Supercross Dortmund (Archivversion)

FAMILIE & CO

Supercross ist Teamarbeit, weiß auch Indoor-Cross-Veranstalter Tommi Deitenbach - und bringt sich, seine Familie und 150 Helfer in Dortmund auf Hochtouren.

Ganz behutsam verkümmern die Spots zum fahlen Schummerlicht, der mit zigtausend Watt verstärkte Rock knallt immer sachter auf die Trommelfelle, bis Moderator Thomas Deitenbach - einem letzten Aufbäumen gleich - mit einem langgezogenen »Tschüs Dortmund« endgültig und ein allerletztes Mal die Fans aus ihrem Supercross-Traum reißt. Der 37jährige legt kurz den Kopf in den Nacken und schließt die Augen. Drei lange Tage liegen hinter ihm. Drei Fahrer-Präsentationen, drei eindrucksvolle Lasershows, sechs Siegerehrungen, 27 Fahrerinterviews und 30 Superjumps - allesamt perfekt inszeniert und minutiös vorbereitet. 50 Fahrer, 150 Helfer und 30 000 Fans verschmolzen einmal mehr zum Woodstock der deutschen Supercross-Szene.Erst ganz ganz allmählich weicht die Anspannung vom Gesicht des Westfalen, und erst jetzt scheint er zu begreifen: Es ist vorüber, sein Supercross. Sein Supercross? Der Mann aus Iserlohn windet sich ungewohnt verlegen. Moderation und Konzeption, damit umschreibt er gern seinen Part des Dortmunder Buckelpisten-Festivals. Stimmt, denn ohne Spezi Karl-Gustav Sander samt siebenköpfiger Crew, als hauptamtlichem Pendant beim veranstaltenden ADAC-Westfalen, stände auch der stoppelhaarige Off Road-Fan auf verlorenem Posten. Und so sieht er sich neudeutsch und zurückhaltend als Frontman, als Kämpfer in der ersten Reihe, für die gute Sache des Supercross.Und doch weiß jeder Stollenfreak: Wo Deitenbach drauf steht, ist meist ein bißchen mehr drin. Das war schon vor 16 Jahren so, als der damals noch aktive Enduro-Fahrer beim allersten Supercross in Europa in Amsterdam den Retorten-Cross-Virus injiziert bekam. Zwei Jahre später inszenierten die Amsterdam-Ausflügler das erste Hallencross in Deutschland in der Westfalenhalle, damals freilich noch auf Holzboden und vor kärglichen 3000 Fans pro Tag. Woran zunächst auch ein Werbefeldzug auf dem Dortmunder Sechstagerennen nicht viel änderte. Bei einem Showspringen schlitzen die Demo-Piloten Deitenbach und Enduro-As Klaus-Bernd Kreutz die Radrennbahn mit ihren Fußrasten dummerweise auf, worauf die Herren noch vor der dadurch nötigen zweistündigen Rennunterbrechung vom erbosten Veranstalter kurzerhand aus der Halle geworfen wurden.Seither hat sich viel geändert. Das Hallencross avancierte wenig später nicht zuletzt durch die Terminverlegung auf den veranstaltungsarmen Januar zum Publikumsmagneten. Allerdings schon damals mit dem bewährten Rezept, Sport mit reichlich Show zu garnieren. »Die Inspirationen dazu holten wir uns auch bei anderen Supercross in Europa. Wir haben damals fast alle abgeklappert«, erinnert sich Tommi an den steilen Aufstieg.Dessen Engagement um so erstaunlicher ist, als der Organisator und Endurist in dieser Epoche von den schwärzesten Seiten seiner Leidenschaft nicht verschont