Supercross in Stuttgart (Archivversion) Jimderassa Bum

Dem restlichen Feld blieb keine Chance: Der Amerikaner Jim Button (1) holte sich beim Auftakt zur deutschen Supercross-Saison in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyerhalle Glanz, Gloria und zwei eindrucksvolle Siege.

Ein letztes Mal? Bernd Eckenbach mag´s selbst kaum glauben. Supercross, das war seine Welt. Der schnelle Sport auf den kurzen Strecken hatte seinen Namen zum Mythos werden lassen. Zum Symbol dafür, daß auch der schillernden Welt des Retorten-Cross mit eisernem Willen beizukommen war. Antwerpen, Bologna, Dortmund, Hannover, Leipzig, in den sportlich oft unkalkulierbaren Arenen-Sprints gab´s nur wenige Konstante beim Thema Erfolg - eine davon: Bernd Eckenbach.Doch der Schwabe hatte sein Opfer für den Altar des Erfolgs selbst gewählt. Einen Vertrag als Pilot im offiziellen 500er Werksteam von Husqvarna schlägt man als Profi-Crosser nicht so einfach aus. Auch dann nicht, wenn der hubraumstarke Viertakt-Bolide fürs Supercross so wenig taugt wie ein Sumo-Ringer in der rhythmischen Sportgymnastik. Und so sollte das Indoor-Cross in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle zu einer Abschieds-Gala für den 26jährigen Schwaben werden. Ganz sicher zum letzten Ritt auf der gewohnten Viertelliter-Kawasaki und zumindest vorläufig auch zur Farewell-Tour des Modellathleten von seiner Paradedisziplin.Wobei der Abschiedsschmerz beileibe nicht nur einseitig quälte. Denn auch nach beinahe einem Jahrzehnt als Schrittmacher konnte sich bislang keiner der nationalen Moto Cross-Stars zu einem Ausreißversuch in den Windschatten hinter Kapitän Eckenbach hängen. Nur noch Collin Dugmore, zwar gebürtiger Südafrikaner, aber seit elf Jahren in Deutschland lebend, leuchtete als Fünkchen der Hoffnung für die darbenden Fans und verzweifelt nach heimischen Heroen suchenden Veranstalter. Das beim Auftakt zur kurzen diesjährigen Indoor-Saison - nach Stuttgart folgen nur noch die Supercross in Leipzig und Dortmund - allerdings schnell verglimmte. Ein Muskelfaserriß im Oberschenkel warf den 29jährigen Wahl-Schwaben aus dem Rennen, bevor es richtig begonnen hatte.Was - mit Verlaub - den Herrn des Rings ohnehin nicht groß belastet hätte. Denn nach Abwesenheit von Mike Craig, des Stuttgarter Alleinherrschers der vergangenen drei Jahre, nahm dessen Landsmann und Prinzregent des letztjährigen Schwaben-Cross, Jimmy Button, das Zepter nur allzu gern in die Hand. Wobei sich der Junge aus Arizona schon eine Woche zuvor beim erstklassig besetzten Supercross in Paris mit einem Sieg vor Supercross-Legende Jeremy McGrath die Amtskette um seinen außergewöhnlich langen Hals gelegt hatte. Und auch in Stuttgart gab´s für den 24jährigen kein Vertun. Nach mäßigen Starts donnerte der Yankee durchs Feld wie eine Gewehrkugel durch den Lauf. Keiner, wirklich keiner beschleunigte so früh aus den Kurven, und nur wenige verstanden es, so flüssig, zielgenau und fehlerlos die Sprungkombinationen zu verbinden. Was trotz aller Bravour zumindest am ersten Veranstaltungsabend nur beiläufig bemerkt blieb. Denn als ob sie ihren Ruf der bislang eher zurückhaltenden Heldenverehrung zu revidieren hätten, zogen die Stuttgarter Fans in diesem Jahr schon am Freitag alle Register und ließen so lange nicht locker, bis der lokale Heros Eckenbach vom enthusiastischen Druck der Öffentlichkeit zunächst an die Spitze des Finallaufs gepeitscht wurde. Und der Jubel sollte auch nicht verstummen als der Lokalmatador seiner aktuellen Doppelbelastung mit ausgiebigen Viertakt-Tests und notdürftigem Supercross-Training Tribut zollen mußte und nach zwei Dritteln der Distanz drei spezialisierteren Kollegen doch noch den Vortritt lassen mußte. Daß die Gunst des Volkes nicht nur an den Moment des Erfolgs gekoppelt ist, ließ die ausverkaufte Halle ihren Favoriten auch am Samstag wärmend spüren. Nach furiosen Auftritten in den Vor- und Halbfinalläufen honorierten die Fans das nach mehreren Patzern verkorkste Finale Eckenbach dennoch mit Szenen-Applaus. Und wer weiß, vielleicht animierten sie den einsamen Kämpfer dadurch, vor dem nächsten Winter in der Husqvarna-Chefetage einfach mal unbezahlten Urlaub zu beantragen. Fragen kostet ja nichts.

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