Szene: 4-Treffen-Tour Trifft sich gut

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll; so viel war am dritten Juli-Wochenende 2010 geboten. MOTORRAD CLASSIC wagte den Marathon: vier Treffen an zwei Tagen.

Der 17. Juli beginnt auf der kühlen, örtlich nebligen A 8. Jeder kennt schönere und kürzere Strecken von Stuttgart nach Neuburg an der Donau, aber wenn der MV Agusta Club Deutschland e. V. um 8 Uhr die Anmeldung öffnen und zwei Stunden später zur Ausfahrt aufbrechen will, zählt vor allem eine zügige Anreise. Die B 16, die uns ab Günzburg an der Donau entlangführt, hat schon belebtere Zeiten gesehen. Neuburg wird langsam wach, als die LSL-Triumph Clubman T 860 R gegen 8 Uhr die gepflasterten Serpentinen zum alten Marstallgebäude emporbollert. Die ersten MVler krabbeln grade aus ihren Wohnmobilen.
Unter Feingeistern
Wo sind bloß die ganzen Motorräder geblieben? Auf dem weitläufigen Innenhof stehen nur ein paar wenige in andächtiger Ruhe herum. Der Gedanke ist noch nicht zuende
gedacht, da klingelt schon ein Schlüsselbund heran: Selbstredend haben die Pretiosen die nasse und stürmische Nacht hinter Schloss und Riegel, außerdem im Trockenen verbracht. Ein massives Holzportal schwingt auf und präsentiert eine Armada roter Motorräder, eines schöner als das andere. Gegenwert: einige Millionen Euro. Einzelstücke. Rare Serien. Klassiker und kommende Klassiker einträchtig nebeneinander. „Ja, viele sind über eine F4 oder eine Brutale zum MV-Club gekommen“, erklärt Utz Raabe, der ehemalige Präsident des Vereins. „Anfangs gab es ein paar Bedenken, aber inzwischen haben die Neuen auch Freude an den historischen Fahrzeugen gefunden.“ Außerdem heiße der Club ja nicht „MV-Klassikverein“ oder so ähnlich.
Diszipliniert sammeln sich die Motorräder bis 350 cm³, über 350 cm³ und die modernen Modelle am jeweiligen Vorstart. Die erste Gruppe soll um 10 Uhr abfahren, und tatsächlich blendet das 10-Uhr-Läuten des nahen Kirchturms nahtlos in den Klangteppich startender Motoren über. Die hohen, alten Mauern spielen Pingpong mit dem Echo, und der Club geht auf Ausfahrt.
Das Schlusswort, bevor wir zum nächsten Treffen umziehen, gebührt Utz: „Wir wollen ein Verein für die ganze Familie sein. Wenn wir heute mit den Motorrädern zum Audi-Museum fahren, haben wir für die Frauen und Kinder einen Reisebus organisiert, damit die auch was von unserem Ausflug haben.“
GSX-R-Freunde; eine handfeste Truppe
Von Frauen oder Familie ist am Campingplatz in Kinding-Pfraundorf wenig zu sehen. Als unsere Triumph im Café-Racer-Trimm dort einrollt, antwortet ihrem Zweizylinder-Bariton ein vielstimmiger Chor abfahrbereiter Vierzylinder: „Wir machen jetzt erstmal Ausfahrt“, ruft es aus einem Helm heraus. „Bis nacher!“ Wofür bei den MVlern in Neuburg weiße Tischtücher auf schwerem Mobiliar in einem Säulensaal mit Silberbesteck eingedeckt waren, dienen hier Klappstühle unter Sonnenschirmen. Bis die GSX-R-Meute zurück ist, darf sich der Café Racer kühl knistern und der Fahrer einen Kaffee tanken. Vom Campingplatz, vom Badesee und von den Volleyball­netzen her überströmt fröhliche Urlaubslaune den Biergarten, und die steckt an: Hier könnte man es auch ohne Motorradtreffen prima aushalten. Wieso habe ich eigentlich keine Badehose eingepackt?
