Todesfalle Bitumenflickerei (Archivversion) Notstand

Gähnende Leere in den Kassen. Deshalb kleckern die Straßenbauämter selbst da, wo sie klotzen sollten. Konsequenz: Pfusch auf Asphalt. Und tödliche Fallen für Motorradfahrer. Wie auf der B 257 in der Eifel.

Wenn zwei Motorradfahrer in ein und derselben Kurve beim Überholen auf nasser Fahrbahn tödlich verunglücken, kann das ein vermaledeiter Zufall sein. Wenn daraufhin ein Dutzend Biker gesteht, dort ebenfalls gestürzt zu sein, wird der Zufall irgendwie immer notwendiger. Und wenn dieser unfallträchtige Streckenabschnitt über Hunderte von Metern üppig mit Bitumenmasse verunziert ist, dann hat sich«s endgültig ausgezufallt. Wie an der B 257 in der Eifel. »Bitumen hat einen sehr niedrigen Haftreibungswert, der zudem stark von der Witterung abhängt« ,schreiben die Autoren des Praxishefts »Motorradfreundlicher Straßenbau«, herausgegeben von Institut für Zweiradsicherheit e.V. (IfZ)*. »Die maximale Schräglage beträgt nicht mehr 45 Grad, sondern nur noch 15 Grad. Gleichzeitig erhöht sich bei notwendigen Lenk- und Abbremsmanövern das Risiko zu stürzen.« Das Doppelte von der Summe, die ihm zur Verfügung stehe, müßte er eigentlich ausgeben, klagte der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann Schaufler, um den Zustand des Straßennetzes auf einem Niveau zu halten, das den Geboten der Verkehrssicherheit entspricht. Seine Kollegen dürften ihm allesamt zustimmen. Vorneweg der Senator aus Bremen. Dem blieb nämlich die Peinlichkeit nicht erspart, eine wichtige Straße in der Innenstadt zeitweilig für Motorräder sperren zu lassen. Zu viele und zu große Schlaglöcher. In die kommt ein Motorrad zwar locker rein, aber selten heil raus. Leere Kassen bei den Straßenbauämtern sind das eine, wie man damit umgeht das andere. Gerade wenn die Verantwortlichen nur die paar Mark für eine notdürftige Reparatur mit Bitumen ausgeben, dürfte - insbesondere bei großflächigen Ausbesserungen - immer noch genügend Geld für ein Hinweisschild und Leitplankenprotektoren übrig sein. Schließlich müßten selbst die knauserigsten Kassenwarte wissen, was sie tun. Und daß Bitumen bei Nässe einen Haftreibungswert hat, »der mit der »Griffigkeit« von Glatteis vergleichbar ist«, sollte nicht nur in der Broschüre des IfZ, sondern im Lastenbuch eines jeden Straßenbauers in öffentlichen Diensten stehen. Gerhard Scheffler hat bei der Unfallserie in der Eifel seinen Sohn verloren. Joachim stürzte auf regennasser Fahrbahn, knallte gegen einen - nichtummantelten - Leitplankenpfosten. In Gerhard Schefflers Trauer mischten sich Wut und Empörung. Weil Joachim, dessen ist er sich sicher, noch leben könnte, wenn die Straßenmeisterei in Altenahr ihre Pflicht erfüllt hätte. Deshalb zeigte er sie an. Wegen Verletzung ihrer Aufsichts- und Dienstpflicht. Der Staatsanwalt in Koblenz brauchte länger als ein Jahr, um endlich zu entscheiden, daß er das Verfahren gar nicht erst eröffnen werde. Schließlich sei, so ist in seinem Ablehnungsbescheid zu lesen, »der Streckenabschnitt durch den zuständigen Streckenwart achtmal hinsichtlich der Verkehrssicherheit in Augenschein genommen« worden. Und der Amtschef selbst »befand sich in der Kfz-Schlange, die sich aufgrund der Unfallaufnahme im Unglücksfalle Scheffler gebildet hatte. Bei dieser Fahrt fiel dem Beamten eine sich aus dem optischen Erscheinungsbild der Unfallstelle ergebende Gefährdungslage nicht auf«. Kein Wunder. Bei Nässe ist Bitumen in der Tat kaum von Asphalt zu unterscheiden. Auch diese Eigenschaft macht den Belag so tückisch. Sollte einem Straßenmeister eigentlich bekannt sein. Aktiv wurde die Behörde erst, als es schon zu spät war. Sie führte Reibwertmessungen durch, und kaum, daß die beendet waren, wurde die Straße bereits aufgefräst. Späte Einsicht oder Spurenverwischung? Die nachträglichen Aussagen der dort ebenfalls gestürzten Motorradfahrer spielten keine Rolle für den Staatsanwalt. Sie hätten früher Meldung machen müssen. So »liegen keine Umstände vor, die es den zuständigen Polizeidienststellen hätten nahelegen müssen, aufgrund behördenseits erkannter Gefährlichkeit der Unfallstelle Sicherungsmaßnahmen zu veranlassen«. Der Ablehnungsbescheid hatte die Staatsanwaltschaft schon längst verlassen, da tauchte plötzlich eine polizeiliche Unfallmeldung auf, datiert auf den 14. Juli 1994. Darin festgehalten: der Sturz eines Motorradfahrers an der Stelle, wo die beiden Biker zwei Monate später in den Leitplanken starben. Unfallhergang: »Beim Einleiten des Überholens schmierte der Motorradfahrer mit dem Hinterrad auf regennasser Fahrbahn ab und kam nach links von der Fahrbahn ab.« Genau wie bei Joachim Scheffler. Die Polizei wußte also Bescheid. Warum gab sie ihre Informationen nicht weiter? War«s vielleicht die Schludrigkeit streßgeplagter und überarbeiteter Beamter? »Kann man so jetzt nicht sagen, weil man es nicht beweisen kann«, gibt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Koblenz Auskunft. Aber er hält es mittlerweile für nicht mehr ausgeschlossen, daß Motorradfahrer auf die Gefahrenstelle an der B 257 aufmerksam gemacht haben, diese Hinweise aber nicht verfolgt wurden. »Doch dafür brauchen wir konkrete Beweise.« Einen hat sie jetzt ja schon. Gerhard Scheffler hat auf jeden Fall Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens eingelegt.

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