Supersport 600-Weltcup in Oschersleben (Archivversion)

Alles wird gut

Zwar war die internationale Premiere in Oschersleben kein rauschendes Fest. Aber die Kaltstartprobleme können behoben werden. Und Sieger Paolo Casoli ist schon jetzt ein Fan des Motoparks.

Reichlich kontrovers wurde der neue Motopark Oschersleben von den Fahrern des Supersport 600-Weltcups angenommen. Nach dem Training gingen die Stimmen weit auseinander. Titelverteidiger Fabrizio Pirovano, Dritter in der Startaufstellung, sowie seine Nachbarn auf den Startplätzen zwei und vier, der Yamaha-Werksfahrer Vittoriano Guareschi und Suzuki-Mann Yves Briguet, kritisierten die engen Kurven und das Fehlen von schnelleren Streckenpassagen. Briguet etwa meinte: »Man sieht doch sehr deutlich, daß die Strecke eher für Autorennen konzipiert wurde.«Paolo Casoli dagegen, Tabellenführer im Weltcup und in Oschersleben auf der Pole Position, war begeistert: »Die Strecke mit ihren vielen Kurvenkombinationen ist fahrerisch höchst anspruchsvoll. Mir gefällt das sehr gut. Ich werde morgen hier gewinnen.« Im Training schon um sieben Zehntelsekunden schneller als Guareschi, fuhr Casoli vor rund 11000 Zuschauern vom Start weg auf und davon. Nach vier Runden war sein Vorsprung schon auf fast sechs Sekunden angewachsen. Auch ein leichter Regenschauer zu Rennmitte brachte Casoli nicht aus dem Konzept, während sich weit hinter ihm gleich ein halbes Dutzend Fahrer um Rang zwei raufte.Doch Casoli interessierte sich dafür herzlich wenig und holte in aller Ruhe als erster Fahrer in dieser Weltcup-Saison den zweiten Sieg. »Ich kann es nur noch mal sagen«, so der Italiener auf dem Siegerpodest, »ich finde diese Strecke hervorragend.«Die Kampfgruppe um Platz zwei war sich bis zur Ziellinie völlig uneins über die Reihenfolge. Die Nase vorn hatte am Schluß Vittorio Guareschi mit seiner Yamaha vor Briguet und Wilco Zeelenberg, auf Yamaha ja der Sieger des vorhergehenden Rennens in Assen. Es folgten Stéphane Chambon, der im Astare-Corona-Ducati-Team allmählich Pirovano als Nummer eins-Fahrer verdrängt, der italienische Suzuki-Pilot Giovanni Bussei und Thomas Körner als bester Deutscher.Körner mußte übrigens mit einem Handikap in Oschersleben an den Start gehen. Bei einem Trainingssturz zog er sich tiefe Hautabschürfungen an zwei Fingern der rechten Hand zu. Dennoch reichte es für den Schwaben, wenigstens seine beiden Landsleute niederzuhalten. Bernhard Schick, im Ducati-Team des früheren Gespann-Stars Ralf Bohnhorst seit einigen Rennen Teamgefährte des neu in diese Mannschaft integrierten Körner, war im Rennen nicht glücklicher als im Training. Um gerade drei Zehntelsekunden lag Schick hinter dem Trainingsdritten Stéphane Chambon - und war nur Elfter. Das Rennen beendete er als nur mäßig zufriedener Zehnter.Noch weniger zu lachen hatte aber der Dritte der deutschen Supersport-Musketiere. Jörg Teuchert, nach der Trennung von Tuner Theo Laaks erstmals mit Motoren des Kölner Yamaha-Händlers Emonts unterwegs, mußte in der neunten Runde aufgeben. »Die Auspuffhalterung war gebrochen«, analysierte der Franke, »und dadurch zerstörte sich der Auspuff selbst.«Ebenfalls mit einem weniger fröhlichen Gesicht lief Stéphane Mertens durch das Fahrerlager in Oschersleben. Der Belgier im deutschen Rubatto-Racing-Team kämpfte das ganze Wochenende mit dem Getriebe seiner Suzuki. »Es ist sehr schwierig, hier eine richtige Getriebeabstufung zu finden, die in allen Kurven paßt«, so Mertens resigniert. Sein 13. Rang warf den früheren Superbike-Vizeweltmeister, der ja in dieser Saison zeitweilig Tabellenführer des Supersport 600-Weltcups war, auf Gesamtrang sieben zurück.Damit steht er aber immer noch einen Rang vor dem Titelverteidiger. Fabrizio Pirovano, im in dieser Klasse konkurrenzlos auftretenden Alstare-Corona-Team mit feinsten Werks-Ducati ausgerüstet, klebt 1997 das Pech an den Stiefeln. Den vierten Ausfall im achten Rennen mußte »Piro« in Oscherslebnen hinnehmen. Nach zehn Runden stand die Ducati mit Zündungsschaden still - und der kleine Italiener war in der Tabelle hinter Zeelenberg und Mertens, die wenigstens einige Pünktchen aus Sachsen-Anhalt mitnehmen konnten, fast schon aussichtslos auf Rang acht zurückgefallen.Seine eher zufällig entstandenden Chancen auf den Titel des Supersport-Europameisters erhielt Stefan Scheschowitsch mit einem überlegenen Sieg auf seiner Kawasaki vor dem spanischen Honda-Fahrer Vasquez und Tabellenführer Antonio Conti auf Ducati. Im Gegensatz zum Italiener Conti, der als einer von sehr wenigen ernsthaft um den »Zweitliga«-Titel fährt, trat Scheschowitsch in acht Rennen nur dreimal an und wurde zweimal Erster und einmal Zweiter. Der Schwabe hat es nun in der Hand, mit einem Start beim Finale in Albacete am 21. September die kleine Chance wahrzunehmen oder den fleißigen Antonio Conti durch Daheimbleiben zum Europameister zu machen.MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner blieb nur die Ehre der schnellsten Runde. Mit seiner Laaks-Yamaha stürzte er, gerade auf Rang zwei hinter Scheschowitsch vorgefahren, nachdem seine Maschine unsanft auf dem Lichtmaschinendeckel aufgesetzt hatte. Ironischerweise mußte dieser Deckel für das EM-Rennen gewechselt werden, weil das in der DM eingesetzte, weniger sturzgefährliche Teil bei internationalen Rennen nicht montiert sein darf.
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Supersport 600-Weltcup in Oschersleben (Archivversion)

