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Reportage: Tourist Trophy Tourist Trophy: Straßenrennen auf der Isle of Man

Sie gilt als das gefährlichste Motorradrennen der Welt. Gleichzeitig ist die TT das berühmteste. Wer einmal dabei war, kann sich ihr nicht entziehen. Die Fahrer sind süchtig.

Die Tourist Trophy mit anderen Motorrad-Rennen zu vergleichen, ist hoffnungslos. "Einzigartig auf der Welt", kommt es von Keith Amor wie aus der Pistole geschossen. Der Schotte muss es wissen. Seit seinem Debut 2007 stand er bereits vier Mal auf dem Podium und fuhr neben der British Superbike auch schon in der Langstrecken-WM. Selbst andere Roadracing-Highlights wie die North-West 200 in Irland oder der Ulster Grand Prix in Nordirland sind für Amor nicht mit der TT vergleichbar. Hier auf der Isle of Man gelten andere Gesetze, zählen andere Fähigkeiten, braucht es andere Typen und Motorräder. Und die TT ist zeitlos. Während im GP oder in der Superbike-WM die Rennstrecken austauschbar sind, wird auf der kleinen Insel in der Irischen See seit 100 Jahren über den 60,66 Kilometer langen, legendären Mountain Course gefahren.


Mit immer höheren Geschwindigkeiten. Aktuell liegt die Messlatte beim Durchschnittsspeed für eine Runde bei unglaublichen 211,75 km/h. Zur Veranschaulichung: Phillip Island gilt als aktuell schnellste GP-Strecke, Casey Stoner schaffte dort 2010 bei seiner Poleposition einen Rundenschnitt von 177,7 km/h. Auf optimalem Belag und mit endlosen Auslaufzonen. Bei der TT ist das anders. Böschungen, Mauern, Telefonmasten, Briefkästen und das ein oder andere Pub sind für TT-Fahrer elementare "Randerscheinungen" der Rennstrecke. Genauso wie Kanaldeckel, heftige Bodenwellen, Fahrbahnmarkierungen, etliche Schlaglöcher und wüstes Asphaltflickwerk den Untergrund für diese irrwitzigen Runden liefern. Nicht zuletzt deshalb genießt dieses Straßenrennen bei vielen - egal ob Motorrad-Fans oder nicht - den zweifelhaften Ruf des "reinen Selbstmords".

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Foto: Archiv

Tatsächlich sind seit dem ersten Rennen über den aktuellen Kurs bereits über 200 Menschen bei der TT ums Leben gekommen. Dieser Ruf wurde für die TT immer bedrohlicher. Einerseits ließ das Interesse bei internationalen Spitzenfahrern seit mehr als 20 Jahren stark nach - als das Rennen 1976 seinen Grand-Prix-Status verlor, blieben Top-GP-Fahrer der TT fern. Auf der anderen Seite erstarrte die Veranstaltung lange Zeit in ihrer Tradition, lebte von ihren eigenen Helden, wie dem mit 26 Siegen unangefochtenen TT-König Joey Dunlop, und geriet immer mehr zum rein britischen Spektakel, das höchstens noch Freaks und blutige Amateure aus aller Welt als Rennfahrer anlockte. "Vor allem die vielen unerfahrenen Piloten bescherten der TT diesen fürchterlichen Ruf", erzählt Johnny Barton, der in diesem Jahr selbst seine 20. TT fährt. Vor über 15 Jahren zog Barton dem Event wegen von Kent auf die Insel. Mittlerweile ist er Teil der seit fünf Jahren agierenden Motorsport-Entwicklungs-Kommission um Mastermind Paul Phillips. Dessen Truppe führt jetzt ein strenges Regiment und hat der TT hinter den Kulissen eine völlig neue, professionelle Struktur verpasst. Heute ist es unmöglich, einfach auf der Insel aufzukreuzen und sich fürs Rennen einzuschreiben. Ohne genaue Racer-Vita geht gar nichts, ohne Referenzen wird es schwer und wenn Johnny den Eindruck hat, man packt es nicht, dann ist die Sache gelaufen. Barton, selbst schon einmal Zweiter bei der TT, nimmt zusammen mit TT-Sieger Richard "Milky" Quayle die Bewerber unter ihre Fittiche. Mehrmals fahren sie mit ihnen über die Strecke, erklären die Besonderheiten und testen deren Fahrkönnen: "Wer schnell über eine normale Rennstrecke fährt, ist nicht automatisch ein schneller Roadracer", weiß Barton. "Man muss Verstand mitbringen, eine Linie ziehen können zwischen Risikobereitschaft und kühler Berechnung." Und es braucht Zeit, ein gewiefter TT-Fahrer zu werden. "Drei Jahre, bis man ausreichend Streckenkenntnis hat", sagt Quayle, der den Deutschen Rico Penzkofer auf der Isle of Man einführte. "Rico ist der Parade-Typ von Fahrer, den wir hier suchen", erzählt Milky. "Er hat neben seinen fahrerischen Fähigkeiten das Gespür, das man hier braucht." Dass Penzkofer nach Platz Zwölf letztes Jahr unter den Experten bereits als Top-5-Fahrer gehandelt wird, ist für Milky eine großartige Sache: "Wir wollen die TT international wieder groß machen und als respektiertes Motorradrennen weltweit etablieren. Dazu brauchen wir internationale Fahrer, aus Europa, USA, Australien, überall her, die konkurrenzfähig sind."

