Szene Italien: Eskort-Service (Archivversion) bLaulicht-be zirk

Als Stau-Raum sind sie bestens bekannt, die Städte Italiens. Der Traum, hier mal durchzupreschen, mit 100 und mehr km/h, für MOTORRAD-Korrespondentin Eva Breutel wurde
er wahr: Sie fuhr schneller
als die Polizei erlaubt. Mit
den Carabinieri halt.

Gebieterisch steht der Carabiniere in den Rasten seiner dunkelblauen Dienst-BMW. Deren Blaulicht blinkt hektisch, ihre Sirene heult in höchsten Tönen, der Boxer jault im grenzwertigen Drehzahlbereich, Bremsen kreischen, und als Höhepunkt der Kakophonie schrillt auch noch die staatliche Trillerpfeife.
Nein, ich muss jetzt nicht anhalten und mich auf eine Standpauke gefasst machen. Vielmehr klebe ich atemlos direkt am Hinterrad der BMW; Häuserzeilen, Blechkarawanen und rote Ampeln fliegen an mir vorbei. Carabiniere Remo auf der BMW ist nämlich meine persönliche Eskorte, er lotst mich im hektischen Geleitschutz durch Städte und Dörfer in Umbrien. Die rechte Hand fest am Gas, dirigiert er mit der linken die entgegenkommenden Autos, verweist sie an den Straßenrand oder bringt sie
mit energischen Gesten und der ohren-
betäubenden Trillerpfeife zum Stehen.
Auf den Landstraßen dreht Remo dann erst richtig auf, kracht mit 180 Sachen durch Ecken, in denen eigentlich nur 70 km/h erlaubt sind. Ein ganz neues Fahrgefühl, völlig sorglos. Wo die dicke Polizei-RT mit ihren fast 300 Kilogramm durch
die Kurven brettert, brauche ich mir um meine vergleichsweise leichtgewichtige Ducati keine Gedanken zu machen. Und um eventuelle Geldbußen oder Strafpunkte erst recht nicht: Die Polizei bestimmt schließlich das Tempo. Nie war Motorradfahren so unbeschwert wie heute.
Doch bis man ganz locker ist, dauert es eine Weile, denn Eskorte-Fahren will gelernt sein. Natürlich gilt der ganze Aufwand gar nicht mir. Schließlich bin ich, obwohl aus Bayern stammend, nicht mit Papa Ratzinger verwandt. Und für MOTORRAD zu schreiben reicht noch nicht mal in Italien für solch exklusiven Service. Nein, Remo begleitet eigentlich den Renndirektor einer dreitägigen Gleichmäßigkeitsfahrt für Roller und Motorräder in Mittelitalien. Damit dieser jeweils als Erster an sämtlichen Kontrollpunkten steht, um die Einhaltung der Regeln zu überwachen, genehmigen ihm die italienischen Ordnungskräfte eine eigene Motorrad-Eskorte. Weil es sich bei der Gleichmäßigkeitsfahrt jedoch um eine eher kleine Veranstaltung mit etwa 50
Teilnehmern handelt, dürfen sich dieser
Eskorte auf Anfrage gelegentlich Normalsterbliche anschließen. Dafür reicht dem Carabiniere ein kritischer Blick auf das allgemeine Fahrverhalten – bloß nicht rumschnecken, aber auch nicht waghalsig davonstürmen. Dazu gibt’s noch ein paar Maßregeln: »Fernlicht und Warnblinker an, im Zweifeln kräftig hupen und vor allem keine Lücke lassen!«
Auf den ersten Kilometern ist mir ganz schön mulmig, bei jeder roten Ampel, die wir kreuzen, und bei jeder Vorfahrtsstraße, auf die wir schneidig einbiegen, zuckt
meine Hand unwillkürlich zum Bremshebel. Zumal die Autofahrer mir bedrohlich nahe kommen und in bester Ferrari-Tradition erst im allerletzten Moment in die Bremsen steigen. Remo donnert unbeirrt voraus
und findet sogar noch Zeit, mich energisch dicht an sich heranzuwinken. »Wenn du auch nur einen Meter Abstand lässt,
drängelt sich sofort irgendein Autofahrer dazwischen«, erklärt er beim Tankstopp.
