Technik: GG-Bremskolben (Archivversion) Doppelschlag

Neuartige Bremskolben der Schweizer Firma GG sollen die beiden Probleme Fading und Schirmung der Bremsscheibe auf einen Schlag lösen. MOTORRAD stellt das System vor.

Durchgefallen. Das konnte Walter Grüter, Chef der Firma GG, nicht auf sich sitzen lassen. Er war mit seiner Sechskolbenzange im Herbst 1995 beim TÜV Bayern in Garching angetreten, um das Siegel »TÜV-geprüft« für seine Nachrüstbremsanlage zu erlangen. Nun war der Schweizer zufällig der erste, der das Gütesiegel dieses neu eingeführten TÜV-Tests beantragte und letztlich bekam.Doch zunächst hielt seine Anlage den enorm hohen Anforderungen im Prüfstandslauf nicht stand: Die glühenden Scheiben krümmten sich bald wie Tellerfedern - in der Fachsprache als Schirmung bezeichnet. Zugleich begann die Bremsflüssigkeit zu kochen und der Druckpunkt zu wandern - der Fachausdruck dafür ist Bremsen-Fading.Zurück in seinem Heimort Ballwil ließ Grüter das enttäuschende Ergebnis keine Ruhe. Ihm war beim Prüfstandslaufs aufgefallen, daß sich seine Sechskolbenzangen bei hohen Bremsdrücken leicht aufspreizen (in den Zeichnungen S. 25 wegen der größeren Anschaulichkeit übertrieben dargestellt). Dadurch drücken die Beläge außen stärker an die Bremsscheibe als innen. Die Scheibe glühte deshalb immer zuerst am äußeren Rand.Grüter erkannte, daß diese ungleichmäßige Temperatureinleitung für die Schirmung der Bremsscheiben verantwortlich ist. Seine Bremszangen wollte er aber aus Gewichtsgründen und wegen des fehlenden Bauraums bei großen Bremsscheibendurchmessern nicht verstärken und kam auf eine viel elegantere Lösung: Er lagerte im Bremskolben eine Ausgleichsscheibe auf einer Stahlkugel. Durch ihre Kippbewegung auf der Kugel kann diese Ausgleichsscheibe die Spreizung der Bremszange kompensieren und einen gleichmäßigen Belagdruck über die gesamte Bremsscheibenbreite garantieren. Den inneren Hohlraum des Bremskolbens dichtet ein O-Ring ab, der zugleich dafür sorgt, daß die Ausgleichsscheibe nicht herausfallen kann.Mit diesen neuen Bremskolben schaffte die GG-Bremsanlage die harten TÜV-Anforderungen: Die Scheibe glühte nun gleichmäßig über ihre ganze Breite. Sogar das Problem Bremsen-Fading tauchte nicht mehr auf, weil der Bremskolben nur mehr über die kleine Stahlkugel Temperatur aufnehmen kann, anstatt wie bei herkömlichen Anlagen über die gesamte Ringfläche des Kolbens (moderne konventionelle Bremskolben sind becherförmig ausgebildet). Aufgrund des kühleren Bremskolbens kochte die Bremsflüssigkeit nicht mehr.Da außer der GG-Anlage anschließend keine andere Motorradbremsanlage die harten Testkriterien mehr erfüllen konnte, schraubten die TÜV-Ingenieure die gestellten unrealistisch hohen Anforderungen nachträglich deutlich zurück. Trotzdem dürfte Grüters Patent für gehöriges Aufsehen sorgen, vor allem im Rennsport, wo extreme Standfestigkeit gefragt ist. Aber auch bei Serienmaschinen kämpfen die Hersteller mit den Problemen Fading und Schirmung: Zum Beispiel litten die früheren FZR-Modelle ständig an verzogenen Bremsscheiben, bis Yamaha bei den YZF-Nachfolgemodellen auf aufwendig gefertigte einteilige Bremszangen umstieg.Die GG-Bremszangen für je 890 Mark gibt es inzwischen zum Nachrüsten für sämtliche Brembo-Vierkolbenanlagen (z. B. Ducati, Guzzi, Bimota), für andere Modelle auf Anfrage (Tel. 0041/41/4483363).

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