Supercross in Stuttgart (Archivversion) SCHDUDDGARD ISCH KLASSE

Bislang rangen sie meist vergebens um Gesinnungsgenossen, doch die regionalen Radio-Schwatzbasen Frau Kächele und Frau Peters haben spätestens jetzt einen internationalen Mitstreiter für ihren Wahlspruch gefunden - Mike Craig.

Patriotismus hin oder her, wessen Zunge nicht bereits im Kindesalter hinter jedes Substantiv die Endung »le« hängte und wer nicht anders kann, als jedes feine S in ein breites Sch umzuwandeln, dem bleibt der Esprit Stuttgarts in der Regel für immer verborgen. Zu dieser Gruppe gehört, Hand aufs Herz, der überwältigende Anteil aller, die sich je in der Schwabenmetropole aufgehalten haben. Weil sie a bissle oige wärn, zu hochdeutsch: etwas eigen seien, erklärt sich der Menschenschlag entlang des südlichen Neckars das in der Regel distanzierte Verhältnis zu anderen Kulturen.Sei es, wie es will. Stuttgart war schon immer etwas anders. Und da machte auch das Supercross keine Ausnahme. Allerdings nicht immer in positiver Hinsicht. Der relativ kleine Innenraum, ein kühles Ambiente in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, eckige Streckenführung und Organisatoren, die nur unwillig dem Brot-und-Spiele-Image des modernen Supercross folgen mochten, bremsten das Schwaben-Indoor in der Regel zum etwas unterkühlten Pflichtprogramm der schillernden Supercross-Szene ein.Doch in diesem Jahr sollte alles anders werden. Mit den bewährten Zutaten aktuellen Supercross-Erfolgs - einer spektakulären Piste, Kindercross und Superjump - sollte auch in Stuttgart die Neuzeit des Retorten-Cross anbrechen. Was nicht zuletzt die einheimischen Piloten mit neuem Elan erfüllte. Doch gerade für die kam alles anders. Desaster eins: Pit Beirer. Daß sich der Vorzeige-Crosser vom Bodensee mit seinem wilden Fahrstil auf den diffizilen Indoor-Pisten nur schwer zurechtfindet, ist kein Geheimnis. Doch weil bei dem ehrgeizigen Honda-Piloten nicht sein darf, was nicht sein soll, nahm der Blondschopf speziell für seinen Heimauftritt eine Woche Supercross-Nachhilfestunden in den USA. Mit sichtlichem Erfolg - allerdings nur im Training. Denn ausgerechnet bei seinem allerersten Lauf am Freitag abend ging der 24jährige an einem Doppelsprung etwas zu zaghaft zu Wege und mußte prompt als Landefläche für einen Verfolger dienen. Glück im Unglück: Mit gebrochenem Daumen zog sich der Geplättete noch vergleichsweise glimpflich aus der Affäre.Desaster zwei: Bernd Eckenbach. Wäre der unumstrittene Supercross-Held aller Deutschen mit etwas Rennglück selbst im illustren Feld der internationalen Größen jederzeit für einen Podiums-Platz gut gewesen, plagten den 25jährigen an diesem Wochenende andere Sorgen. Mit einer kräftigen Magen-Infektion hoppelte der Kawasaki-Fahrer von Beginn an saft- und kraftlos über das anspruchsvolle Terrain, verausgabte sich bis zur völligen Erschöpfung und mußte sich letztlich schon am Freitag mit Platz zehn weit unter Wert schlagen lassen. Schlimmer noch am Samstag, als der Lokalmatador das Finale, obwohl er sich dafür qualifiziert hatte, völlig ausgemergelt mit seiner vollzähligen Fangemeinde von den Publkumsrängen aus beobachten mußte.Und so blieb es letztlich nur dem Südafrikaner Collin Dugmore, der als Wahlschwabe seit elf Jahren in Deutschland lebt, überlassen, zu retten, was noch zu retten war. Was dem 28jährigen zumindest am Freitag gelang. Mit Rang vier legte der Honda-Pilot einen achtbaren Auftritt aus Parkett, der am Samstag sogar noch besser hätte ausfallen können. Wohlgemerkt können. Denn als der Mann aus Johannesburg auf dem formidablen dritten Platz liegend das Führungsduo Mike Jones und Thierry Bethys gemeinsam im Waschbrett aus dem Sattel purzeln sah, brachte die überraschende Führung den angehenden Vater derart aus der Fassung, daß er nach dem Überblick einige Wellen später auch das Gleichgewicht verlor. Aus der Traum vom möglichen Finalsieg. Den hätte sich der ungewohnt konzentriert fahrende Dugmore bei aller Hochachtung dennoch nur erträumen können. Denn auf der Stuttgarter Piste gewinnt seit vier Jahren nur einer: Mike Craig. Wenngleich der 27jährige Profi-Crosser aus der Nähe von San Diego sich dies nicht einmal selbst erklären kann. In den USA zwar als hochtalentiert, genauso aber als psychisch labil bekannt und deshalb in der eher als Nachwuchsliga geltenden 125er Freiluft-Meisterschaft gerade mal auf Rang fünf gelistet, streift der Vater dreier Kinder im Schwabenland regelmäßig alle Hemmungen ab. Zu seiner allereigensten Überraschung bügelt der Kalifornier mit dem bewundernswert geschmeidigen und traumhaft sicheren Fahrstil jedwede Konkurrenz einfach platt. Wäre der Start-Ziel-Sieg am Freitagabend insofern noch als Plansoll durchgegangen, mutierte Craigs Auftritt am Samstag zur peinlichen Blamage des restlichen Felds. Nach total verpatztem Start donnerte Craig vom allerletzten Platz so vehement durchs Gewühl, daß der Übercrosser noch fünfzig Meter vor dem Ziel Landsmann Jimmy Button den Sieg abluchste. Und weil nicht nur dieser Husarenritt die Fans von den Sitzen riß, sondern auch besagter Superjump samt aufgemotztem Rahmenprogramm dem Supercross im Land des Mercedes-Sterns endlich den ersehnten Pepp verlieh, dürften Frau Kächele und Frau Peters am Samstag abend vielleicht neben Mike Craig auch viele Fans von ihrem bislang meist verschmähten patriotischen Motto überzeugt haben.

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