Szene: Winterliches Warten (Archivversion) Standpunkte

Im Sommer sind sie überall, im Winter: weg. Ein paar wenige frieren unter Laternen dem Frühling entgegen. Doch wohin sind all die anderen Motorräder verschwunden, als die Tage kürzer und kühler, die Straßen schmieriger wurden?

Tiefgarage
Er würde sich, sagt Andreas Lang, seine Ducati auch in die Wohnung stellen. „Wieso nicht? Sie ist doch Fortbewegungsmittel und Skulptur in einem.“ Das ließe sich von den im Umfeld geparkten Geräten ebenfalls behaupten. Ein 911er und ein Porsche Spyder, manchmal auch ein Bentley konkurrieren mit der Paul Smart Replica, die umittelbar an der Tür zum Wohnbereich eines Mehrparteienhauses den langen Schatten ihrer schlanken Halbschale an den geweißten Stahlbeton wirft. Eigentlich ein Musterbeispiel kühl geplanter Funktionalität, verliert sich die nüchterne Geradlinigkeit dieser Tiefgarage allein da nicht in der Bedeutungslosigkeit schnöden Nutzwerts, wo sie mit der rundlich in die Zeit zurückgreifenden Ducati kontrastiert. So definiert sich ja ein Objekt niemals nur selbst, sondern, wie hier mit schmalem Diopa-Heck, kleinen Blinkern und zurückhaltender Termignoni-Anlage, stets auch den umgebenden Raum. Anders ausgedrückt: Wer freut sich schon früh morgens vor dem Arbeiten in eine mit Verbundsteinboden, Faserplatten-Plafond und Wasserrohren dekorierte Tiefgarage zu kommen? Eben. Jemand, der sich freut, sein Motorrad dort stehen zu sehen. „Sie hat es trocken, und es ist nicht zu kalt. Aber vor allem vergeht kein Tag, an dem ich nicht bei ihr vorbeikomme.“ Meist hat er sie, wenn er bei ihr vorbeikam, stehen lassen müssen. Zu kalt, zu nass, zu salzig dieser Winter, der selten nur Gelegenheit bot, den Zweizylinder auf einer Runde um den Block sanft durchzuwärmen. Dann halt im Frühjahr: „Durchs Gruyère und die Seealpen, über Iseran und Bonette nach Südfrankreich. Im Mai. Spätestens.“

Erster Stock
Langgabelig und hinten starr ziert sie, in einem puffglitterigen Rot gehalten, die karg bewachsene Hügeligkeit einer italienischen Landschaft. Dieses Foto eines Choppers mit Fishtails hängt im Pausenraum der Werkzeugbau-Firma von Peter Zeeb. „Das war Ende der 1970er, und wir waren unterwegs nach Sardi­nien.“ Mittlerweile steht die über 50-Jährige ein Stockwerk höher. Ursprünglich hat der Mann, der gerne viel und sympathisch schmunzelt, wenn es um seine diversen Triumphs geht, mit seiner Familie dort einziehen wollen. Stattdessen aber hat eine gemischte WG aus Tiger, Bonneville, 500er-Scrambler, Métisse, SR 500 und einem Honda-Vierzylinder das loftig große Appartement bezogen. Mit einem eigens installierten Lastenaufzug bringt Peter die Bewohner nach Ausfahrten hoch in ihr Heim zurück. „Das wäre nix gewesen“, sagt er, „unten schaffen und selbst oben wohnen.“ Unten schaffen und anschließend oben, vielleicht mit einer Flasche Bier, vielleicht mit zweien, auf einem der landhäuslich angehauchten Holzstühle sitzend sich der Bonneville widmen, die auf halbem Wege zwischen Chopper und Dragster steckt, das ist was. Diesen Vorzug hat der Winter: Man muss sich zwischen Schrauben und Fahren selten entscheiden. Und dieses Dilemma kommt mit dem Frühjahr: „Mal will man die eine fahren, mal die andere, je nach Laune. Bewegen will ich die Maschinen alle. Aber ich habe so viele, und trennen will ich mich von keiner.“ Das ist ein bisschen geflunkert. Er könnte überhaupt keines der Motorräder wieder hergeben. Irgendwie also wohnt jetzt doch zumindest ein Teil der Familie im ersten Stock.

