Szene: Trauerkorso für das Ölfallen-Opfer 450 Motorradfahrer versammelten sich um ein Zeichen zu setzten

Wut, Trauer und Verzweiflung sind starke Gefühle. Unter süd-deutschen Bikern wurden sie zum Antrieb für eine spontane Geste.

Foto: Wiedmann

Als "feige Tat" bezeichnet Pfarrer Kurt Gottwald aus Untermeitingen im Kreis Augsburg den Anschlag. Jens Heeren, der Präsident der Motorradfreunde Untermeitingen, nennt ihn eine "Sauerei".

Und die Staatsanwaltschaft Memmingen spricht inzwischen sogar von Mord.Alle drei meinen das Gleiche: insgesamt zehn Ölspuren auf einer Strecke von 20 Kilometern, von einem oder mehreren Unbekannten am 17. April im Allgäu vorsätzlich gelegt. Auf einer dieser Öllachen rutschte Josef D. aus. Er verlor die Kontrolle über seine Honda CBR 900 und schlitterte in ein entgegenkommendes Auto. Der 37 Jahre alte Allgäuer und Vater zweier kleiner Kinder hatte keine Chance. Er starb an der Unfallstelle.

Mit Entsetzen, Unverständnis und Wut haben Motorradfahrer in ganz Deutschland auf die Nachricht vom Ölfallen-Attentat reagiert. Und bei den Bikern aus der Region kommt noch Sorge dazu. "Das hätte jedem von uns passieren können," ist Ruth Heber von den Motorradfreunden Landsberg/Lech überzeugt. Wie viele andere empfindet sie Mitgefühl und Solidarität mit den Angehörigen und Freunden des Opfers.

Genau diesen Gefühlen wollten die Motorradfreunde Untermeitingen Ausdruck verleihen - auch wenn keiner von ihnen das Opfer Josef D. persönlich gekannt hatte. So organisierten sie drei Wochen nach dem Unfall einen Trauer-Korso. "Wir wollten ein Zeichen setzen und den Druck erhöhen, damit der Täter möglichst schnell gefasst wird", erklärt ihr Präsi Jens.

Die Untermeitinger dachten dabei an 30 bis 50 Bikes, die im Anschluss an ihre jährliche Motorradweihe ins Allgäu fahren würden. Doch was als kleines Zeichen des Mitgefühls geplant war, entwickelte sich, nachdem lokale Medien über das Vorhaben berichtet hatten, zu einer großen Welle der Solidarität. "Plötzlich stand mein Telefon nicht mehr still", erinnert sich Jens. "Biker, von denen ich noch nie gehört hatte, riefen mich an, weil sie mitfahren wollten."

Nicht 30, sondern 300 Motorradfahrer versammelten sich schließlich zur Weihe in Untermeitingen. Anschließend machten sie sich auf den Weg zur Unfallstelle bei Markt Rettenbach im Unterallgäu. 48 Kilometer lang war die Strecke, die die Biker gemeinsam zurücklegten. Unterwegs schlossen sich immer wieder einzelne Motorräder dem Zug an. In Markt Rettenbach, dem Heimatort des Opfers, stießen auch die Mitglieder des MC Unterallgäu und zwei weitere Clubs dazu. Rund 450 Motorradfahrer waren es am Ende, die mit der Aktion ein Zeichen setzen wollten. Umso größer war das Gefühl der Zusammengehörigkeit. "Wir sind schockiert und wollen das nicht einfach hinnehmen", erklären Anschy Selbmann und Gisela Mollzahn aus München ihre spontane Teilnahme. "Wir stehen hinter der Familie und sind in Gedanken bei ihr und den Freunden des Verunglückten."

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Foto: Wiedemann

Gerade einmal sechs Tage hatten die Untermeitinger Zeit, alles zu organisieren. "Ich bin die Strecke viermal abgefahren, damit ich auf keinen Fall falsch abbiege", erzählt Präsi Jens. Wie die Motorradfreunde auf die Schnelle genug Essen und Trinken heranschafften, um die ganze Truppe vor der Abfahrt noch zu verpflegen, das wissen sie eigentlich selbst nicht. "Kauf einfach so viel ein wie du kriegst für das Geld, das du dabei hast", empfahl Jens seiner Club-Kameradin Ulla, als die ihn von der Metzgerei aus anrief. Doch weil die Mitglieder des Vereins engagiert mit anpackten, klappte alles.

An der Unfallstelle begrüßte Jens sichtlich bewegt die große Gemeinde der trauernden Motorradfreunde. Er verurteilte in kurzen Worten noch einmal die feige Tat, die zum Tod von Josef D. geführt hatte, und fügte hinzu: "Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freunden von Seppi, wie er von seinen Kameraden genannt wurde." Dann bat er um eine Gedenkminute.

Bei der anschließenden Sammlung kamen rund 3000 Euro für die Hinterbliebenen zusammen. Jockl, der Präsident des MC Unterallgäu, bedankte sich für die Unterstützung der Biker und fügte dann sichtlich bewegt hinzu: "Ich wünsche euch allen eine unfallfreie Saison 2011."

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