausgesprungen sind.Altmeister Bethys konnte mit vergleichsweise unspektakulären Fahrten auf seiner Sarholz-Honda die Weisheit des Alters noch Gewinn bringend gegen den ungestümen jungen Mann »from down under« einsetzen und am Ende den Gesamtsiegerpreis des deutschen Supercross-Cup, ein Audi TT Cabrio, nach Frankreich entführen. Aber auch ihm war recht schnell klar geworden: »Der Chad Reed wird hier ganz sicher nicht Zweiter. Für den gilt nur hopp oder top.«Und tatsächlich: Während Bethys am Freitag selber problemlos zum Tagessieg fuhr, lag Reeds Kosak-Kawasaki meistens im Dreck. Erst über den Hoffnungslauf kam er weiter und stolperte im Finale nur auf Rang sechs. Doch er wusste, warum: »In Australien sind die Supercross-Vorläufe nur halb so lang wie hier. Da musst du absolut volles Risiko eingehen.« Ganz anders der Samstag. Alles ist noch krasser und lauter als sowieso schon. Dies beflügelte offenbar auch Chad Reed. Der frischgebackene Werksfahrer im 250er-Kawasaki-WM-Team flog unwiderstehlich zum Sieg.Am dritten Tag wollte dann Reeds Kawasaki nicht mehr mitspielen, verweigerte am Startgatter zum Finalrennen den Dienst und überreichte damit Thierry Bethys endgültig den Audi. Die Vorfreude darauf veranlasste den Franzosen zu einer diskreten Fahrt auf Rang sieben. Und plötzlich war weder Routiner Bethys noch Youngster Reed der König von Dortmund, sondern einer der drei Postboten des Deutsche Post-Euro-Express-KTM-Teams. Craig Anderson holte nach den Rängen zwei und fünf den Sieg am Sonntag - und Chad Reed freute sich trotzdem. Craig Anderson ist Reeds Cousin.Ebenfalls in näherer Verbindung zu Craig Anderson stand Bernd Eckenbach, wie der Australier und der US-Amerikaner Kelly Smith im Post-Team unterwegs. Und Eckenbach hatte sich viel vorgenommen. Doch nach überzeugenden Vorstellungen in den Vorläufen stand der Publikumsliebling am Ende mit weitgehend leeren Händen da. Am Freitagabend wusste er noch nicht, dass der siebte Finalrang sein persönlicher Höhepunkt in Dortmund sein sollte. »Kurz nach dem Start bei einem Massensturz ist an meiner KTM der Schalthebel abgerissen. Ich musste fast das ganze Rennen im dritten Gang fahren«, erinnerte sich Eckenbach mit nachdenklichem Grinsen. Den Rest in Dortmund aber sollte er schnellstmöglich vergessen: Mit höchster, vielleicht sogar etwas zu viel Motivation ging Bernd am Samstag und Sonntag ans Werk, musste seinen Einsatz jedoch mit zahlreichen Stürzen und zwei Nichtqualifikationen für das Finale bezahlen.Noch viel schlechter erging es dem mit frenetischen Applaus empfangenen Colin Dugmore. Der Publikumsheld früherer Jahre hatte eigentlich aus Familiengründen längst mit der Supercross-Welt abgeschlossen. »Dafür war’s gar nicht schlecht«, freute sich der stets gutgelaunte Südafrikaner aus Schwaben, nachdem er seine KTM am Freitag sogar fast ins Finale dirigiert hätte. Am Samstag aber rollte Dugmore schon nach einer Runde im Vorlauf aus der Halle und gab wenig später ein prägnantes Kurzinterview: »Was war?« »Zu kurz gesprungen.« »Ja, und?« »Hand gebrochen, wahrscheinlich. Weißt du jemand, der mich ins Hospital fahren kann?« Unnötig zu erwähnen, dass ein Colin Dugmore dabei immer noch leidlich fröhlich in die Welt schaute.Echten Grund zur Freude hatte dagegen Stefan Ludwig. Der 20-jährige Thüringer fuhr in seiner ersten 250er-Supercross-Saison quasi aus dem Nichts an allen drei Tagen locker ins Finale. Der Senkrechtstart des bislang kaum bekannten Kawasaki-Reiters hat ein Geheimnis: »Meine Familie besitzt zu Hause eine größere Halle, so 68 auf 15 Meter«, erstaunt der Junior, »dort habe ich eine Supercross-Trainingspiste reingeschoben.«Stefan Ludwig wird den Supercross-Fans nicht nur in Dortmund sicher noch jede Menge Spaß machen, wie seit jeher schon sein ganz spezieller Teamkollege im Kawasaki-Pfeil-Team. »Rennen fahre ich keine mehr, das ist zu anstrengend«, sagte der inzwischen 35-jährige Mike Jones und zauberte zusammen mit einer Handvoll Teenager ein Feuerwerk von unglaublichen Freestyle-Sprüngen unter das Dach der Westfalenhalle. Die extatisch atemlosen Fans hätten fast vergessen, dass nach der Sprungshow noch das Finale lief. Auf jeden Fall aber hatten sie bekommen, was sie wollten.

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