Also gut, dann eben nur ein paar lausige Zentimeter Abstand. Dabei aufpassen wie ein Habicht, denn als Deutsche einen Carabiniere über den Haufen zu fahren zieht möglicherweise diplomatischen Verstrickungen bis hin zur Ausweisung nach sich. Wobei das nicht meine einzige
Sorge ist. Leise nagend meldet sich das schlechte Gewissen. Im Grunde steht mir eine Eskorte gar nicht zu, denn so eilig habe ich es ja wirklich nicht. Und was
würde ich denken, wenn ich in einem der an den Straßenrand verwiesenen Autos sitzen würde? Elende Wichtigtuer auf ihren Motorrädern, wahrscheinlich fahren sie nur Pizza holen.
Auf dem ersten schnellen Landstraßen-Turn platzt dann der Knoten. Inzwischen kenne ich Remos Fahrstil, kann abschätzen, an welchen Punkten er bremst. Das Vertrauen wächst, und das muss es auch. Wir fegen nur so durch Umbrien. Grüne Pinien, schlanke Zypressen und goldgelbe Kornfelder rauschen wie im Zeitraffer vorbei. Für genussvolle Blicke auf die sanften Hügel bleibt wenig Zeit, dafür betört im schnellen Wechsel der Duft von Holz, Harz und heißem Asphalt die Sinne.
Den Renndirektor auf seiner Transalp, den Remo eigentlich begleiten soll, haben wir im Eifer des Gefechts bereits bei der ersten Ortsdurchfahrt verloren, doch das ficht den Carabiniere nicht an: »Wir haben ja noch zwei weitere Eskorten. Er ist
bestimmt mit einer von denen unterwegs.« Und schon steht er wieder aufrecht in den Rasten, denn hinter uns taucht ein ganzer Pulk von Teilnehmern der Veranstaltung auf, und die nächste Ortschaft naht. In wildem Getümmel stürzen sich rund 20 Maschinen verschiedenster Baujahre in das ahnungslose Städtchen, dessen Einwohner sich gerade auf den Weg zum
Mittagsmahl machen. Wir sind nicht zu überhören. Laut bollernd machen Oldtimer aus den 50er und 60er Jahren wie Motobi 250, Gilera 175 und Aermacchi 350 auf sich aufmerksam, dazu gesellen sich moder-
nere Gefährte wie eine Suzuki GSX-R 1100 oder eine dröhnende Yamaha XT 350 mit einem Riesenloch im Auspuff.
Wie von Zauberhand tauchen gleich
an der ersten Kreuzung zwei Alfa Romeo der hiesigen Ordnungshüter auf und brausen mit großem Sirenengetöse voraus; weil
wir diesmal so viele sind, hat Remo über Funk Verstärkung herbeirufen. Hinterrad an Hinterrad braten wir in der glühenden Hitze durch das Städtchen. Passanten und Autofahrer verharren angesichts des Spektakels freiwillig am Straßenrand. Vor lauter Eifer lotsen uns die Carabinieri erst mal
in die falsche Richtung. Macht gar nichts, dann drehen wir eben eine Ehrenrunde durch den Ort. Im motorsportbegeisterten Italien gilt ein solcher Zug durch die Ge-
meinde nicht etwa als Störung, sondern als willkommene Abwechslung.
Drei Tage dauert die Veranstaltung, immer öfter schließe ich mich einer Eskorte an. Diese Art der Fortbewegung kann
richtig süchtig machen. Ein schlechtes Gewissen habe ich längst nicht mehr. Vielmehr finde ich, es sollte immer so sein: Zügig dahineilende Motorradfahrer, von der Polizei gut gegen die bösen Blechkarossen geschützt, die am Straßenrand warten müssen und ihnen nicht zu nahe kommen dürfen.
Das Schicksal ereilt mich dann auf dem Heimweg in der nördlichen Toskana, als ich, längst ohne Geleitschutz, gedanken-los hinter einer Carabinieri-Patrouille herdonnere. Remos Kollegen zeigen zunächst wenig Verständnis, lassen sich aufgrund meiner hastig hervorgesprudelten Erklärungen allerdings erweichen und belassen es bei einer strengen Ermahnung. Wäre
ja auch zu schön gewesen, wenn der
Traum vom Motorradfahren jenseits aller Verkehrsregeln länger angehalten hätte.

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