blieb. Nach einem schweren Moto Cross-Trainingsunfall mußte dem damals 24jährigen ein Unterschenkel amputiert werden. Bei besagten Supercross-Ausflügen wurde der Westfalen-Truppe auch schnell klar, daß Holzboden-Cross auf internationaler Ebene zum frühen Aussterben verurteilt war. Und so formierte sich Deitenbach und Co. 1989 erneut zur Speerspitze der deutschen Stollenbewegung. Zum ersten Mal flogen die Crosser über eine aus 200 Lkw-Ladungen Erde geformte Retorten-Piste durch die Westfalenhalle - die Sensation war perfekt. Spätestens seit diesem Tag im Januar ist der Gedanke an das Supercross und dessen Publikumsresonanz unter dem Deitenbachschen Stoppelhaarschnitt omnipräsent. Und nicht nur darunter. Mittlerweile wandelte sich das Hobby, das zur Berufung wurde, zur familienübergreifenden Leidenschaft. Während Gattin Petra mit jedem Tag, mit dem sich das Rennen nähert, immer mehr zum wandelnden Notizbuch und Terminplaner mutiert, bereitet sich Junior Jan auf seinen Einsatz als Nachwuchspilot bei der Kindercross-Einlage vor. Wobei der Siebenjährige trotz seiner fahrerisch beeindruckenden Vorstellung auf die anschließende verbale Vormachtstellung meist vergeblich hofft. Denn Moderatorin des Pimpf-Sprints ist ausgerechnet die drei Jahre ältere Schwester Janni, die mit piepsiger Mausestimme zwar das Publikum zum Schmunzeln bringt, Brüderchen Jan jedoch - wie auch sonst bei Geschwistern - bei Interviews gern außen vor läßt.Doch genau diese Elemente sind es, die dem seit Jahren mit jeweils 10 000 Besuchern an allen drei Abenden ausverkauften Dortmunder Supercross das gewisse Etwas verleihen. Nicht umsonst vermeidet Tommi das Wort Rennen bei seinem Supercross. Was er will, ist eine Supercross-Party. »Die Fahrer sind Künstler mit all deren charakterlichen Vor- und Nachteilen. Nur wenn sie entsprechend betreut werden, geben sie auf der Strecke alles. Das merken die Fans sofort. Erst wenn die persönlichen Beziehungen stimmen, dann springt der Funke auch zum Publikum über«, erzählt er - und ist bereit, viel Zeit dafür zu opfern. Als Kontaktmann zu den Piloten übersteht Deitenbach in der Vorbereitungsphase ein Bombardement von Telefonaten, das kurz vor Weihnachten nach eigenen Angaben »ins schier Unermeßliche ansteigt«. Wobei er bisweilen nicht nur seine Freizeit auf dem Altar des Supercross-Erfolgs opfern muß. Nach Differenzen über die Pistenvorbereitung zerbrach erst letzten Winter die Beziehung zum Streckendesigner, einem langjährigen persönlichen Freund. Um so schlimmer, als Tommi selbst am allerwenigsten vom Kult-Supercross Dortmund hat. Denn das eindrucksvolle Spektakel aus Licht, Schall, Theater und Sport erlebt der Moderator zunächst im geistigen Ausnahmezustand. Sein Erinnerungsvermögen speist sich fast ausschließlich aus späteren TV-Aufzeichnungen. Ganz im Gegensatz zu den Fans - denn die feiern noch, wenn in der Arena längst die Lichter erloschen sind.
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Parc Fermé (Archivversion)

