Superstock-EM: Kurzbericht (Archivversion) Haft-Pflicht

Lange Zeit konnte Superbike-Weltmeister Carl Fogarty den Nürburgring nicht leiden, bis er merkte, daß ausgerechnet dort seine Reifen so gut funktionierten wie noch nie. Grund genug, einen Blick in die Geheimnisse der Reifenhersteller Michelin und Dunlop zu wagen.

Der dreifache Weltmeister Carl Fogarty machte aus seiner Kritik an den Reifen in der bisherigen Superbike-WM-Saison keinen Hehl: »Die idealen Reifen kannst du längst nicht mehr finden. Wir suchen nur noch den am wenigsten schlechten Kompromiß.«Schwerer Tobak für die Techniker der beiden in der Superbike-WM führenden Reifengiganten Michelin und Dunlop. Die Franzosen, als traditionelle Ausrüster von Ducati und Partner bei allen drei WM-Titeln Fogartys besonders betroffen, spielen die Sache ein wenig herunter: »Die Fahrer wollen immer das Optimum und immer mehr. Das ist natürlich«, reagiert Nicolas Goubert, der Chef der Motorradsparte in der Rennentwicklung bei Michelin, gutmütig.Um dies wenigstens einigermaßen zu gewährleisten, betreibt Michelin wie auch die Konkurrenz in Schwarz-Gelb ganz erheblichen Entwicklungsaufwand. Die Franzosen bieten ihren Top-Fahrern, neben Meister Fogarty noch Ducati-Kollege Troy Corser sowie die Werksfahrer von Honda und Yamaha, Colin Edwards, Aaron Slight, Noriyuki Haga und Vittoriano Guareschi, die Möglichkeit, zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Hinterreifen zu wählen.»17 Zoll« und »16,5 Zoll« heißen die Zauberwörter, die bei jedem Fahrer-Interview größten Raum einnehmen, und ganz nebenbei erstmal in die Irre führen. »Im Abrollumfang«, erklärt Michelin-Mann Goubert, »gibt es keinen Unterschied, und auch die unterschiedlichen Radgrößen spielen für die Eigenschaften der Pneus kaum eine Rolle.« Viel wichtiger ist die Kontur des Reifens und damit die Auflagefläche auf der Straße. Der 16,5-Zoll-Reifen hat, und das ist der Grund für den geringeren Innendurchmesser, eine spitzere, dachähnliche Kontur, hingegen ist der 17-Zöller runder gebaut.Dadurch soll der 16,5-Zoll-Gummi bessere Handlichkeit bieten. Die Fahrer reagierten unterschiedlich. Troy Corser etwa schwört fast auf jeder Strecke auf das jüngste Michelin-Baby, während Fogarty beim deutschen WM-Lauf auf dem Nürburgring zum bewährten 17-Zoll-Pneu griff und eine Offenbarung erlebte. »Ich habe hier endlich perfekten Grip«, jubelte der Brite, »die Michelin-Reifen harmonieren ideal mit dem Asphalt.«Sprach’s und fuhr auf der bisher ungeliebten Eifel-Strecke mit neuem Vertrauen in die Gummi-Götter im ersten Durchgang einem ungefährdeten Sieg entgegen, während Corser mit 16,5 Zoll unterging, und nur durch die skandalösen Vorgänge im Zusammenhang mit der Ölspur im Castrol-S wieder auf Rang drei hinter Aaron Slight vorgespült wurde (siehe Kommentar auf Seite 167).Für das zweite Rennen wurde Fogarty durch die neue Begeisterung wohl zu übermäßigem Optimismus getrieben. In der für jede Reifengröße zur Verfügung stehenden Bandbreite verschiedenster Mischungen und Karkassenkonstruktionen wählte der Weltmeister eine Nummer zu weich: In Führung liegend, mutete er dem Vorderreifen zu viel zu und stürzte, alldieweil Teamkollege Corser auf den 17-Zoll-Gummi umgestiegen war und in einem fulminanten Endkampf den führenden Honda-Fahrer Aaron Slight noch vom Sockel stoßen konnte.Dritter wurde in diesem Lauf Akira Yanagawa auf der deutlich erstarkten Werks-Kawasaki als bester Dunlop-Fahrer. Die britische Traditionsmarke in japanischem Besitz geht einen anderen Weg, was das Angebot an ihre Partner betrifft. Beliefert werden Kawasaki, Suzuki und Aprilia mit den Fahrern Akira Yanagawa, Gregorio Lavilla, Pierfrancesco Chili, Katsuaki Fujiwara und Peter Goddard, der den Twin aus Noale auf dem Ring als Fünfter und Achter zum bisher besten Ergebnis überhaupt getrieben hat.»Wir bieten für das Hinterrad zwar zahlreiche unterschiedliche Mischungen und Konstruktionen an, die Radgröße aber bleibt einheitlich 420 Millimeter, was 16,5 Zoll entspricht«, erläutert Renndienstchef Reinhard Berier, »aber vorn haben wir seit den Rennen in Albacete, Mitte Mai, zwei Größen, 17 Zoll und, wie wir den 16,5-Zöller nennen, R 420.«Auch am Dunlop-Vorderrad sind die Unterschiede zwischen den beiden Versionen gleich wie am Michelin-Hinterrad: Der innen kleinere Reifen hat eine spitzere Kontur, ist im Außenumfang gleich und soll zu besserer Handlichkeit beitragen.Dunlop wie auch Michelin bringen bis zu 2500 Reifen zu jedem Superbike- und Supersport-WM-Event und treiben intensivste Forschung, die sich, wie David Watson, Motorradrennsport-Mangager bei Dunlop, erklärt, »einerseits im hochseriösen Ingenieursbereich abspielt. Andererseits bieten der Gummi und alle anderen Materialien, die wir zum Reifenbau noch verwenden, immer wieder Überraschungen. So haben wir im Praxisversuch bei zwei Supersport-Reifen festgestellt, daß sie besser funktionieren, wenn wir sie entgegengesetzt der ursprünglichen Laufrichtung einsetzen.«Die Frage, ob ein guter Reifenentwickler nicht doch auch ein guter Hexenmeister sein muß, beanworten übrigens sowohl Mister Watkins wie auch Monsieur Goubert mit einem hintergründigen Lächeln.

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