ErgebnisseWeltcup: 1. Paolo Casoli (I) Ducati, 28 Runden in 44.47,331 min ( = 141,410 km/h), 2. Vittoriano Guareschi (I) Yamaha, 3. Yves Briguet (CH) Suzuki, 4. Wilco Zeelenberg (NL) Yamaha, 5. Stéphane Chambon (F) Ducati, 6. Giovanni Bussei (I) Suzuki, 7. Thomas Körner (D) Ducati, 8. Massimo Meregalli (I) Yamnaha, 9. Michael Paquay (B) Honda, 10. Bernhard Schick (D), 11. Christophe Cogan (F), beide Ducati, 13. Stéphane Mertens (B) Suzuki, 14. Peter Koller (D) Kawasaki, 15 David Rouge (CH) Honda;Schnellste Runde: Casoli in 1.33,789 min ( = 144,707 km/h);Stand: 1. Casoli 110 Punkte, 2. Chambon 90, 3. Briguet 87, 4. Guareschi 81, 5. Paquay 75, 6. Zeelenberg und Mertens, je 71;EM: 1. Stefan Scheschowitsch (D) Kawasaki, 45.01,609 min ( =140,663 km/h), 2. José Vasquez (E) Honda, 3. Antonio Conti (I) Ducati, 4. Christian Kellner (D) Suzuki, 5. Albert Aerts (B) Yamaha, 6. Dag Sundby (N), 7. Roman Bocek (CZ), 8. Jürgen Oelschläger (D), alle Honda, 9. Thomas Fritzsche (D) Yamaha, 10. Thomas Hoemke (D) Kawasaki, 11. Michael Alt (D), 12. Pedro Antelo (E), beide Honda;Schnellste Runde: Gerhard Lindner (D) Yamaha in 1.35,485 min ( = 142,137 km/h);Stand: 1. Conti 91, 2. Scheschowitsch 70, 3. Vasquez 62, 4. Herbert Kaufmann (D) Yamaha 50.

Supersport 600-Weltcup in Oschersleben (Archivversion) - «Motorräder nicht auf die leichte Schulter nehmen“

Der neue Motopark Oschersleben zeigt gute Anlagen, aber es ist auch noch Sand im Getriebe
Der Motopark Oschersleben hat seine Feuertaufe bestanden, zumindest was die Anlage selbst angeht. Die Strecke entspricht hinsichtlich Verlauf und Sicherheit, modernsten Anforderungen. Die 30 Boxen sind überaus großzügig dimensioniert und auch die Funktionsgebäude mit Medical Center, Pressezentrum, Race-Control-Räumen und den noch im Innenausbau befindlichen Hospitality-Lounges geben kaum Anlaß zu Kritik. Im Gegensatz dazu aber standen beim ersten internationalen Rennen ganz erhebliche organisatorische Mängel. So begann die gesamte Veranstaltung am Freitagmorgen mit 90 Minuten Verspätung, weil gleich reihenweise Streckenposten nicht erschienen waren. Und an die Freiwilligen, die jetzt auf die Schnelle noch aufgetrieben werden konnten, durfte man nicht allzu hohe Anforderungen stellen. Die überwiegend Jugendlichen im Mittelstufenalter waren zum Teil von keinerlei Kenntnis des Motorsports getrübt, erkannten zwar die unterschiedlichen Farben der ihnen überantworteten Flaggen, nicht aber deren Bedeutung.Während des leider nur schwach besetzten freien Test-Trainings der Superbike-WM-Teams traf der Honda-Werksfahrer Aaron Slight an der Boxenausfahrt auf einen Radlader, der gerade im Begriff war, mitsamt eines massiven Formbetonteiles die Strecke zu überqueren. Den wild gestikulierenden Slight ließ der Baggerfahrer ebenso passieren wie den wenig später mit Volldampf die Zielgerade herunterbrausenden John Kocinski. Dann aber setzte er ungerührt seine Arbeit fort und lieferte den Betonklotz auftragsgemäß im Innenbereich der Rennstrecke ab.Solche Dinge dürfen und werden auch nicht mehr passieren, wenn in der Organisation alle Instanzen professionell zusammenwachsen. Da aber muß das überwiegend aus der Automobilsport-Szene stammende Motopark-Team verstehen, daß ein Motorrad-Rennen nicht derart auf die leichte Schulter genommen werden darf, wie es leider über weite Strecken des Premieren-Wochenendes erschien.

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