Bevor die Freizeitpläne allzu konkret werden können, kündigen sich die Ausfahrer wieder an: Nicht lauter als nötig, aber leicht aus dem anderen Geräuschleben herauszufiltern, rollt ein Rudel Suzuki GSX-R, bunt gemischt durch die Baujahre, wieder heran. Klaus Max Kiefer, der über die Website
www.racing-show.com zum Treffen eingeladen hatte, erklärt stolz: „Wir sind dieses Jahr nicht ganz so viele wie sonst, aber vier Limited-Edition-Modelle an einem Platz siehst du selten.“ Großen Respekt genießt eine auf Einspritzung umgebaute GSX-R 750 RR. Ihr Besitzer Ralf erklärt lakonisch: „Die Elektronik anzuschrauben war nicht so schwer, das Mapping hat man auch irgendwann raus. Die größten Probleme waren, Kurbel- und Nockenwellensensoren dort unterzubringen, wo es keinen Platz dafür gibt.“ Das gute Stück ist natürlich unverkäuflich, aber „bei einer BMW S 1000 RR könnte ich schwach werden“, gibt Ralf zu.
Schade um den Badesee und die hochsympathische GSX-R-Gemeinde, aber die Pflicht ruft: In Oettingen wollen wir nächtigen, wo für den nächsten Morgen ein Oldtimer-Frühschoppen angekündigt ist. Die LSL-Triumph bollert der Sonne entgegen, verkneift sich den Abstecher zur „Fränkischen Kleinwagensammlung“ in Stopfenheim und ist gespannt, was Oldtimer wohl zum Frühstück trinken.
Das Familienfest
Für den Fall, dass in irgendeinem Hinterkopf der Begriff „Oldtimer-Frühschoppen“ nach kleinem Spinnertreff mit großem Herrengedeck (Bier, Korn, Bockwurst) klingt: Großer Irrtum. Der Glockenturm hat noch nicht einmal 10 Uhr geläutet, da birst der Innenhof zwischen Stadtmauer, Heimatmuseum und Kirche beinahe vor Zulauf: alle Marken, alle Genres, alle fröhlich.
NSU-Sammler Harald Janu, dessen Museum in Sichtweite des Hofes liegt (www.faszination-nsu-motorraeder.de) hat das Fest angezettelt. Natürlich sind seine Motorräder zahlreich vertreten, „aber alle wollte ich jetzt auch nicht rüberschieben“, gesteht Harald mit einem beinahe entschuldigenden Unterton ein. Es gebe genug andere sehenswerte Marken.
Recht hat er: Rennmotorräder, Raritäten, Kuriositäten, Alltagsklassiker, kleine, große, schwere, schnelle und ihre Besitzer von U30 bis Ü60 säumen die Ausstellungswiesen. Noch vor Mittag sind alle offiziellen und halboffi­ziel­len Parkplätze auf dem Gelände belegt, und das Fest streckt seine metallenen Arme wie eine herzliche Einladung in die Straßen und Gassen von Oettingen.
Zum einschlägig mit klassischen Motorrädern vorbelas­teten Publikum gesellt sich, nachdem die Sonntagsmesse gelesen ist, viel Laufkundschaft. Sie hat teils zufällig, teils vorsätzlich den Weg in den Ausstellungshof gefunden. Die Oettinger genießen die Abwechslung in der Stadt – zumal weder von Motorradfahrern noch von schaulustigen Fußgängern ein Eintrittsgeld verlangt wird. Gut 300 Motorräder und über 1000 Besucher sollen es am Ende gewesen sein. Das Fest finanziert sich aus Liebhaberei und Essensverkauf; die LVM-Versicherung, das Autohaus Bauer in Wassertrüdingen, das Weinhaus Dantonello und die Oettinger Brauerei hat Harald Janu als Sponsoren gewinnen können.
Freddy vom Lobo MC ist auf fünf Rädern angereist: Sein 50-cm³-Trike hatte Honda einst als Krankenfahrstuhl konzipiert; inzwischen zelebriert es mit Westernsattel, Stars-and-Stripes-Flagge und Eigenbau-Wohnanhänger eine ganz andere Art der Daseinserleichterung. Gespannbauer und Restaurator Theo Däschlein (www.daeschlein.de) aus Mittelfranken präsentiert Seitenwagen-Varianten und Expertenwissen zum Thema Tankentros­tung. Tanks hat auch Pinstriper Markus Benoit (www.hot-paint.de) aus Bayerisch-Schwaben mitgebracht: Auf ihnen demonstriert er seine Kunstfertigkeit mit dem Schlepppinsel.
