Toy Run Berlin (Archivversion)

Wohlfahrt

Wenn Biker sich von ihrem Teddy trennen, dann nur für’n guten Zweck. Außerdem würden sie vorher gern im Corso durch die City cruisen und danach abrocken – wie beim Toy Run Berlin.

Motorräder fallen ein. Erobern die Straße. Hunderte, auf sämtlichen Spuren, zu dritt, zu viert nebeneinander. Wie eine grollende Herde dringen sie vor, mitten ins Herz der Stadt, und viele ihrer Fahrer sehen aus wie die, vor denen Eltern aller Länder immer gewarnt haben. Die Berliner aber, sie bleiben ruhig. Gewiss, unsere Hauptstadt sah schon Demonstrationen, die das gepflegte Shopping Unter den Linden dezenter untermalten. Mancher Flaneur brummelt gereizt: immer diese Motorradfahrer-Gottesdienste.Aber wozu dann all die Stofftiere? Eine quietschgelbe Ente darf auf dem Kotflügel mitreisen. Ein Berliner Bär hängt zwischen Gasseil und Bremsleitung fest. Der knuffige Panda besetzt den Scheinwerfer, Alf glotzt aus dem Tankrucksack, und ein rosa Riesenteddy hockt bei seinem süßen Lederboy auf dem Sozius: It’s Toy Run, Leute, nix mit Randale. Aber auch nix mit Beten. Wie in jedem Jahr bringt der gute Zweck – Spielzeuge und Geld für bedürftige Kinder zu sammeln – Berliner Motorradler in Schwung, treibt sie erst in Rumpelkammern oder Spielzeugläden und dann zum Alex. Da ist Sammelpunkt, von dort geht’s im langen Marsch zur Sammelstelle.Wie jedes Jahr gehört die City an einem Spätfrühling-Samstag für ein, zwei Stunden den Bikern, und die genießen dieses Privileg sichtlich. Alexanderplatz, Unter den Linden, Siegessäule, Kurfürstendamm – das ganze Programm, immer schön von der Polizei bewacht. Vorn stets dabei eine rote Shovelhead. Gelenkt von Bernd Kleemann. Der gehört da hin, ganz vorne, denn dieser Toy Run ist irgendwie seine Idee. Aber dazu später.Erst mal nähert sich der minimum 1200 Motorräder lange, dicke und laute Lindwurm seinem Ziel. Schönholz, Berliner Vorort, Freigelämde. Plüschtiere abgeschnallt, weiter zur Kasse, dem guten Zweck – da isser wieder – mit paar Euros gedient. Rein. Eine riesen Wiese macht sich breit, hübsch umwachsen und abgelegen, Bierbänke warten, adrett aufgereiht, es wird gebrutzelt, gezapft, gleich geht’s rein ins Vergnügen, die erste Band inszeniert ihren Soundcheck – und dann taucht dieses Zelt auf.Spielzeugannahme. Es gibt kein Zurück mehr. Der erste Kinderatlas, das bestgepflegte Gartenkegelspiel. Hinfort. Der just liebgewordene Teddy, das lang geliebte Autoquartett. Adieu. Da nützen keine dicken Lederjacken und keine coolen Tattoos, so was geht einfach ans Herz, da müssen auch die Härtesten ganz stark sein. Liefern brav Spiele und Bücher und Viecher ab. Ein Soziologe könnte an dieser Annahmestelle mehr über Biker lernen als in 37 Feldstudien, aber es ist zum Glück keiner da, sondern man bleibt unter sich. Und die riesigen Kartons quellen über, werden gestopft, quellen wieder über. Wer soll all diesen Plüsch bespielen?Bernd fragen. Der fährt ja nur im Nebenberuf Harley. Meistens erzieht er. Kinder und Jugendliche, schon seit Jahren, aber gelegentlich unter Mühen. Weil in Berlin die Kohle knapp ist. Das bekam auch das Heim Fuchsstein zu spüren, in dem der 36-Jährige und seine Kollegen sich um Jugendliche kümmerten. Gespart wird zuerst immer da, wo keine Lobby existiert. Dann gründen wir eben eine, dachten sich Bernd und einige Miterzieher, hoben 1994 den Kids Club Fuchsstein aus der Taufe, ließen ihn als Verein eintragen und zogen 1995 ihren ersten Toy Run durch. Für Spielsachen ist nämlich in den wenigsten