Ex-Druckerei-Halle
Von schräg oben fällt fahl das Licht in den weiten Raum, in dem vor Jahren ganz andere Maschinen standen. Größer waren sie und lauter als diejenigen, die sich dort mittlerweile staffeln. Druckmaschinen für Endlospapier füllten lärmend die Halle, in der sich nun, ein orange Solo-Mofa von 1982 und das rotfelgige Wrack einer CBR 1000 mitgezählt, rund 40 Motorräder verlieren. Unter anderem die Suzuki GSX-R 1000 von Jonny Zaja. Am Tankdeckel klemmt ein kleiner Zettel: „Batterie 10. 12. 08, 17. 1. 09, Luft 17. 1.“ Anfang Oktober hat er noch zum Nürburgring fahren wollen, auf ein paar schnelle Runden, aber das Wetter wollte das nicht. Also führte die letzte Fahrt des vergange­nen Jahres ohne größere Umwege in den Kreis der übrigen Wintergäste, deren Halter ihr Zweirad nicht einsam eingemottet, sondern professionell umsorgt wissen wollen. Von Jonny selbst. Der arbeitet in der Kfz-Werkstatt, die in der Halle Stellplätze anbietet: irgendwann abgeben und irgendwann abholen. Und wann immer einen das Verlangen packt, vorbeikommen, der Abgestellten den Gasgriff tätscheln und sich von der wohligen Gewissheit durchfließen lassen, ihr eisige Nebelnächte im trüben Schein angepinkelter Straßenlaternen erspart zu haben. Man könnte sich dabei auch von einer Dreizylinder-Laverda daran erinnert fühlen, dass Motorräder mal mächtige Eisenhaufen waren, könnte einem Maico-Crosser schon im Stand ansehen, wie sich die dürre Doppelschleife bei jeder Landung windet. Oder sich von einer 1993er-KTM LC4, Kilo­meterstand 15, zur ein­gehenden Kontrolle des Kontostands genötigt finden. Preis: 3250 Euro.

Gartenhäuschen
Dies ist kein einfaches Bausatzhäuschen aus dem Heimwerkermarkt, keine dieser massenhaft konfektionierten Billighütten. Nein, ein Zimmermann aus der Nachbarschaft hat diese Behausung im jägerlich umzäunten Garten akkurat aufs Fundament gesetzt. Genauso akkurat mindestens hat im vergangenen November Thomas Hering seine Suzuki über die Schwelle und das sich anschließende Teppichstück aus der Saison gerollt, um sie neben der 125er-MV Agusta und der Honda Lead des Vaters gut aufgehoben zu wissen. Unmittelbar darauf breitete er im Keller eines Freundes sorgsam eine hellbraune Decke über seine weiße Yamaha FZR 1000, eine weitere in der heimischen Garage über die Aprilia RSV mille, die ihm als Alltagsmotorrad dient. Was diese Maschinen mit denen gemeinsam haben, die im Gartenhäuschen der Eltern warten, bis wieder die Schneeglöckchen ihre weißen Köpfe durch den Rasen stecken? Keine von ihnen sah so gut aus, keine war so sauber, keine so gepflegt, als sie das jeweilige Werk verließen. Am letzten Heiligabend beispielsweise hat Thomas Hering, weil bis zum Abend ja noch Zeit blieb, „nachmittags ein bisschen Motorräder geputzt“. Nicht dass die das nötig gehabt hätten. Schließlich bekommen sie alle vor der Winterpause eine Extraportion WD 40 über Lack und Chrom gestreichelt. Aber „man tut doch viel mehr, als man müsste, weil es ganz einfach Freude macht, sich mit ihnen zu beschäftigen“. Dazu gehört zum Beispiel, die weiß lackierten Alu-Felgen der 1983 erstandenen Katana mit einem speziell dafür gemixten Reiniger stets wieder von dem zu befreien, was Straßenschmutz oder Kette auch nur auf ihnen hinterlassen haben könnten. Und dazu gehört, dass man die kleine MV, ebenfalls lupenreiner Originalzustand, auf dem nahen Feldweg rollend hin und wieder freipustet. Mit der Abgaswolke entweicht dem Auspuff dabei ein Ton, der die umwohnenden Senioren glauben lässt, es könne um ihre Ohren wohl doch so schlecht nicht bestellt sein. Auf jeden Fall wissen sie dann: Jetzt ist der Winter vorbei.

