Supersport-WM in Brands Hatch/England (Archivversion) Ja, is’ denn scho’ Weihnachten

Ohne Erwartungen fuhr das in Oschersleben gebeutelte Alpha-Technik-Yamaha-Supersport-Team zum Finale nach Brands Hatch. Und durfte am Ende doch feiern.

Marcus Eschenbacher, im Alpha-Technik-Yamaha-Supersport-Team für feinste Motorentechnik und gute Stimmung verantwortlich, wollte am Freitag vor dem Saisonfinale der WM in Brands Hatch von der Frage nach eventuellen WM-Titelchancen seiner beiden Fahrer Jörg Teuchert und Christian Kellner nichts mehr wissen: »Glaubst du an den Weihnachtsmann?«Zu sehr noch schmerzten die Kratzer, die nicht nur die Verkleidungen der beiden Yamaha YZF-R6-Renner bei dem katastrophalen Absturz fünf Wochen zuvor in Oschersleben erlitten hatten. Und zu klar waren die Hauptrollen für den Meister-Showdown anderweitig besetzt. Titelverteidiger Stéphane Chambon aus dem Alstare-Corona-Suzuki-Team und Ducati-Werksfahrer Paolo Casoli kamen nach dem Oschersleben-Debakel des deutschen Yamaha-Duos mit recht komfortablem Vorsprung zum Finale. Von den beiden deutschen Helden redete keiner mehr. Im Gegenteil: Die Startplätze sechs für Kellner und zehn für Teuchert waren für Teamchef Udo Mark nur ein weiterer Ausdruck der nachhaltig gestörten Beziehung zwischen der südenglischen Traditionsbahn und seinem Team. »Brands Hatch ist einfach nicht unser Pflaster«, lautete am Samstagabend sein nicht gerade sehr motivierender Kommentar.Fünf Runden vor Schluss war aber plötzlich alles ganz anders. Die Titelverteidigung von Stéphane Chambon war längst an einem Pleuellagerschaden der bis dato extrem zuverlässigen Suzuki GSX-R 600 gescheitert. Und Paolo Casoli rutschte samt seinem Abfangjäger Xaus auf verendenden Reifen ganz allmählich an der Weltmeisterschaft vorbei. In der Alpha-Technik-Yamaha-Box dagegen zeigten sich die ersten Optimisten schon ziemlich sicher, dass der Weihnachtsmann wirklich existiert.Christian Kellner hatte als perfekter Teamspieler seinen »Kapitän« Teuchert nach mäßigem Start an die Spitzengruppe herangeführt. Und die eigentlich unmögliche Sensation wurde immer greifbarer in den Köpfen der Alpha-Technik-Boxencrew, der beiden Fahrer und auch der gut 50000 Zuschauer rund um die Strecke südöstlich von London.Jörg Teuchert musste unbedingt Zweiter werden in diesem Rennen und Christian Kellner alles tun, dass es innerhalb der Führungsquartetts wirklich auch dazu kommt. Den jungen Australier Muggeridge auf seiner privaten Honda konnte man also im Notfall ziehen lassen, denn der wollte unbedingt sein erstes WM-Rennen gewinnen. Was aber war mit Jamie Whitham, dem großen Helden der einheimischen Fans? »Über die Yamaha-Europa-Zentrale in Amsterdam wurden die in Frage kommenden Fahrer, darunter folglich Jamie Whitham informiert, dass es auch für die Firma um den WM-Titel geht«, erinnerte sich nach dem Rennen leicht irritiert Teamchef Udo Mark.Denn der gute Jamie fightete innerhalb dieses Spitzenvierers, als ob es kein Morgen gäbe, auch und gerade gegen Titelkandidat Teuchert. Noch in der letzten Runde drückte sich der Brite mit einem Vollkontaktmanöver an Teuchert vorbei, ausgerechnet auf entscheidenden Rang zwei.Und Christian Kellner, der zwischenzeitlich als Spitzenreiter des Rennens sogar selber auf Titelkurs