Technik: Kohlefaser-Felgen (Archivversion) Her mit der Kohle

Maßnahmen zur Gewichtsreduzierung durch Kohlefaser-Bauteile liegen voll im Trend. Bei den leichten Felgen bleibt jedoch die Frage offen, ob die Vorteile den hohen Preis rechtfertigen.

Ein kleiner Ausflug in die Physik erklärt, inwiefern das Gewicht der Räder das Fahrverhalten eines Zweirads beeinflußt. Dort, wo Teile rotieren, versuchen sie in ihrer Drehebene zu verharren, die sogenannten Kreiselkräfte sind für diesen Effekt verantwortlich. Ohne diese physikalisch bedingten Kräfte wäre das Fahren mit einem Einspurfahrzeug der reinste Eiertanz, da der Fahrer wie im Stand balancieren müßte. Durch die Rotation aller in der Fahrzeugebene drehenden Teile gewinnt das Fahrzeug seine Stabilität. Bei höheren Geschwindigkeiten erschweren die rotierenden Massen jedoch einen schnellen Richtungswechsel. Da die Kreiselkräfte vom Massenträgheitsmoment der Bauteile abhängen, das sich aus der Masse und deren Verteilung ergibt, läßt sich das Fahrverhalten durch Räder mit einem anderen Massenträgheitsmoment beeinflussen. Mit leichteren Rädern verbessern Rennfahrer das Handling ihrer Maschinen.Aus technischer Sicht bietet sich das ultraleichte, gleichzeitig hochfeste Kohlefaserlaminat geradezu an, ist aber weit schwieriger zu verarbeiten als metallische Werkstoffe. Doch Radhersteller wie die englische Firma Dymag haben dieses Problem gelöst, mit deren Leichtgewichten Importeur Peter Hegemann (Telefon 07181/971140) Ducati-Fahrer beglücken will.Die Gewichtseinsparung gegenüber der serienmäßig ebenfalls 3,5 Zoll breiten Vorderradfelge der Ducati 748/916 beträgt 2,9 Kilogramm, bei der 5,75 Zoll breiten Hinterradfelge 2,7 Kilogramm gegenüber dem 5,5-Zoll-Serienpendant. Um den effektiven Gewichtsvorteil von insgesamt 5,6 Kilogramm zu beurteilen, bot sich die Rennstrecke Anneau du Rhin, zirka 20 Kilometer südöstlich von Colmar, an. Mit unterschiedlich schnellen Wechselkurven und vielen langgezogenen Turns mit unterschiedlichen Radien bietet der Kurs das ideale Terrain, um selbst feine Unterschiede erfahren zu können.Als Testfahrzeug diente eine Ducati 748, bestückt mit Pirelli-Reifen in besonders haftfähiger Corsa-Mischung. Um zwischen dem Einfluß von Vorder- und Hinterradfelge differenzieren zu können, montierten die Tester das Kohlefaserrad zunächst nur an der Front. Dadurch änderten sich die Handlingeigenschaften kaum. Allenfalls ein geringfügig leichteres Einlenken und flüssigeres Umlegen in Wechselkurven resultierte aus dem Umbau. Als nächstes folgten Fahrversuche mit Kohlefaser-Felge hinten und serienmäßigen Vorderrad. Nun verbesserten sich die Handlingsqualitäten merklich. Das Motorrad ließ sich besonders in schnellen Wechselkurven spürbar leichter umlegen. In sich zuziehenden oder öffnenden Kurven konnte der Fahrer Richtungsänderungen leichter korrigieren. Die Ducati reagierte deutlich sensibler auf Lenkimpulse, ohne dabei nervös zu wirken. Außerdem beschleunigte das Motorrad gefühlsmäßig besser. Nach der Umrüstung mit Kohlefaserrad vorn und hinten intensivierten sich die Eindrücke erwartungsgemäß nur noch geringfügig. Doch trotz der verbesserten Fahrdynamik werden die leichten Räder immer etwas für Individualisten bleiben. Der Preis von 9490 Mark pro Felgensatz reduziert den Käuferkreis stärker als Kohlefaser die rotierenden Massen. Ganz abgesehen davon, daß die Angelegenheit mit dem TÜV-Gutachten noch nicht ganz ausgestanden ist. Durch spezielle Bruchprüfungen muß der Werkstoff erst noch beweisen, daß ein Riß im Inneren auch außen sichtbar ist. Zumindest im Grand Prix-Sport haben sich die Karbonfelgen bereits bewährt. Max Biaggi ließ sich im letzten Jahr extra bei Ferrari für seine Honda NSR 250 Felgen aus Kohlefaser bauen, um die Konkurrenz zu schocken. Ob aufgrund des psychologischen Tricks oder des technischen Vorteils läßt sich nicht eindeutig klären - Tatsache ist: Er wurde mit zwei Punkten Vorsprung vor Ralf Waldmann Weltmeister.

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