Zuviel ist zuvielMike Jones, Ex-Hallenchamp und designierter Publikumsliebling, meinte es ein bißchen zu gut mit seinen Fans. Bereits gezeichnet von einem Supercross-Sturz in einem amerikanischen Indoor-Rennen, beutelte es den Ami bei einem allzu gewagten Superjump am Freitag abend gewaltig auf das empfindlichste Teil des Mannes. Am Samstag machte letztlich ein Startcrash und ein dabei aufgeschlitzter Finger dem Treiben des Amerikaners ein peinsames vorzeitiges Ende.Tragter mit EinspritzungDer ehemalige 125er Weltmeister Pedro Tragter trennte sich nach acht Jahren von Suzuki. Der Niederländer sattelte vor Dortmund auf eine 250er Honda um und tritt 1997 weiterhin in der Viertelliter-WM an. Der 27jährige möchte an der Honda bereits zu den ersten WM-Läufen eine Einspritzanlage anstelle des Vergasers verwenden.Eckenbach im StreßNicht alle Tage ist ein Sonntag. Ob es an einer falsch abgestimmten Maschine lag oder ob die eindrucksvoll auf die Starrolle von Bernd Eckenbach abgestimmte Fahrervorstellung den Schwaben zu sehr unter Druck setzte - der ehrgeizige und in der Regel auch brillante Supercrosser war in Dortmund nur ein Schatten seiner selbst. Ohne die von ihm gewohnte Präzision strauchelte der 25jährige am Freitag und Samstag über die anspruchsvolle Piste. Erst im Sonntagsfinale zeigte der Musterathlet mit Rang vier, wozu er fähig ist.WindeltrainingCollin Dugmores jüngster Supercross-Trainingstip: Windelwickeln. Oder worauf sonst hätte der frischgebackene Papa der mittlerwerweile vier Wochen alten Vanessa Sue seinen gelungensten Supercross-Auftritt in Dortmund zurückführen sollen? Auf jeden Fall fuhr der 28jährige Wahlschwabe selten so überlegt, konzentriert und - mit Rang drei am Sonntag - so erfolgreich.Jasi topUm sich konditionell auf Vordermann zu bringen verbringt Jochen Jasinski den größten Teil seiner Zeit momentan unter den Fittichen eines Fitneßtrainers in Eberbach bei Heidelberg. Der Lohn des Fleißes: Jasi fuhr so überzeugend wie selten zuvor und holte sich Rang elf, vier und fünf.Sarholz-Yamaha?Weil das Team des Westerwälder Motorrad-Händlers Sarholz seit Jahren den offiziellen Importeuren in Sachen Erfolg die Butter vom Brot nimmt, erhielt der Off Road-Mäzen ein besonderes Angebot. Wegen aktueller Erfolglosigkeit des für Yamaha tätigen Moto Cross-Teams Kurz möchte die Marke mit den drei Stimmgabeln ihr Engagement am liebsten in die Hände des bisherigen Honda-Aushängeschildes geben.Kurz-TeamUm oben erwähntem Schicksal zu entgehen, präsentierte Teamchef Hermann Kurz kürzlich seine neue Crosser-Streitmacht. In die Rolle des Zugpferds schlüpft der amtierende Chef der deutschen 125er Meisterschaft, der Niederländer Marcel van Drunen. Pilot Nummer zwei bleibt der Belgier Rudy van Leuwen, 1996 immerhin Achter der Inter-DM. Der 13jährige 80-cm³-Star Josef Dobes steigt mit einer Ausnahmegenehmigung in die 125er Nachwuchsklasse auf.Jung-CrosserUnd daß dem Moto Cross-Teamchef der Nachwuchs nicht ausbleibt, importiert der agile Sponsor Sarholz auch gleich noch den neuesten Schrecken der Kindercross-Klasse, die in den USA produzierte, sogenannte Action mit 50-cm³-Moto Morini-Motor. Die Preise: 3500 Mark für die 5,5-PS-Version und 4000 Mark für die 7,5-PS-Variante.Prinz von DortmundAuf 125er Maschinen fechten die Supercross-Stars von Morgen den Titel des sogenannten »Prinzen von Dortmund« aus. Beste Thronfolger-Absichten bewies mit dem Sieg in der Gesamtwertung der 17jährige Österreicher Michael Milanovic (Yamaha) vor dem Belgier Sven Breugelmans (Kawasaki) und dem erst 16jährigen Andreas Boller (Honda).Methusalix-CupJe oller, desto doller oder aus Erfahrung gut? Auf jeden Fall dominierten in Dortmund die etwas gesetzteren Herren. Gesamtsieger wurde mit Guy Cooper ausgerechnet der älteste Fahrer des Feldes - vor Doug Dubach, dem mit 32 Lenzen Zweitältesten aller Starter.SuperjumpZur Kulteinlage eines Supercross schlechthin hat sich längst der Superjump gemausert. Collin Dugmore holte sich die Gunst der Fans am Freitag und Samstag, der junge Belgier Jimmy Verburgh turnte am Sonntag am verrücktesten.RückkehrerDer Ex-Halbliter-Weltmeister Trampas Parker feiert 1997 ein zweifaches Comeback. Parker, der sich bei einem Trainingssturz im letzten Jahr schwer am Rücken verletzte, wechselt von Honda zu Vertemati. Auch die mailändische Viertakt-Edelschmiede feiert nach einem Jahr Renn-Abstinenz mit Parker ihr Comeback.Keith Bowen in DeutschlandDer ehemalige US-Spitzencrosser Keith Bowen ersetzt im deutschen KTM-Silent Sport-Team den 500er Weltmeister Shayne King. Der 30jährige wird für das rührige Team aus Nettetal sowohl in der Halbliter-WM als auch in der Inter-DM antreten. HerzinfarktKarl-Gustav Sander, gemeinsam mit Tommi Deitenbach der Kopf des Dortmunder Supercross, mußte am Freitag mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Glück im Unglück: Ernsthafte Schäden am Herz wurden nicht festgestellt. Dennoch muß der ADAC-Mann die nächste Zeit zur Beobachtung im Spital verbringen.ErgebnisseFinale Freitag1. Guy Cooper (USA) Suzuki, 2. Doug Dubach (USA) Yamaha, 3. Warren Edwards (GB) Honda, 4. Collin Dugmore (D) Honda, 5. Ron Tichenor (USA) Suzuki...9. Bernd Eckenbach (D) Kawasaki, 11. Jochen Jasinski (D) Yamaha, 12. Andreas Kanstinger (D) Honda;Finale Samstag1. Cooper, 2. Edwards, 3. Dubach, 4. Jasinski, 5. Eckenbach, 6. Dugmore;Finale Sonntag1. Dubach, 2. Cooper, 3. Dugmore, 4. Eckenbach, 5. Jeff Matiasevich (USA) Kawasaki, 6. Jasinski.

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