Treffen in Schweden (Archivversion) Schären Holder Value

Wer nach Schweden reist, will die Natur genießen, die Einsamkeit. Das gelingt dort mitunter sogar auf dem größten Motorradfahrertreffen des Landes.

Rainer Schmidt arbeitet als Lehrer an einer Berufsschule am Niederrhein, steht kurz vor der Pensionierung und fährt Suzuki Intruder. Seit Jahren drängt es ihn hoch in den Norden zum Motorradtreffen im Städtchen Västervik, südlich von Stockholm in den Schären gelegen. Er tut’s, sagt er, »der Ruhe und der Gelassenheit wegen, die ich dort finde«. Unter tausenden Motorradfahrern aller Couleur: »Das Spektrum reicht vom Kuttenträger bis zum Familienvater, der auf BMW anreist und Frau und Kind im Volvo nachkommen lässt.«
Lasse hat weder Frau noch Kind und die Freundin in Göteborg gelassen, wo er Fenster putzend seine Kronen verdient. Deren 45, so um die fünf Euro, rollt er aus dem Bündel, das er aus seiner Lederjeans zieht. Dafür bekommt Lasse Bier, 0,3 Liter. Er nimmt einem Schluck und stellt sich wieder an, hinten an der Schlange, die zum Ausschank führt. »Wenn du vorne ankommst, ist der Becher leer. Außerdem hast du in der Schlange die besten Gespräche.« Mit Ole aus Stockholm diskutiert er drei Bier lang darüber, ob er seine Freundin nun heiraten soll oder doch lieber nicht. Beim vierten beschließt er, Lena einen Antrag zu machen. Aber darüber, sagt er, müsse er erst einmal schlafen. Und außerdem: »Ob sie überhaupt will?«
Schmidt hat den Diskurs eine Runde lang mitverfolgt: »Es kommt selten vor, dass Schweden sich so offen geben und über private Angelegenheiten reden«, kommentiert der Pädagoge. Der dafür, natürlich, eine Erklärung hat: »Das Land ist dünn besiedelt, was dazu führt, dass man sich zwar gegenseitig hilft, ansonsten aber nicht zu nahe kommt.«
Auch auf dem Zeltplatz. Wo man nicht einfach aufs Gelände des Nachbarn stolpert, sondern höflich fragt, ob man denn auch willkommen ist. Ist man übrigens meistens. So wie das Pärchen aus Örebrö, das die Heringe vergessen hat. Woraufhin die Jungs nebenan ihre Harleys just so platzieren, dass deren Ständer die Zeltplane trefflich fixieren.
Eine schöne heile Welt also, Bullerbü allerorten? Sieht fast so aus. Auch wenn sich so mancher montags im Büro ein bisschen arg anders verhalten mag als sonntags auf dem Treffen. Dass dort vieles schöner Schein ist, stört überhaupt nicht. Weil man diesen schönen Schein bewusst kultiviert, zelebriert und die landschaftliche Idylle ihn subito sanktioniert.
6000 Motorradfahrer campen auf der Halbinsel mit dem alten Schloss. Und jeden Tag kommen noch einmal so viele Zaungäste dazu. Um die Atmosphäre zu ge­nießen, die Motorräder. Die besten Um- und Eigenbauten werden prämiert. 2007 gewinnt ein Extrem-Chopper vor Gold Wing und Hayabusa die Publikumswertung. Und eine Husqvarna V 1000 Gran Tourismo genannte Konstruktion auf Suzuki TL 1000-Basis räumt in der Kategorie »Streetfighter« ab. Was man fährt, ist nicht wichtig. Was zählt ist, dass man fährt.
Deutsche Besucher mag irritieren, dass die Party auf den Schären eine kommer-zielle Angelegenheit ist. Da backt die Frau des Presi keinen Käsekuchen. Als die Stadt Västervik nicht wusste, was sie mit ihrem Gelände und dem verfallenen Herrschaftsgebäude darauf anfangen sollte, kaufte Lokalreporter Per Wiesen und Gemäuer für wenig Geld und steckte viel hinein. Diese Investition, sagt Per, muss sich rentieren. So auch die Motorradparty, die immer in der letzten Juliwoche läuft. Schweden erscheint das Preisniveau dort freilich sehr wohl akzeptabel, und Deutsche dürften allenfalls über zu viele Kronen für zu wenig Bier klagen. Vier Tage Campen mit drei Abendkonzerten kosten 65 Euro, und ein Essen, so viel man will, ein Leichtbier inklu­sive, ist ab acht Euro zu haben.

Mehr Informationen, auch auf Deutsch, unter www.mcdagarna.se.

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