Tortelli, Sébastien: Kurzporträt (Archivversion) Strebemann

Einer wie nur wenige. Für den 18jährigen Moto Cross-Weltmeister Sébastien Tortelli zählt im Leben nur eines: Erfolg.

Eine Frau, Mutter eines 15jährigen Teenagers, betritt die örtliche Bank, trifft dort eine Nachbarin, die ihr freudestrahlend die Hand entgegenstreckt. »Toll, daß Ihr Junior einen Platz im Internat erhalten hat«, gratuliert die Dame aufrichtig. Anstatt mütterlichem Stolz erntet sie jedoch nur einen starren Blick. Frau Mama weiß die Neuigkeit zu deuten.Was sich so fiktiv anhören mag, spielte sich im Dörfchen Castelmoron-sur-Lot, etwa 100 Kilometer südlich von Bordeaux, tatsächlich ab. Vor nur etwas mehr als drei Jahren. Doch so war Sébastien, der einzige Sohn des Ehepaars Tortelli, schon immer gewesen. Er wußte, was er wollte - und tat es dann auch. Bereits mit drei Jahren ließ er es sich nicht ausreden, bei Papa Daniel, der bis heute als Landwirt einen Bauernhof bewirtschaftet, zur abendlichen Felder-Kontrollrunde auf den Tank dessen Enduro zu klettern. Und für diese Tour war zunächst auch das Weihnachtsgeschenk des motorsportlich völlig uninteressierten Papa, ein Winz-Crosser QR 50 von Honda, vorgesehen. Doch Sébastien genügte die tägliche Ausfahrt nicht, er wollte Rennen fahren. So packten die Eltern in ihren alten Ford Transit am Wochenende eben die Mini-Honda und chauffierten ihr einziges Kind von Moto Cross zu Moto Cross. Was trotz der eingeschränkten fachpädagogischen Fähigkeiten von Monsieur Tortelli nicht ohne Folgen blieb. Im Eiltempo wurde in den Jugendklassen (Ergebnisse siehe Kasten) abgeräumt. Schon damals auf die bis heute typische Weise: der Konzentration auf das Wesentliche. Schule und Sport sind die beiden Elemente, auf die sich der beängstigende, ja fast krankhafte Ehrgeiz von Sébastien beschränkt. Alles weitere muß sich diesen Zielen unterordnen.Was die beiden Erzeuger spätestens vor vier Jahren erkennen mußten. Denn auch Jacky Vimond, Ex-Weltmeister und seinerzeit Jugendtrainer der französischen Föderation, hatte das Talent des Bauernjungen aus der Gascogne erkannt und dem Youngster ein Stipendium in Frankreichs angesehenstem Sportinternat in Paris, verschafft. Verständlich, daß sich die Begeisterung des Elternpaars Tortelli in Grenzen hielt. Doch selbst von der klaren 2:1-Niederlage im Familienrat ließ sich Herr Junior nicht beirren, sagte Vimond zu und überließ den Informationsfluß zu den elterlichen Entscheidungsträgern dem eingangs erwähnten Zufall.Der Alltag im INSEP verstärkt Tortellis selbstgewählte Isolation. Morgens Schule, nachmittags Sport, abends büffeln. Soziale Kontakte zu den Mitschülern sind bis heute kaum vorhanden. Einzig der sensible Jacky Vimond scheint Zugang zu dem erfolgsbesessenen Musterschüler gefunden zu haben. Mit seiner Hilfe rast Tortelli die Karriereleiter förmlich nach oben. In seinem allerersten GP donnerte Sébastien auf den sensationellen fünften Rang. Zwei Jahre später rangiert der Franzose bereits in den Rekordbüchern als mit 17 Jahren jüngster Moto Cross-Weltmeister aller Zeiten. Was für den jungen Gallier trotz allem nur ein Markstein auf dem Weg nach oben bedeutet. Der Aufstieg in die aktuelle Königsklasse im Moto Cross, die 250er WM, ist bereits beschlossen - und geprobt. Bei seinem Viertelliter-GP-Debüt donnerte er als Gastfahrer auf Anhieb auf den unvorstellbaren dritten Platz.Keine Frage, was Tortelli sich für die kommende Saison vorgenommen hat. Daß er Weltmeister werden kann, dürfte außer Frage stehen, daß er es wird, davon ist er felsenfest überzeugt. Danach möchte er in den USA zeigen, daß es nach Jean-Michel Bayle noch einen weiteren Franzosen gibt, der US-Supercross-Meister werden kann und dann...Hand aufs Herz, man mag´s ihm glauben. Doch zusätzlich zum Profisport Moto Cross wird nebenbei noch die Schulbank gedrückt. Zwei Tage vor dem letztjährigen Moto Cross der Nationen legte er das schriftliche Abitur ab, kommenden Juni steht das mündliche an. Überlastung? Von wegen, alles nur eine Frage der Konzentration auf das wesentliche.

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