Supercross in Deutschland ––––– (Archivversion)

–––––Die Kunst der Stunde

Mit weniger Stars mehr Zuschauer in die Hallen locken? Die frisch aufpolierte German ADAC Supercross-Serie nützte die Gunst der Stunde.

Samstag abend, Anfang Januar, Westfalenhalle Dortmund. Der Zeiger des Lautstärkemeßgeräts im Innenfeld der Arena schlägt in den roten Bereich aus. 116 Dezibel - kaum leiser als ein startendes Flugzeug und unüberhörbares Zeugnis der Begeisterung von 10000 Super Cross-Fans, die mit Preßluft-Fanfaren und frenetischem Applaus ihre Supercross-Helden bejubeln. Doch selbst der Glanz des absoluten Erfolgs, den die Nacht der Nächte der hiesigen Supercross-Szene ausstrahlt, vermochte im Lauf der letzten Jahre nicht mehr die düsteren Schatten auf allen weiteren deutschen Indoor-Rennen aufzuhellen. Denn langsam, aber unaufhörlich bröckelten in der noch vor rund einem Jahrzehnt als der Moto Cross-Spielart der Zukunft gepriesenen Supercross-Szenerie die Zuschauerzahlen. Für die noch junge Szene, die sich erst Anfang der neunziger Jahre vom sportlich verpönten Hallencross auf Bretterboden endgültig Mutter Erde zugewandt hatte, saß der Schock tief. Denn gemeinsam mit den sportlichen Ansprüchen stiegen die Kosten für das Retorten-Cross. Allein 250 000 Mark verschlingt der Aufbau der Hügellandschaft aus 200 Lkw-Ladungen Erde. Und auch für die Akteure muß der Veranstalter tiefer in die Tasche greifen. Während sich für die fahrerisch problemlosen Brettercross neben den arrivierten Cracks auch kostengünstige Drittligisten eigneten, halten die wenigen Stars, die den Tanz über die kniffliggen Buckelpisten beherrschen, die Hände gern etwas weiter auf. Gut 300 000 Mark Start- und Preisgelder - mehr als das Dreifache des Starterfelds eines Holzboden-Cross - streichen die hochspezialisierten Wellenreiter an einem Wochenende ein. Gemeinsam mit Organisationskosten und Hallenmiete summiert sich der hochwertige Hüttenzauber letztlich auf über eine dreiviertel Million Mark pro Event. Zuviel, um mit der knausrigen Off Road-Gemeinde, welche bei den derzeitigen Eintrittspreisen von etwa 60 Mark pro Abend schon gewaltig murrt, über die Runden zu kommen. In der Tat hätte die Zukunft der Indoor-Rennen auch hierzulande (siehe Kasten Seite 183) geendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Wenn der ADAC, bislang ohnehin ideeler Träger der losen winterlichen Supercross-Serie, nicht ebenfalls den Ernst der Lage erkannt hätte. Hinter die frisch befeuerte Lokomotive der sogenannten German ADAC Super Cross spannte der große Bruder aus München nach den gut besuchten Rennen in Dortmund und Stuttgart noch das neue Supercross im Berliner Velodrom sowie das im letzten Jahr erstmals ausgetragene Indoor-Cross in Kiel - und machte so manche Mark für Werbekampagnen und TV-Vermarktung samt dem riesigen Gesamtpreisgeldtopf von 400000 Mark locker. Allerdings nur unter einer Bedingung: Anstatt ständig wechselnde und teure Stars jeweils den Rest des Feldes überrunden zu lassen, sollte ein homogenes, für alle vier Veranstaltungen verpflichtetes Feld für Spannung in den Rennen sorgen. Doch der Mangel an Stollen-Prominenz, der die Fans zunächst schmerzte - schließlich traten in diesem Winter weder der französische Vorjahres-Gesamtsieger Thierry Bethys noch höherrangige US-Cracks an -, sollte sich im Lauf der Saison relativieren. Denn mit dem Amerikaner Mike Jones, dem Briten Warren Edwards und dem Finnen Marko Kovalainen balgten sich von Beginn an ausgerechnet drei altbekannte Stars der deutschen Indoor-Szene mit dem australischen Newcomer Craig Andersen um die fetten Preisgelder - nur mit dem einen Unterschied, daß der Rest des Feldes eben nicht im Runden-, sondern im Sekundenabstand folgte.Wobei sich gerade der Überraschungsmann der aktuellen Indoor-Saison, Marko Kovalainen, begeistert zeigt. »Nette Leute, gute Organisation, was will man mehr. Und ehrlich gesagt, ich glaube, die Top-Amis vermißt hier niemand. Die scheren die Rennen in Europa sowieso nur einen feuchten Kehricht. Was für die zählt, sind die Dollars«, schwärmt der 23jährige Honda-Pilot von seiner Deutschland-Rundfahrt. Ganz im Gegensatz zu dem hierzulande wohl populärsten US-Vertreter, Mike Jones. Als Publikumsliebling der letzten Jahre hatte der Kawasaki-Pilot die meisten Scheine nämlich als Antrittsgeld schon vor dem ersten Training eingesackt. Was ihm - inzwischen deutlich über den Zenit seiner Karriere hinausgekommen - nach dem Wechsel zu dem neuen, extrem plazierungsabhängigen Bonussystem deutlich unter Leistungsdruck setzt. »Es geht doch darum, daß die Zuschauer in die Hallen kommen. Und wenn ich meinen Teil dazu nicht nur in den Rennen beitrage, warum soll ich das nicht bezahlt bekommen?« zeigt sich der 32jährige von der deutschen Supercross-Reform nicht überzeugt. Genauso übrigens wie Doug Dubach. Der Amerikaner, der bei seinen - wohlgemerkt meist gelungenen - Auftritten in den vergangenen Jahren ebenfalls so manche Mark vorab einstrich, hatte nach einem schwachen Start in Berlin und Stuttgart vom rigorosen System ebenfalls die Nase voll und informierte sein Team per knappem E-mail, daß mit ihm ihn deutschen Landen künftig nicht mehr zu rechnen sei.Was den einheimischen Überaschungsmann der abgelaufenen Supercross-Saison, Jochen Jasinski, wenig kümmert. »Endlich existiert mal ein professionelles Umfeld. Die Rennen werden alle im Fernsehen übertragen, wir haben immer die gleichen Leute als Ansprechpartner, die Meinung der Fahrer und Teams wird berücksichtigt. Das alles läßt sich gut an«, reagiert der üblicherweise eher kritische Hesse erstaunlich positiv - abseits und auf der Piste. Mit einem Finalsieg in Dortmund gelang dem 28jährigen Honda-Piloten nämlich der erste Supercross-Triumph eines Deutschen nach Indoor-Überflieger Bernd Eckenbach. Womit der Profi sicherlich auch den größten Teil der Fans vom nicht ganz unumstrittenen neuen Supercross-Konzept überzeugen konnte. Denn nicht nur, daß bei der aktuellen Erstauflage unterm neuen Banner alle Veranstaltungen deutlich mehr Zuschauer anlockten, auch weitere Organisatoren werden plötzlich wach. Bereits kommenden Winter wollen in Köln und München zwei zusätzliche Veranstaltungen aus der finanziellen Not eine sportliche Tugend machen.
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Supercross in Deutschland: Report (Archivversion) - –––––US-Supercross - die große Nummer?

