Supercross Dortmund/D (Archivversion) Held der Arbeit

Die Beleuchtung in der Westfalenhalle ist auf das absolute Minimum heruntergefahren. Allmählich steigt der Lärmpegel der Preßlufthupen ins Unerträgliche. Da - vier auflodernde Fackeln tauchen Moderator Tommi Deitenbach in dämonisches Licht. Augenblicke später sein Zauberspruch zur finalen Massenextase: »Hallo Dortmund« - die zehntausend Fans rasten endgültig aus. Circus maximus, nach bestem römischem Vorbild.Kurz darauf mutiert auch die Fahrervorstellung im Rausch der Menge zum Einzug der Gladiatoren. Die Verwandlung des in der Freiluft-Saison schweiß- und schmutztriefenden Moto Crossers in den vergötterten Torrero der Buckelpisten ist perfekt. Das weiß auch Bernd Eckenbach. Der 25jährige Schwabe ist einer der ganz wenigen deutschen Moto Cross-Piloten, die auf den Retorten-Pisten im internationalen Vergleich mithalten können. Was die Fans erst richtig in Volksfeststimmung, ist für den Kawasaki-Fahrer bereits der letzte Mosaikstein im Bild des Erfolgs-Supercrossers und vor allem eines: Streß. Rückblende. Freitag nachmittag, freies Training, ohne Publikum. Dreimal kümmerliche fünf Minuten hat jeder Fahrer Zeit, sich auf die 300 Meter lange Piste einzuschießen. Reichlich wenig, um das perfekte Timing für vier Doppelsprünge, ein 50 Meter langes Waschbrett und einen Table top-Sprung zu finden. Zumal feststeht: Wer die gut 15 Meter weit auseinanderliegenden Doppelsprünge nicht in einem Flug wagt, ist für den kommenden Rennabend schon vorab kaltgestellt - hopp oder top. Doch was für jeden Hobbycrosser der sichere Weg ins Hospital wäre, schreckt Routinier Eckenbach nicht. »Ich weiß bereits meine Sprungkombinationen, nachdem ich die Piste zu Fuß abgegangen bin. Das Risiko ist für mich absolut kalkulierbar«, zehrt der Profi von seinem oft schmerzhaft zusammengetragenen Erfahrungsschatz.Doch der Druck ist groß. Vor allem, weil sein sensationeller Doppelsieg vor zwei Jahren in Dortmund das Publikum hungrig gemacht hat. Diesen Tag, erinnert sich Bernd, wird er sein ganzes Leben nicht vergessen. Als ihn 10 000 Stimmbänder förmlich zum Sieg brüllten und die Westfalenhalle nach dem allerersten Supercross-Triumph eines Deutschen in ihren Grundfesten zu beben drohte. Noch heute bekommt er allein beim Gedanken daran eine Gänsehaut. Doch genau das ist Supercross: Emotion pur, sowohl für das Publikum als auch die Akteure.Und Superlative. Nicht weniger als 400 Autogrammkarten unterschreibt er in der knappen halben Stunde, in der das Fahrerlager täglich für das Publikum zugänglich ist. Genausoviel wie in drei Monaten Freiluftsaison zusammengenommen. Hinzu kommen acht TV-Teams, ein gutes Dutzend Radio-Crews und unzählige Pressevertreter, die den deutschen Parade-Crosser im Laufe des dreitägigen Supercross vor Linse, Mikrofon oder Stenoblock zerren.Bernd weiß, wie wichtig dies für seine Popularität ist. 70 Prozent seiner Bekanntheit, so schätzt er, basieren auf den Erfolgen unter den Hallendächern. Und doch findet er gerade wegen seiner Sonderstellung kaum die Ruhe, die er für die eingeforderten Erfolge braucht. Nur in seiner letzten privaten Domäne, den sechs Quadratmetern Wohnraum des Renntransporters, gelingt es ihm, sich zehn Minuten vor jedem Start den Erwartungsdruck von der Seele zu träumen - meistens jedenfalls. Danach small talk mit Herrn Papa oder Mechaniker Bo, ein Klaps auf den Rücken - los geht´s. »Spätestens dann weiß ich: Jetzt bin ich ganz allein. Keiner wird mir helfen können«, erklärt Bernd. Wenige Minuten später steht er wieder vor dem Transporter. Mit durchgeschwitztem Trikot, gezeichnet vom Lauf, der seinen Puls auf 190 Schläge pro Minute hochgejagt hat und sinnierend über Erfolg oder Mißerfolg. Der typische Supercross-Rhythmus - Konzentration, Aktion, Erholung, Vorbereitung auf den nächsten Lauf wiederholt sich mindestens drei Mal pro Abend.Die ersten beiden Abende klappt´s. Platz zwei am Freitag, Rang drei am Samstag. Die Fans sind zufrieden. Samstag abend steigt die Fahrerlagerparty mit Freibier für Organisatoren, Fahrer, Mechaniker und Sponsoren, alle Artisten des Cross-Zirkus eben. Bis drei Uhr trinkt auch Bernd mit - allerdings Limonade und Mineralwasser.Acht Stunden später, Sonntagmorgen 11 Uhr. Auftakt zum Endspurt. Sieben Minuten freies Training. Klingt mickrig und ist doch selbst für Bernds athletischen Körper, der in den letzten beiden Tagen an die 500 Absprünge und Landungen verkraften mußte, mehr als genug.Die Spannung steigt. Bernd kann noch Gesamtsieger von Dortmund werden. Für Autogrammjäger und TV-Reporter um so mehr Grund, seinen Platz im Fahrerlager zu umlagern. Wieder die Suche nach der Ruhe im Renntransporter, aufmunternde Worte, Klaps auf den Rücken, Rennen, Interviews, alles wie gehabt. Vor dem Finale weiß Bernd genau, was die Fans von ihm erwarten. Start. Bernd liegt auf Rang zwei. Das Brüllen der Menge übertönt längst das Kreischen der Viertelliter-Zweitakt-Crosser. Doch aus dem Jäger wird der Gejagte. Nach einigen nervösen Patzern überzieht Bernd seine Kawasaki an einem tückischen Sprung und wird bei der Landung samt Maschine auf die Gegengerade geschleudert. Erst auf Rang neun kann er sich wieder ins Feld einordnen - aus der Traum vom Gesamtsieg. Bis seine Crew nach dem Finale ins Fahrerlager zurückrennt, sitzt Bernd schon zutiefst enttäuscht auf der Ladekante des Transporters und kann die Tränen nur mühsam unterdrücken - und bestätigt damit auf eine ganz andere Art unfreiwillig, was er den Journalisten noch kurz zuvor in ihre Notizbücher diktiert hat: »Die Gefühle, die mir Supercross gibt, werde ich wahrscheinlich in meinem ganzen späteren Leben nicht mehr haben.“

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