Toni M. und die Bilder des Grauens (Archivversion) Toni M. und die Bilder des Grauens

Das Rauschen im Blätter-Wald der Motorrad-Magazine in Sachen Hayabusa wurde im »Focus« (Ausgabe 15/1999) unter der Überschrift »Leistung ohne Limit - eine EU-Regelung provoziert Wettrüsten« aufgegriffen - und schon traten die Pseudoreporter der Kommerz-TV-Kanäle nach. Den Vogel schoß dabei »Pro 7« ab. Die übliche Melange des Grauens aus Unfall-Horrorbildern, einem seit Jahren gesendeten Video, bei dem ein Motorradfahrer mit am Bike befestigter Kamera seinen eigenen Todessturz filmte, dem immer gern genommenen ehemaligen Komapatienten, der wieder in den Sattel klettert, unkommentierten Zahlen von getöteten Motorradfahrern und provokanten Aussagen - Motorräder seien »rollende Waffen« und deren Fahrer »schneller als Schumi« - wäre schon des Schlechten genug gewesen. Getoppt wurde das Ganze mit einem »Selbsttest« des fünffachen Motorrad-Weltmeisters Anton Mang: mit 300 km/h auf der Autobahn München-Salzburg - inklusive Überholen auf »vierter« Spur und (siehe untenstehendes Foto) gar auf dem schmalen Streifen neben Fahrbandrand und Grünstreifen. Wer oder was auch immer den Toni zu diesem via Bordkamera und Helikopter dokumentierten Wahnsinn getrieben hat: Viele MOTORRAD-Leser und Online-Diskutanten kamen zum Schluß, er habe eine Schraube locker, uns allen einen Bärendienst erwiesen und sich damit vom Idol-Sockel gestoßen. Wohl wahr, zumal Mang als Nebensitzer von mir auf Podiumdiskussionen stets erklärte, auf der Straße sei ihm das Motorradeln fast schon zu gefährlich.Das Ganze ist jedoch keineswegs ein Fall Mang und auch nicht allein ein Fall Suzuki Hayabusa, obwohl nach dem Henne-Ei-Prinzip Gackern bekanntlich nach Legen kommt. Spätenstens nach der Kawasaki-Antwort geht das Geschrei um Wettrüsten, Leistungsexplosion und Topspeed wieder los. Bis dahin haben der Industrieverband Motorrad-Deutschland und seine Mitglieder wenig Zeit, sich zumindest in Sachen Motorrad-Werbung zu besinnen: Auf eine neue Form der nach dem Wegfall der freiwilligen 100-PS-Grenze betonten und moderierenden Werbevereinbarung. Wer mit abgebildeten Schlagringen, Patronen und Sprüchen wie »großes Kaliber« oder »... und alles andere wird zur leichten Beute« trommelt, gefährdert die gemeinsame Imagearbeit pro Motorrad und braucht sich über (ver-)öffentlich(t)en Gegenwind nicht zu wundern. PS-Begrenzung und generelles Tempolimit sind von Motorradgegnern schon aus weniger guten Gründen gefordert worden. Diese Art der Werbung trifft zudem das Gros Motorradfahrer nicht : Schließlich kauft kaum einer sein Bike als »Porsche-Killer« oder »Omi-Schreck«. Selbst die meisten Hayabusa- oder Supersport-Lenker sind Motorradfahrer wie Sie und ich, die Fahrspaß auch deutlich unter 300 km/h genießen.

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