Aber die Ambitionen der TT-Macher gehen mittlerweile weiter. Sie haben bereits Späher ausgesandt, die nach anderen Straßenrennen suchen, um zusammen mit der TT eine echte Straßen-Weltmeisterschaft zu veranstalten. Macau in China wäre so ein Rennen, eventuell auch Horice in der Tschechischen Republik. Dann wird es aber schon dünn, denn in unserer in allen Bereichen des Lebens streng regulierten Welt, in der jeder für alles haftbar gemacht wird und für Events horrende Versicherungen abgeschlossen werden müssen - ganz abgesehen davon, dass politisch Verantwortliche die Schelte einzelner meist mehr fürchten als die Begeisterung der Sportfans -, stehen die Chancen ziemlich schlecht, so ein Rennen wie die TT irgendwo nochmal aus der Taufe zu heben.

"Irgendwie ist genau das Teil der Faszination", tröstet sich Lokalmatador Conor Cummins. "Ich fahre seit meiner Kindheit über diese Straßen. Wenn du das Rennen über genau diese Route fährst, hat das etwas aufregend Böses. Ich brettere mit über 200 km/h durch meine Heimatstadt Ramsey, da komme ich mir wie der größte Gesetzesbrecher vor."

Dass Roadracing á la TT besonders gefährlich ist, bestreitet niemand. Schon gar nicht die Fahrer. "Es ist furchteinflößend und wunderbar zugleich, die Spannung während der Rennwoche ist fast unerträglich", sagt Keith Amor. "Aber wer hierher kommt, weiß wie gefährlich das ist. Niemand zwingt uns. Ich betrachte es aber als mein Recht." Michael Dunlop, TT-Sieger 2009 und Neffe von Joey Dunlop, hat seinen Onkel bei einem Straßenrennen in Estland 2000 verloren. Sein Vater Robert starb bei der North-West 200 2008. Zwei Tage danach gewann Michael dort die 250er-Klasse. Der 23-Jährige lässt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit: "Die TT ist mein Leben. Wenn ich es hier aushauche, dann ist es so - basta." Die TT-Fahrer reden ganz offen über das Risiko, machen keinen Bogen um das Thema. "Um bei der TT fahren zu können, musst du akzeptieren, dass du Ende Mai hierher kommst und es das eventuell war. Wenn du nicht hinsitzen und das mit jemandem offen besprechen kannst, solltest du hier nicht fahren", sagte David Jeffries einmal in einem Interview. Der neunfache TT-Sieger verunglückte am 29. Mai 2003 nahe Crosby in einer TT-Trainings-Session tödlich.

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Foto: Motocom

"Das ist mit das Fürchterlichste an der TT", schüttelt Johnny Barton den Kopf. "Aber wenn du mich fragst, was wirklich das Schlimmste an der TT ist, wäre meine ehrliche Antwort: Sie ist nur einmal im Jahr." John McGuinness teilt spätestens seit letztem Jahr Bartons Meinung: "In sieben Jahren habe ich immer mindestens ein Rennen gewonnen. Und letztes Jahr kein einziges. Furchtbar, da ist ein ganzes Jahr umsonst!" Nachdem McGuinness im Junior-Race einfach nicht sein normales Niveau erreicht hatte, machte ihm in der TT-Königsklasse, dem Senior-Race, die Technik einen Strich durch die Rechnung. "Haltbarkeit", so McGuinness bitter lächelnd, mache deshalb ein gutes TT-Bike aus. Die Kunst, ein TT-Motorrad aufzubauen, bedeutet allerdings Kompromissbereitschaft in allen Bereichen. "In den Bergen könntest du die Top-End-Power eines astreinen Superbikes sicher gut gebrauchen. Aber es gibt auf der ganzen Runde so viele Vollgas-Passagen, das muss der Motor wegstecken können", erklärt Johnny Barton. Das allerwichtigste am TT-Racer ist Fahrstabilität. Wer mit annähernd 300 Sachen über welligen Untergrund zwischen Gartenmauern durchpfeilt, schätzt nichts so sehr wie ein stabiles, ruhig geradeauslaufendes Motorrad. Das Setup stellt damit eine riesige Herausforderung dar. "Mein TT-Bike ist außerdem deutlich bequemer als meine Rennstrecken-Motorräder", erzählt TT-Sieger Cameron Donald. Bei fast allen Top-Fahrern sind die Fußrasten etwas weiter unten, die Stummel weiter oben und die Racing-Scheibe bietet deutlich mehr Windschutz. "Im Senior-Race fahren wir sechs Mal die komplette Runde. Überall, wo es geht, versuchst Du zu entspannen. Bei den vielen Schlägen, Sprüngen und Wheelies, die es hier gibt, muss das Motorrad deshalb so zärtlich wie möglich zu dir sein", streichelt Keith Amor über seine Fireblade.