gefahren war, konnte nun in der letzten Runde den unsicheren Waffenbruder Whitham ebenfalls nicht mehr einfangen, ohne dabei die Früchte der gemeinsamen Arbeit, den Titel für Teuchert, zu sehr zu gefährden. »So habe ich den Jörg auf der letzten Geraden vorbeigewunken und gehofft, dass der Whitham mitspielt«, schildert Kellner den wohl spannendsten Moment des Rennens, »für mich selber auf Sieg zu fahren wäre wohl zu riskant gewesen. Wenn ich dann um einen Zentimeter hinter Muggeridge und einen Zentimeter vor Jörg im Ziel gewesen wäre, hätte ich nach Oschersleben zum zweiten Mal alles verzockt.«Jamie Whitham aber blieb frech bis zum letzten Augenblick und redete im Ziel augenzwinkernd davon, »dass Jörg mich ehrlich besiegt hat und ein würdiger Champion ist«. Etwas höherrangige Yamaha-Mitarbeiter mussten sich dagegen bei allem Jubel sehr anstrengen, ihre Einschätzung über Whithams Interpretation der Rolle des loyalen Angestellten einigermaßen druckreif zu kommentieren.Im deutschen Dream-Team aber interessierte dies niemanden. Denn die wundersame Wendung nach dem K.o. von Oschersleben ließ den Emotionen in der Alpha-Technik-Yamaha-Box freien Lauf. Auf den ersten Blick unterschied sich die Szene gar nicht so sehr von der fünf Wochen zuvor in Oschersleben. Jörg Teuchert und sein Vater Arnulf, der Enduro-Weltmeister der späten 70er Jahre, lagen sich hemmungslos weinend in den Armen, und Teamchef Mark war unauffindbar.Der frisch gekürte Meister selber war kaum bei Sinnen. »Das ist völlig unglaublich«, wiederholte er sich mehrfach, »nach der Verletzung hier im August, der blöden Disqualifikation in Assen und dem Super-Gau von Oschersleben bin ich jetzt doch noch Weltmeister. Ich kann es gar nicht fassen.« Und es folgte die nächste Umarmung und der nächste freudige Weinkrampf.Wo aber war Meistermacher Mark? Der stand derweil im Parc fermé und beschwörte seine Motorräder, damit sie bei der technischen Nachkontrolle auch wieder ansprangen, was angesichts der Erfahrungen aus Assen mit dem serienmäßigen Anlasser der Yamaha R6 ja nicht hundertprozentig sicher war.Für Jörg Teuchert, noch nicht richtig zu Hause im Mittelfränkischen angekommen, schlug der gerade gewonnene WM-Titel bereits voll in sein Leben ein. »Hier ist der Teufel los, schon jetzt, nur drei Tage nach dem Rennen, müssen mindestens drei große Feste organisiert werden, von Fernsehauftritten und so weiter ganz zu schweigen«, so der Champion unter Höchstspannung. »Manchmal, in den ganz wenigen freien Sekunden, die ich bisher hatte, habe ich mir gedacht: Das wär’ dir alles erspart geblieben, wenn du rechtzeitig vom Gas gegangen wärst«, grinst der vom Glücksgefühl sichtlich gestresste Weltmeister.Wie der erste deutsche Motorrad-Straßen-WM-Titel seit 1993, als Dirk Raudies die 125er-Grand Prix-WM gewonnen hatte, in Fachkreisen eingeschätzt wird, zeigte sich ebenfalls bereits nur wenige Tage nach dem Sieg. Fünf Wahlgänge brauchte die ADAC-Sportabteilung, um ihren »Motorsportler des Jahres 2000« zu wählen. Mit 40 gegen 41 Stimmen, quasi im Tie Break, nachdem einer des Wahlgremiums per Los doppeltes Stimmrecht bekam, unterlag der neue Supersport-Weltmeister einem Autorennfahrer – namens Michael Schumacher.

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