Teilekrise bei Honda (Archivversion) Betriebsurlaub

Weil dringend benötigte Kurbelwellen für die V4-Maschine fehlten, mußten die Honda-Werksfahrer auf geplante Tests verzichten. Die Honda Racing Corporation machte derweil Betriebsurlaub.

Viele japanische Werke nutzen den Maibeginn für einen einwöchigen Betriebsurlaub. Auch bei Honda und der Rennabteilung HRC standen bis zum 7. Mai die Räder still. »In Europa«, drückte sich Castrol-Honda-Cheftechniker Sepp Schlögl diplomatisch aus, »hätte man so etwas vielleicht umgangen.«Denn die Werksferien verschärften eine Versorgungskrise, bei der die Teams nicht nur auf die ersehnten technischen Verbesserungen, sondern auch auf ganz alltägliche Ersatzteile für den normalen Laufbetrieb der teuer bezahlten Renner warten mußten.Für die sieben Piloten der V4-Maschine NSR 500 führte der Notstand gar zu einer bislang einmaligen Groteske: Weil nicht genügend Kurbelwellen zur Verfügung standen, mußten Doohan, Okada, Crivillé, Biaggi, Checa, Kocinski und Barros in einheitlicher Geschlossenheit auf die Tests der Teamvereinigung IRTA auf der Jarama-Strecke bei Madrid verzichten, die alle anderen Mannschaften kommod auf ihrem Weg von Jerez zum nächsten GP-Schauplatz in Mugello hatten einplanen können.Hauptgrund für diese Peinlichkeit ist der neue Bleifreisprit, der die Lebensdauer der seit Jahren bewährten Honda-Kurbelwellen drastisch verkürzte. »Das Blei in den alten Rennkraftstoffen legte sich wie eine Schutzhaut um die hochbelasteten Teile. Im grünen Benzin gibt es noch keine gleichwertigen Ersatzstoffe«, verrät MoviStar-Honda-Cheftechniker Antonio Cobas, warum die Wellen seit Mick Doohans Motorschaden in Japan statt nach bisher 1500 nach nur 500 Kilometern zur Revision ins Werk zurückbeordert werden und der bekannt sparsame Teamchef Sito Pons mitansehen muß, wie seine beiden Fahrer an einem einzigen Rennwochenende vier Wellen zum Stückpreis von je 25000 Mark verschleißen.Die Zeit über ein rennfreies Wochenende hinweg reicht Honda normalerweise, den Lagerbestand wieder aufzufrischen, die eingeschobenen IRTA-Tests gepaart mit den einwöchigen Werksferien brachte die Logistik des Motorradgiganten jedoch zum Kollaps.Michael Doohan, ohnehin von seiner neuen Maschine frustriert, übte wenig Zurückhaltung. »Wahrscheinlich lehnt sich Honda seit den ersten Siegen zurück und sagt: Alles kein Problem. Doch es ist ein Problem. Das Motorrad funktioniert nicht so, wie es sollte, und wir erhalten keinerlei Hilfe«, klagte der vierfache Weltmeister an. »Wir haben in unserem Team einige Probleme mit dem neuen Motorrad ausgemacht, die weniger erfahrenen Leuten verborgen bleiben. Doch wir haben keine Chance, diese Probleme zu beheben, weil uns das nötige Equipment fehlt.«Eine Bilanz, die sich mühelos auf die kleineren Klassen übertragen läßt. Seit Daijiro Katohs Sieg in Japan warten die Teams trotz des offenkundigen PS-Mangels der neuen NSR 250 vergeblich auf Verbesserungen, selbst dringend benötigte Teile wie eine Ersatzkurbelwelle trafen etwa bei Castrol-Honda erst zu Beginn der Europasaison ein. Wie stark Honda hinterhinkt, zeigte sich im 250er Abschlußtraining, wo nicht weniger als fünf Aprilia vorausfuhren und die besten Honda-Werksfahrer etwa die gleichen Topspeedwerte zustande brachten wie Yamaha-Pilot Jose-Luis Cardoso auf einem nur mit einer größeren Airbox verbesserten 30 000- Mark-Production Racer. »Die Teams suchen verzweifelt nach Geld, doch die neuen seitlichen Kühler versperren 50 Prozent der besten Sponsorenfläche. Bei jedem Sturz ist ein neuer Kühler fällig, doch weil die Motoren zu heiß laufen und zu wenig PS produzieren, gibt es keine Erfolge, die die gewaltig angestiegenen Materialkosten decken würden. Eine teuflische Kombination«, stellte Castrol-Honda-Teamchef Dieter Stappert düster fest.Restlos glücklich sind auch die 125-cm³-Piloten nicht. Nur jene Honda-Motoren, die als besonderer Cocktail aus aktuellen und eigentlich ausgemusterten Vorjahres-Teilen sowie mit teaminternen Eigenentwicklungen zusammengemixt sind, zeigen sich gegenüber Sakatas pfeilschneller Aprilia halbwegs konkurrenzfähig. »Mein sehnlichster Wunsch sind neue Leistungsteile, damit ich um den Sieg und nicht nur um Podestplätze fahren kann«, erklärte UGT 3000-Star Tomomi Manako.Sein Teamchef Mario Rubatto ging ins Detail: »Die neuen Auspuffanlagen sind Schrott und liegen unbenutzt da. Weil die Vorverdichtung nicht stimmt, rücken die Teams den neuen Gehäusen mit Fräse und Kaltmetall zu Leibe. Da kriegst du Zustände.“

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