Hobbykeller-Fiftynine
Mit welcher denn zuerst? „Wenn es jetzt schön wird und das Salz weg ist“, sagt Axel Baumann, „dann auf jeden Fall zuerst mit der alten Triumph.“ Würde klappen. Nur die Sitzbank müsste wieder an ihren Platz, der Schlüssel steckt. Früher waren die Winter kürzer, und oft waren sie zu kurz. Zu kurz zumindest, um mit all den Umbauten an der 750er-Bonneville, Baujahr ’78, rechtzeitig fertig zu sein: Gabel, Schwinge, Bremse, Optik, Motor, Räder. „Ständig war was zu machen, ständig hat die Maschine sich verändert, und ständig habe ich mich geärgert, dass ich nicht fertig, wenn draußen das Wetter wieder schön war.“ Nachvollziehbar: Dieser Kellerraum hat was von Refugium, mehr noch für den Menschen als allein für die Maschinen. In einem solchen Raum beginnen stille Nächte mit undichten Simmerringen, und irgend­wann hat nach stundenlanger Zeitlosigkeit ein neues Fahrwerk Gestalt angenommen. Alte Kalenderblätter zählen schwarzweiße Tage, posterlich fliegt Helmut Dähne auf Honda RC 30 über Ballaugh Bridge. Daneben verträgt sich Metrisches mit zöllig Verschlüsseltem, und in Gesellschaft der eigenen Triumphs darf die Commando eines Freundes von Zeit zu Zeit einen Tropfen auf den lackierten Estrich fallen lassen. Leise brummen über alledem vier leicht gelbstichige Neonröhren. „Manche müssen ihre Maschinen draußen stehen lassen. Das würde ich nicht über mich bringen, obwohl es jedes Mal ein Riesen-Akt ist, sie hier runter zu schaffen.“ Und: mit der ersten Sonne wieder raus, auf die Straße.

Blechgarage
Achtbeinige Kleintiere haben unterm welligen Metall ihre Behausungen gewebt, um doch vor Jahren schon wieder auszuziehen. Verfilzt hängen die Spinnweben an den Querträgern, auf die das Blechdach, zuvor von einer Böe kurz angehoben, schallend niederknallt. Nebenan erschrecken die Hühner im Auslauf. Michael Stenzel muss kurz nachdenken: „Bin ich gefahren letztes Jahr?“ Dann fällt es ihm ein, ja, er hat die Harley bewegt, war mit ihr zu einem Geburtstag in der Umgebung. Hintendrauf saß, auf extra dafür angebrachtem Sattel, Tochter Ronja. Es war sie, die unbedingt die Harley nehmen wollte. So gesehen ist es nicht ganz richtig zu behaupten, dass die Wide Glide in dieser Garage überwintert. Zusammen mit einer nussfurnierten Anrichte, diversen Schlitten und dem Brennholz für den Badofen wohnt sie dort. „Als ich sie gekauft habe“, erinnert sich der Mann, für den das Garagendach gerne 15 Zentimeter höher sein dürfte, „hatte das schon etwas von einer Identitätsfrage: Wer bin ich, wenn ich dieses Motorrad besitze?“ Auch 20 Jahre später ist die Maschine ihrem Besitzer eine Antwort schuldig. Also muss Michael, einen Tag zuvor zum dritten Mal Vater geworden, selbst antworten. „Man vermutet ja immer, jemand, der so ein Motorrad hat, sei der volle Schrauber. Bin ich aber nicht.“ Wenig fahren, noch weniger schrauben. „Trotzdem ist es schön, dass sie einfach da ist.“ Er sagt das nicht, weil er nur findet, dass der Sitz so ungeheuer praktisch ist, um darauf die Kettensäge zu lagern und der Spiegel sich anbietet, um den dazugehörigen Schutzhelm dranzuhängen. Er sagt es, weil etwas ganz anderes an der Harley hängt: Erinnerungen. „Schöne, brutale und brutal schöne.“ Deshalb darf sich die Maschine gerne weiter an Rechen und Gartenharken kuscheln, bis sie in diesem Jahr wieder öfter herausrangiert und mühsam in der bekiesten Einfahrt gewendet wird. „Ich will schon wieder mehr fahren, doch ein Grund, warum ich so wenig fahre, ist natürlich, nein, nicht unbedingt die Familie, aber dass mir immer so schnell der Hintern weh tut.“

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