Heimen genug Geld da. Als die Spielwarenwelle der allerersten 200 Toy-Runner im Lauf der Jahre zur Flut anschwoll, ließen sich die Kids-Cluber was Neues einfallen. Und kamen auf Frauenhäuser: Wenn da eine Mutter mit Kindern Hilfe sucht, trösten so Stofftiere ungemein. Die Kids wenigstens. Und wenn’s anderen Tags in eine andere Bleibe geht, müssen Teddy und Co. natürlich mit. Enorm hoher Plüsch-Verbrauch. Die Kindernothilfe, aber auch Kinder in Rumänien oder Tschernobyl haben ebenfalls schon profitiert, dieses Jahr ist unter anderem die Kinderaidshilfe dran, kriegt rund 2500 Stoff-Kumpel.Den überquellenden Kartons sehen die Organisatoren also freudig entgegen. Ganz scheu haben sogar die motorradfahrenden Polizisten angefragt, ob sie denn auch dürften... Sie dürfen, klar, und karren gleich einen Streifenwagen voll Plüsch zur Sammelstelle. Außer treusorgenden Polizisten kommen am Samstag noch weitere 3000 Leute, um Spaß zu haben und ihr Gewissen zu erleichtern. Am Ende weiß sicher keiner, was letztlich im Vordergrund steht. Der Kids Club zieht Zwischenbilanz: Gutes Wetter, viele Leute, macht – weil alle eifrig in die Tombola eingezahlt haben und die Umsatzbeteiligung aus der Gastronomie heute echt stimmt – ein paar Tausender in der Kasse. Wo garantiert kein Geld kleben bleibt, und überhaupt: Bis auf den Hauptact des Abends und die Händler verdient hier Samstag wie Sonntag kein Mensch eine Mark. 30 Helfer hat der Kids Club um sich geschart, die seit Tagen nur noch Toy Run leben, die Eintritt oder Plüschtiere kassieren, Musiker organisieren, Kinder betüdeln. Jawohl, Kinder. Logische Folge eines langsam, aber sicher steigenden Durchschnittsalters unter allen Formen von Motorradfahrern. Heute hat der Sportfreak seinen – oft erstaunlich gemütlichen – Nachwuchs ebenso im Schlepp wie der Biker einen Filius, der schon als Sechsjähriger nur mit Sonnenbrille durchblickt. An der Negerkuss-Wurfmaschine und in der Hüpfburg sind sie dann aber wieder alle gleich.Letztere geht übrigens hin und wieder auf Tournee. Weil sich in der Szene herumgesprochen hat, dass beim Kids Club Profis werkeln, haben schon mehrere Clubs um pädagogischen Beistand gebeten. Fete durchziehen ist nämlich eines, aber die Brut bei Laune halten was anderes. Sogar auf Messen werden die Fuchssteiner aktiv: Obwohl in Vereinsreihen nur acht Motorradfahrer weilen, kümmern sie sich bei den Berliner und Hamburger Motorradtagen um die Kinderbetreuung. Warum das alles? Ganz einfach – Bernd und die Seinen sind nicht nur gut drauf, sondern auch gut. Und wollen’s auf ihre Art bleiben.
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Kids Club Fuchsstein (Archivversion)

Gegründet wurde der Kids Club von Erziehern, die bei weiteren Sparmaßnahmen zur Not mit eigenem Trägerverein Kinder und Jugendliche übernehmen wollten. So weit ist es bis jetzt nicht gekommen, aber Zielgruppen für Geld- und Sachspenden gibt’s genug. Den Großteil der Einnahmen bringt der Toy Run, der jährlich im späten Frühling steigt 2003: 14. und 15. Juni). Dort und bei der anschließenden Fete sind natürlich alle Motorradfahrer willkommen – die unübersehbare Biker-Lastigkeit rührt wohl daher, dass Toy Runs in den USA aus dieser Szene heraus erfunden wurden. Wer den Kids Club und seine Arbeit unterstützen möchte, kann entweder Mitglied werden (Info: www.kidsclub-fuchsstein.de) oder spenden: Kids-Club Fuchsstein e.V., SEB Bank Berlin, Kontonummer 155 60 48 700, Bankleitzahl 100 101 11.

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