Szene Le Mans (Archivversion) es ist ein wunder: <br /><br /> mehrere Generationen, eine klassenlose gesellschaft &#150; und alle haben <br /><br /> ihren Spass!

Rund vierzig ist der deutsche Biker im Schnitt. In den besten Jahren. Für alle, denen trotzdem etwas fehlt, ein kleiner Tipp: Fahrt doch mal wieder zum Motorradrennen. Am besten mit den alten Kumpels.

Es ist dieses Gefühl, das viele mürbe macht. Nicht im Job oder in der Familie. Da ist alles im grünen Bereich. Zumindest den Umständen entsprechend, man will ja nicht klagen. Nein, ausgerechnet bei der Freizeitgestaltung hapert es. Immer dann, wenn’s mal wieder raus geht, aufs Moped. Für ein paar Stunden nur oder auch mal für ein Wochenende. Den ganzen Stress vergessen, entspannen, Spaß haben, abschalten. Und dann das.
Einsamkeit. Machen wir uns nichts vor, es ist so. Motorrad fahren in den besten Jahren macht einsam. »Hohoho, weil mir keiner folgen kann«, werden ein paar Cowboys jetzt sagen. Und trotzdem zugeben, dass es öd ist, wenn niemand bei diesen Heldentaten zusieht. Weil Motorrad fahren eben eine zutiefst soziale Angelegenheit ist. Darum gibt es die Hell’s Angels ebenso wie die Gold-Wing-Freunde aus Hintertupfingen.
Wer jedoch weder Bock auf Kuttenkult noch auf Barockschlösser mit Anhänger hat, ist gekniffen. Der töffelt in der Regel alleine los, weil die Kumpels ihre Karre entweder längst verkauft haben, sich so kurzfristig nicht freimachen oder so langfristig nicht festlegen wollen. Weil sie nämlich selber schon lange vergessen haben, wie schön es ist, gemeinsam einem Ziel
entgegenzublasen, unterwegs zu sein, anzukommen. Zu merken, dass es noch abertausende Gleichgesinnter gibt, die nur auf diese Gelegenheit gewartet haben, um sich zu outen. Sich wohl zu fühlen in einer Gemeinschaft mit Verrückten, die nur eins wollen: sich mitunter auf ganz infantile Art ganz köstlich amüsieren.
Das beste Beispiel sind die sagenhaften 24 Stunden von Le Mans. Eine Kultveranstaltung bei den französischen Nachbarn, ein Volksfest mitten in der französischen Provinz. Man muss dabei gewesen sein, um zu
verstehen, worum es geht.
Spätestens jenseits von Paris beginnt das Wunder. Zunächst subtil, dann immer offener. Wo hier zu Lande so eine Horde
Berittener bestenfalls mit Ignoranz gestraft wird, nicht selten aber auch Naserümpfen oder Zähnefletschen erntet, wird die Anfahrt
auf Le Mans von wohlwollendem Nicken begleitet. Mehr noch:
Je näher man kommt, desto freundlicher begegnen die Menschen der Zweiradflut. Wildfremde winken aus Autos und Wohnzimmerfenstern, Großeltern haben für sich und die Enkel den besten Platz im Vorgarten gesucht, um die Karawane zu bestaunen,
und selbst Teenager vergessen ihr Coolness-Gelübte, wenn brüllrohrbewehrte Supersportler von jeansbehosten Fahrern am Ortsausgang vor lauter Vorfreude aufs Hinterrad gestellt werden. Nachsichtige Flicks üben sich derweil in Toleranz.
Die pure Lebenslust, die dadurch erwacht, ist beträchtlich und lässt die Reise durch die französische Provinz zur Wallfahrt werden. So müssen sich die Pilger im Mittelalter gefühlt haben: Nicht wissend, was sie erwartet, aber in der Gewissheit unterwegs, dass viele am Wegesrand gerne mitgehen würden. Und je weiter man sich Le Mans nähert, umso mehr scheinen sich anzuschließen. Die Bewegung ist in vollem Gange.
Und dann vor Ort. Man muss sich das einmal vorstellen: Statt des verständnislosen Blicks vom Nachbarn, wenn der arme Irre von nebenan wieder seinen Feuerstuhl besteigt, erntet hier jede Individualisierung und jede Aktion – und sei sie noch so schräg – die entsprechende Würdigung. Da gibt es nichts, was es nicht gibt, außer einem: einer sozialen Rangordnung. Für zwei, drei Tage sind alle gleich und haben ein Ziel: möglichst viel Spaß!
Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Unverdrossen in den Begrenzer orgelnde und Feuer spukende Motoren sind noch die leichteste Übung, finden aber trotzdem die ganze Nacht über Zuschauer. Beherzt dargebotene Wheelies, am besten mit Sozia, gehören selbstverständlich zur Kür und werden mit eben-so ausgiebigem Applaus belohnt wie der atemberaubende Drift rund um eine ausgedehnte Zeltstadt, vorgetragen auf einer altersschwachen Honda CB 500. Dieses Publikum ehrt seine Helden.
Das gilt übrigens auch für den Rennsport. Pünktlich zum Start sind fast alle versammelt. Genauso wie 24 Stunden später, wenn die Zielflagge fällt. Und alle, die ins Ziel kommen, werden gefeiert. Weil sie der Anlass waren für diese Party – und weil sie es geschafft haben, ihr Ziel
zu erreichen. Die einen wollten mit Gleichgesinnten rund um die Uhr Party machen, die anderen mit Gleichverrückten rund um die Uhr so schnell wie möglich
Motorrad fahren. Beides im landläufigen Sinne unvernünftig,
beides ziemlich anstrengend – das verbindet.
So sehr, dass auf der Heimfahrt kurz vor den Toren von Paris der örtliche Motorradclub die Le Mans-Pilger zum kostenlosen Kaffee einlädt. So sehr, dass die Mautstationen an diesem Tag
für Zweiräder kostenlos die Schranken öffnen. So sehr, dass
auch jetzt wieder alle entgegenkommenden Biker gerne zurückgegrüßt werden. Sogar so sehr, dass die Fahrgemeinschaft aus Deutschland sich einig ist, mit der nächsten Ausfahrt nicht ewig zu warten. Nächste Verabredung: Assen. Weil auch die Holländer sich über 100000 durchgeknallte Biker richtig freuen können.
Und weil die Atmosphäre in diesem Rennsportmekka ebenso begeisternd ist. Auch mitten im Leben.

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