Durch die gut gelaunte Stimmenvielfalt der Menschen und ihrer Motorräder ziehen Grilldüfte. Rockige Live-Musik webt sich angemessen kräftig, aber nicht aufdringlich in das fröhliche Treiben. Wir könnten einen wunderbaren Tag in Oettingen verbringen, würden aus dem Staunen und vielen freundlichen Gesprächen nicht mehr herauskommen und dürften wahrscheinlich noch einigen Neugierigen gestehen, dass unsere LSL-Triumph gar nicht so klassisch ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Doch der Zeitplan drängt zum Aufbruch; das letzte Ziel unserer Runde ist Aalen-Reichenbach im Osten der Schwäbischen Alb.
Charmante Dörfchen säumen die Bundesstraße 466 nach Nördlingen; von dort führt die B 29 über die grüne Grenze zwischen Freistaat und Ländle. Schlagartig wirken die Gemeinden auf den Durchreisenden weniger charmant, dafür strotzen sie vor Radarfallen. Sind wir hier womöglich unerwünscht? Hätten wir
lieber doch noch ein Stündchen oder zwei in Oettingen bleiben sollen? Oder ist es nur der Kontrast zum eben erlebten und gelebten Opti­mismus, der die 60 Kilometer wie eine triste Pflichttour wirken lässt? Vielleicht wartet ja am Ziel eine Entschädigung.
Reichenbach liegt gut 10 Kilometer nordwestlich von der Muttergemeinde und Kreisstadt Aalen. Als die Ortschaften „Himmlingsweiler“ und „Schultheißenhöfle“ heißen, die Straßen schmaler und unbeschilderter werden, kommt MotoGP-Stimmung auf: Volles Vertrauen in die Elektronik ist jetzt gefragt, was aber keine Traktionskontrolle, sondern die Not­navigation per Internet-Handy meint. Zum Glück gibt es auf der Ostalb nur Schlag­löcher, aber offenbar kein Funkloch.
Halligalli-freie Zone
Reichenbachs Verkehrsinfrastruktur besteht im Wesentlichen aus fünf Ein- bzw. Ausfallstraßen, einem Dorfplatz und einer Sackgasse mit dem klangvollen Namen „An der Sonnenhalde“. Just in dieser hat sich der MSC Reichenbach e. V. (www.msc-reichenbach.de), der Veranstalter des „6. Oldtimertreffens Italie­nischer Klassiker“ und weiterer ähnlicher
Veranstaltungen, bestens eingerichtet: Aus Halb­höhenlage überblickt ein schmuckes
Vereinsheim mit Gaststätte den Ort, eine Stellfläche und eine Reihe Parkplätze erfüllen ihren Zweck: Sie präsentieren fünf Zweiräder sowie einen Demo-Motor mit Königswelle und
Nockenscheibe, je eine Handvoll Autos und Motorräder parken am Fuße des Hangs. Vom Bier­garten wabert ein gemäßigter Gesprächspegel auf die Straße herab, vereinzelt gespickt mit Besteckklappern und Gläserklirren. Jaulende Anlasser, bollernde Motoren oder Musikkonserven aus dicken Boxen? Fehlanzeige.
Sieglinde Reichelt, das rührige Factotum des MSC, erklärt die Idee dahinter: „Wir wollen hier einfach nur in Ruhe sitzen, etwas essen und trinken, uns über unsere Projekte austauschen, Benzin reden – und bloß kein Halligalli. Höchstens eine kleine Rundfahrt – keine Ausfahrt, darauf legen wir Wert! – unternehmen wir manchmal, wenn wir Lust darauf haben. Es ist ja sowieso ­enorm schwer geworden, Sponsoren für irgendwas zu finden; der Veteranensport ist so teuer, und dann bekommt man auf den Veranstaltungen nur ein paar Minuten Fahrzeit.“
Plötzlich gleitet ein weiterer italienischer Klassiker der Vereinsgaststätte entgegen, ein waschechter Ferrari! Augenpaare blitzen auf, und Hälse recken sich. Der Fahrer nimmt die Huldigungen still zur Kenntnis, wendet und dröhnt wieder aus der Sackgasse heraus – auf eine der fünf Ausfallstraßen.◻

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