Szene: Brighton Burn-up Brighton brennt

Die Cafe-Racer-Szene und Liebhaber des 1950er- und 1960er-Jahre-Lifestyles treffen sich traditionell Anfang September am legendären Londoner Ace Cafe zur Ace Cafe Reunion. Höhepunkt und Abschluss der Party ist der Brighton Burn-Up.

Foto: Hecker
Madeira Drive, Brighton, 13. September 2009. Zufrieden mit sich selbst hockt ein Typ lächelnd auf seinem Lambretta-Scooter. Dieser trägt das volle Programm, sieben Scheinwerfer, zwölf Spiegel, zig Hupen, Plaketten und Wimpel. Nur ein paar Meter weiter schnallt Alt-Rocker Glen Watterson aus Winchester den Tankrucksack von seiner 650er-BSA. Mit Blick auf den Rollerfahrer meint er trocken: "Damals hätte der da nicht einfach so rumgestanden, wenn wir in der Nähe gewesen wären. Lang liegend hinter seinem Lampenspektakel hätte der die Flucht ergriffen. Und wir hinterher..." Mit einem Lächeln fügt er aber gleich hinzu: "Heute ist alles vergessen, und wir können gemeinsam darüber lachen."

Der kauzige Mac hat mit Massenaufläufen dieser Art sonst nichts am Hut, aber den Burn-up von London nach Brighton lässt er sich nicht entgehen. Seine R1 irgendwo im Gewühl geparkt, stapft er durch endlose Reihen von Bikes und mustert alles mit starrem Blick. Er redet nicht viel. Seine knappen Anmerkungen reichen vom schmähenden "horrible" beim Anblick eines für ihn unakzeptablen Chopperumbaus über ein wohlwollendes "not bad" bis zum höchste Anerkennung ausdrückenden "fucking awesome", als eine traumhaft hergerichtete GSX-R aufs Gelände rollt.

Gefeiert wird beim Zentral-Event der genussorientierten Bezinverwertung das Motorradfahren schlechthin. An zwei Orten: Vor dem authentischen Hintergrund des noch heute am Originalplatz bestehenden Ace Cafes an der North Circular Road in London und auf dem berühmten Madeira Drive, der Seepromenade des britischen Seebades Brighton. Seit der Eröffnung 1938 wurde das Ace Cafe schnell populär bei den Motorradfahrern des Vereinigten Königreiches. Bis es die deutsche Luftwaffe bei einem Angriff im August 1940 auf benachbarte Eisenbahnanlagen in Trümmer legte.

Erst 1949 wurde das Ace Cafe wieder aufgebaut und neu eröffnet. Erneut rückten viele Motorradfahrer an. Kurz darauf schwang Elvis Presley tausende Meilen entfernt seine Hüften, und eine Welle schwappte über den Atlantik. Mit Folgen.

Rock ‘n‘ Roll wurde zum Sound der Jugend auf ihren BSA, Triumph und Norton. Für Rocker englischen Zuschnitts galt es mit Stummellenkern, Höckersitzbänken und hoch gelegten Auspuffen nicht nur flott auszusehen, sondern auch schnell zu sein. Zumal es bis Ende der 1960er Jahre keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der North Circular Road gab. In der Folge entstanden viele Umbauten, die noch heute klangvolle Namen tragen, wie etwa Norvin, Triton, Nobsa oder Dresda.

Ehrensache, dass solch zorniges Gerät eine entsprechende Verwendung fand: Der Cafe Racer war geboren, bis heute das motorgetriebene Sinnbild für die Flucht aus dem Alltag mit allen seinen Konventionen. Wovon das Nachkriegsengland so einige zu bieten hatte. Record Races im wahrsten Wortssinn beamten in eine andere Welt: Die Münze in die Jukebox geworfen, raus aufs Motorrad, mit Vollgas entlang der North Circular Road bis zum Hanger-Lane-Kreisverkehr, einmal rum und wieder zurück am Ace sein, bevor die Platte den letzten Beat aus der Wurlitzer-Musicbox gepresst hat. "Put a coin into the slot, and rev it up."

Oder mal schnell nach Edinburgh auf einen Tee oder Kaffee rasen, nach Blackpool oder Brighton. Bei den Tagesausfahrten (mehr gaben weder Urlaubskalender noch Geldbörse her) kamen mal schnell 600 Meilen zusammen, knapp 1000 Kilometer. Kein Wunder, dass sich viele der berühmten englischen Renn-Heroen aus dem Kreis dieser als "Ton Up Boys" (the Ton = 100 Meilen pro Stunde, 161 km/h) bezeichne-ten Youngster rekrutierten. Ob ein Dave Degans, ein Phil Read, viele von Ihnen fuhren ihre ersten Meter zum und am Ace.

Die andere Teenagerströmung im England der 1960er waren die Mods. Um dazuzugehören, trug man einen schnieken Anzug, darüber US-Parka mit Karnickelfell um die Kapuze, fuhr irrwitzig aufgemotzte Scooter und hing mit anderen Mods in Coffee-Bars ab, wo die Musikboxen The Who, Tamla Motown oder Detroit Soul spielten. Das Aufeinandertreffen dieser Gruppen führte regelmäßig zu "trouble". Tiefpunkt war der 18. Mai 1964 mit einer Massenschlägerei zwischen 1000 Mods und Rockern. Viele von ihnen landeten im Krankenhaus oder hinter Gittern. Der Anfang vom Ende beider Subkulturen war eingeläutet. Mit wachsendem Wohlstand waren Zweiräder nicht mehr "in", und die einst heiß geliebten und gehätschelten Bikes verschwanden von den Straßen.

