Technik: Lichtstabilisator (Archivversion)

Lichtblick

Durchblick auch bei Nacht, der Traum vieler Motorradfahrer, könnte mit einem neuen Lichtstabilisator Realität werden

Während einer Fahrt durch die französischen Alpen ging dem passionierten Motorradfahrer Karl Baier aus Zell im Schwarzwald auf einer Paßhöhe in der Dämmerung der Sprit aus. In der Dunkelheit rollte er anschließend ohne Motorkraft zu Tal. Dabei fiel ihm noch viel krasser als sonst die völlig unzureichende Fahrbahnausleuchtung in Spitzkehren auf. Durch die Schräglage des Zweirads neigt sich im Gegensatz zum Pkw in Kurven der Scheinwerfer. Die Hell-Dunkelgrenze des Abblendlichts kippt zur Seite, der Scheinwerfer leuchtet ausschließlich den äußeren Fahrbahnrand aus und der Fahrer tappt bei der Suche nach dem Kurvenverlauf völlig im Dunkeln. Daraus ergab sich für den Maschinenbauingenieur die logische Konsequenz für einen Lösungsansatz: Die Leuchteinheit müßte unabhängig von der Schräglage des Motorrads in der Horizontalen verharren, der gesamte Reflektor samt Lampe sich im Scheinwerfergehäuse drehen. Einziges Problem: Die Regelung erfordert einen Sensor, der die Schräglage erfaßt. Spontan dachte Karl Baier an seinen Segelfliegerkollegen Stefan Gropp, dessen Ingenieurbüro unter anderem auch elektronische Problemstellungen löst. Nach vielen gemeinsamen Überlegungen kristallisierte sich ein Beschleunigungsaufnehmer als ideales Bauteil heraus. Prompt meldeten die beiden Konstrukteure die Sensorik zum Patent an und machten sich an die technische Umsetzung an einer von Karl Baiers Motorrädern, einer Honda CB 750 K. Der Scheinwerfer eines Golf I fand in einem Abwasserrohr aus dem Baumarkt Platz. Die Elektronik steuert einen Elektromotor an, der via Planetengetriebe und Zahnriemen den kugelgelagerten Reflektor schwenkt. Zahlreiche Versuche und rund 600 Arbeitsstunden vergingen bis der Lichtstabilisator die Erwartungen der beiden Erbauer erfüllte. MOTORRAD hatte nun die Gelegenheit die nach den Initialen ihrer Erfinder benannte Baigro-Lamp mit der konventionellen Anordnung zu vergleichen. Bei ausgeschalteter Regelung bietet der Scheinwerfer das übliche Bild. In engen Kurven besteht partielle Verdunklungsgefahr, das Abblendlicht teilt die Fahrbahn in einen hellen Bereich am Außenrand, in der Kurveninnenseite herrscht tiefe Finsterniß, der Straßenverlauf läßt sich allenfalls erahnen. Komplett anders dagegen bei eingeschalteter Regelung. Analog zur Geradeausfahrt bleibt auch in der Kurve die Ausleuchtung der Fahrbahn erhalten. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil: Die intensive Blendung des Gegenverkehrs durch das in den Himmel leuchtende Abblendlicht in Rechtskurven entfällt. Die Regelung arbeitet mittlerweilen ausgesprochen sensibel. Bereits geringe Schräglagen erkennt die Sensorik und schwenkt den Reflektor permanent in die Horizontale. Selbstverständlich wissen Karl Baier und Stefan Gropp, daß ihr Prototyp im jetzigen Stadium keinen Schönheitspreis gewinnt und die Lichtquelle des Golf nicht den höchsten Grad der Erleuchtung bietet. In Serie kämen erheblich kleinere Bauteile in einem entsprechend konstruierten Gehäuse zum Einsatz. Doch den Beweis, daß der Motorradfahrer auf kurvigen Straßen bei Nacht sein Licht nicht länger unter den Scheffel stellen muß, haben die beiden erbracht und damit einen wesentlichen Beitrag zur aktiven Sicherheit auf zwei Rädern geleistet. Ob den Motorradherstellern diese Erleuchtung zu Teil wird bleibt abzuwarten. Die Reaktion auf Angebote an die Industrie ist jedenfalls stark unterschiedlich. Während namhafte Hersteller ohne Rückmeldung lieber in der Götterdämmerung verharren, haben kleinere Firmen bereits ihr Interesse bekundet. Der Motorradfahrer darf also hoffen, daß zumindest Teilen der Industrie ein Licht aufgeht und auch für ihn eines Nachts die biblische Devise gilt: Es werde Licht.
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Lichtstabilisator (Archivversion) - Lichtstabilisator

Die Idee die schlechte Fahrbahnausleuchtung des Motorrads in Schräglage durch eine geeignete Mechanik zu kompensieren ist nicht neu. Doch an der Umsetzung mangelte es bisher wegen einer geeigneten Erfassung der Schräglage. Stephan Gropp löste dieses Problem mit einem Beschleunigungsaufnehmer, dessen Signale ein Rechner verarbeitet. In Großserie könnte eine Verstellmechanik mit winzigen elektronischen Bauteilen sowie einem kleinen Stellmotor die heute noch voluminösen Komponenten ersetzten.

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