Fünf Supercross-Rennen in Deutschland. Nicht gerade viel, denn noch vor einem Jahrzehnt galt Supercross als die Zukunft des Off Road-Sports für Fahrer und Zuschauer. Statt Schlammschlachten in der Provinz volle Stadien in den Metropolen. Statt magerer Laufprämien fette Preisgelder. Doch die Szene, die so sehnsüchtig nach dem Vorbild der amerikanischen Indoor-Serie (Zuschauerdurchschnitt 1998: 48000) giert, ist realistischer geworden. Wegen der enormen Kosten der Hallen-Erdspiele (0,8 bis 1,2 Millionen Mark je Veranstaltung) hat sich das Feld der Veranstalter gewaltig gelichtet. Belgien (Antwerpen), England (Sheffield) und Italien (Genua) müssen sich mit nur einem Supercross pro Jahr bescheiden. Glücklicher sind die Franzosen, die zwar nur mit drei Läufen zur Supercross-Meisterschaft (Marseille sowie zweimal Paris: Stade de France, Bercy) aufwarten, in der Sommersaison aber auf gut 20 Freiluft-Supercross kommen. Apropos Freiluft: Am glücklichsten sind die spanischen Supercross-Fans. Neben den Highlights in Madrid und Barcelona existieren sieben spanische Supercross-Meisterschafts-Läufe sowie sage und schreibe 25 Freiluft-Supercross.

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