Alle namhaften Fahrer sind sich einig, dass die TT physisch für den Fahrer wie für das Bike hart ist. Aber die mentale Belastung sei bei keinem anderen Rennen so hoch wie auf der Isle of Man. "Beim Ulster-GP oder den North-West 200 gibt es den normalen Start, kämpfst du Mann gegen Mann. Hier bist du allein mit der Uhr - das ist etwas völlig anderes", wird Donald genauer. "Es ist ein Kampf gegen den Kurs, gegen die Uhr, gegen deine Ängste", bringt es McGuinness auf den Punkt. "Noch Wochen nach der TT bin ich ein Wrack", beschreibt Amor die Belastung. "Man ist regelrecht hirntot danach. Während der TT fahr ich auch mental ständig über die Strecke, präge mir Brems- und Einlenkpunkte nochmal ein, hier schnell zwei Gänge runter, da sofort Gas auf und hochschalten, nicht zu nah an die Mauer, Achtung Randstein, die Kurve macht zu. So geht das inklusive Trainingswoche zwei Wochen lang." Sich eine über 60 Kilometer lange Strecke über öffentliche Straßen einzuprägen, macht jeder Fahrer ein bisschen anders. Einige, wie Johnny Barton oder Cameron Donald, haben alle markanten Punkte mit Namen im Kopf. Dazwischen erzählen sie von Telefonzellen rechts im Augenwinkel als Referenzpunkt, Kanaldeckeln als Bremspunkt oder einem Schornstein, der direkt vor der blinden Links auftaucht. Andere haben offensichtlich keinen Plan, wo sie genau fahren, sondern teilen den Kurs mental nur in Gangstufen und Gasgriffstellung ein. Einer davon ist Ian Hutchinson, dem es 2011 als erstem Menschen gelang, alle fünf wichtigen Solo-Rennen der TT zu gewinnen: "Ich habe von Brandywell oder Kate’s Cottage schon gehört, aber ich könnte dir nicht sagen, wo die sind. Frag mich nach Dritte-Gang-Passagen, kein Problem, aber wenn ich nach Wegweisern fahren müsste, würde ich mich verfahren." Wie es der einzelne Fahrer auch macht, die Strecke in- und auswendig zu kennen, ist Grundvoraussetzung. "Die Zeit muss man sich unbedingt geben. Aber wenn dein Leben davon abhängt, ob du den Baum auf dem Schirm hast oder nach der Hecke besser sofort in die Eisen gehst, dann arbeitet dein Kopf ganz anders", fasst es Keith Amor zusammen. Kein Zweifel, die TT ist lebensgefährlich, aber vor allem einzigartig.

Foto: Seitz

TT in Kürze

In diesem Jahr geht die TT zum 100. Mal über den 60,66 Kilometer langen Mountain Course mit insgesamt 240 Kurven. Die wichtigsten Klassen sind die Supersport, also 600er-Racer, die früher auch als Junior-TT lief, die seriennahen Superstock mit einem Liter Hubraum und die offenen Superbikes. Die schnellsten 80 Fahrer treten als großes Finale auf den Superbikes zur Senior-TT an. Gefahren werden zwischen vier (600er) und sechs Runden, dann mit Tank- und Reifenwechsel-Stopp nach der Hälfte (Senior). Außerdem gibt es noch die Beiwagen-Klasse, die nach wie vor Kultstatus genießt. Seit zwei Jahren wird auch ein Rennen für E-Bikes gestartet. Normal besteht die TT aus einer Woche Trainingssessions und einer Woche Rennen. Dafür werden die Straßen gesperrt. Dazwischen läuft der normale Alltagsverkehr über die „Rennstrecke“. Bei Regen oder schlechter Sicht auf dem Snaefell Mountain wird entsprechend verschoben. Alle Fahrer starten am „Grand Stand“ in Douglas allein im Abstand von 10 Sekunden.

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