1969 schließlich musste das Ace Cafe schließen. Mark Wilsmore ließen die alten Zeiten jedoch nicht los. In der Gewissheit, nicht der Einzige zu sein, rief er 1994 zur Revival Party. Die Resonanz war gewaltig, und die Bemühungen zur Wiederbelebung des Ace Cafes hatten 2001 Erfolg. Endlich, das "grand opening". Der Brighton Burn-up und Ride with the Rockers ist seit 1996 fester Bestandteil der Reunion Party am zweiten September-Wochenende. Sonntags morgens, "ten a.m." geht es im Tross nach Brighton, egal ob mit Scooter, Chopper, Streetfighter, Sportler oder Cafe Racer.

Genau da sind wir wieder mittendrin, auf dem Madeira Drive beim Brighton Burn-up. Jener Strandpromenade also, auf der 1964 die unrühmliche Schlacht stattfand. Es ist die Hölle los. Ein Schmelztiegel aller Typen und Stile über locker sechs Jahrzehnte. Gilt für Motorräder wie ihre Fahrer. Gut 80000 Maschinen (!) finden sich heute auf der Seepromenade ein. Auf eigener Achse angereist, versteht sich. Das ist Teil des Vergnügens, eine 1959er-Velocette oder eine 1964er-Triton entlang der Küstenstraße durch die Gänge zu beschleunigen und auf dem Madeira Drive auszurollen. Oder auch die 2010er Gixxer, einen umgebauten Flat Twin, den Tourer, Bobber oder besagten Voll-Blink-Scooter.

Bei Bier, Fish and Chips und Live-Musik stehen die Kontrahenten von damals einträchtig zusammen, amüsieren sich bestens und staunen, was sich hier alles abspielt. So spektakulär und verwegen manches Bike daherkommt, so kurios, bizarr und exzentrisch wirken viele der Besitzer, die vermutlich schon in den 1960ern dabei waren.

Jeffrey Dobbs zweifarbige Lambretta SX 200 steht in traumhaftem Zustand da. "Mein Dad ist ein Ex-Mod. Seine Stories von damals fand ich immer total cool, da wäre ich gern dabei gewesen. Na ja, irgendwann habe ich dann die SX im Anzeigenblatt gefunden, und es gab kein Halten mehr!" Das Gerät wurde restauriert und aufgerüstet, was das Zeug hielt. Bis sie endlich so aussah, dass er damit 1 964 eine gute Figur gemacht hätte... Aber Spaß macht es heute mindestens genauso viel!

Nicht nur die Bikes ziehen die Besucher an. Das ganze Drum und Dran fasziniert. Sehen und gesehen werden. Ein Spektakel, irgendwo zwischen Elefantentreffen, Rocky Horror Picture Show, Karneval, Rockn Roll Konzert - ein nostalgisches Happening, dem man sich nicht entziehen kann. Überall Typen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Einfach die Atmosphäre aufsaugen, eine Zeitreise machen, sich unterhalten lassen, tolle Livemusik genießen, in nostalgischen Krimskrams und Klamotten der vielen Verkaufsstände stöbern, beim Wheelie-Simulator vorbei schauen, Stuntshow und Dragsterrennen nicht verpassen. Reizüberflutung droht.

Doch fast so schnell, wie der illustre Haufen über den Madeira Drive hergefallen ist, leert sich die Promenade spätnachmittags wieder. Krachend legt Brian den ersten Gang seiner Rocket III ein. "Bye mate, see ya next year at the Ace!" ruft er seinem Kumpel zu und zieht den Hahn auf. Der kehlige Sound des BSA-Triples schallt von den Fassaden der Seafront zurück. Nicht nur Brian wird nächstes Jahr wiederkommen.
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Auf nach England!

Das diesjährige Ace Cafe Reunion steigt vom 10. bis 12. September, der Run with the Rockers von London zum Brighton Burn Up also am 12. September. Wer nicht auf eigene Faust hinfahren möchte, kann zu guten Konditionen unter www.acecafelondon.de Fähre und Übernachtungen online buchen.

Alles Wissenswerte zu Location und Anreise erfährt man auf dieser deutschen Homepage des Ace Cafe London. Desweiteren kann man sich im authentisch bestückten Ace Cafe Online Shop unter www.acecafeshop.de mit Klamotten- und Accessoires eindecken. Unter der Webadresse www.rockersjeans.de steht wiederum, wie man in einem englischen Regenschauer mit coolen Jeans bekleidet auf seinem Bike trocken bleibt.

Hierzulande findet am Donnerstag, den neunten September 2010 ab 18 Uhr das "Cafe Hubraum Motorbike Meet" statt. Live Music, special guests, food & drinks, Biergarten, etc. Der Eintritt ist frei. Infos unter www.cafehubraum.com.Der kollektive Ritt nach England, der Continental Run - powered by INTERMOT 2010 startet dann am Freitag, den zehnten September 2010, am Cafe Hubraum (Kohlfurther Straße 30, 42651 Solingen) nach einem für die Mitfahrer kostenlosen englischen Frühstück. Eine Übernachtungsliste zu preiswerten Unterkünften für Mitfahrer kann das Cafe Hubraum liefern.

Wer noch mitfahren möchte, sollte sich beeilen, ein Restkontingent an Übernachtungs- und Fährplätzen ist noch verfügbar. Entlang der Route stoßen an festen Treffpunkten immer wieder weitere Mitfahrer hinzu. Tipp: Für die Rückfahrt von Brighton zum Fährhafen etwas mehr Zeit einplanen und die öde Autobahn meiden. Die kurvenreichen Landstraßen durch den herrlichen englischen Süden sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

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