Trial-WM in Großheubach (Archivversion) Berufs-Berater

Noch nie waren sie so wichtig wie heute. Ohne ihre Wasserträger stehen die Top-Trialer auf verlorenem Posten.

Eine Reifenbreite nach links...gut so, nun zehn Zentimeter zurück...prima, jetzt mit Schwung über die Kante. Perfekt.« Salva Garcia ist zufrieden. Obwohl es sich zunächst anhört wie die Befehle eines Einweisers in einer Lkw-Verladestation, hat der Spanier mit schwergewichtigen Brummern wenig am Hut. Im Gegenteil, denn der 34jährige Spanier ist höchstpersönlicher und oberster Betreuer von König Jordi dem Allerersten und Allerbesten. Hofmarschall von Jordi Tarrés, des mit bislang sieben WM-Titeln besten Trial-Piloten aller Zeiten. Und somit nicht nur beim Trial-WM-Lauf im Spessartstädtchen Großheubach inoffizieller Vorsitzender einer ganz speziellen Berufsgruppe im internationalen Trial-Zirkus - den Wasserträgern.Ende der achtziger Jahre hatte alles begonnen. Damals, als just Rey Tarrés den Hüpfstil vom Fahrradtrial ins Motorradtrial transferiert hatte und der traditionellen Trialerei damit zu neuen Dimensionen verhalf. Zu den gemeinhin verbreiteten Fortbewegungs-Richtungen vorwärts, rauf und runter addierte die neue Fahrtechnik plötzlich seit- und rückwärts. Und spätestens dann war er nötig, der Wasserträger - quasi als akustischer Rückspiegel der genialen Akrobaten und Retter in der Not an den immer gigantischeren Felsstufen.Mochilero, Rucksackträger, nennen die Spanier ihre Vasallen fast abfällig, unter Suiveur oder Seguidore, Gefolgsmann, firmieren die Wasserträger im Französischen und Italienischen schon etwas nobler, den richtigen Ton treffen aber die Briten. Minder, Lehrer oder Meister, ehren die trialnden Angelsachsen ihre Helfer. Zu Recht, denn den Rucksack mit Verpflegung und Ersatzteilen auf dem weitläufigen Terrain mit herumzuschleppen, gehört nur zu den profansten Pflichten ihres verantwortungsvollen Jobs. Schließlich spricht nicht selten ein von legendären WM-Erfolgen geläuterter Geist zu den jungen Trialisten. Im Hause Lampkin beispielsweise sorgt Papa Martin, 1975 selbst Weltmeister, für höhere Eingebungen. Und daß dem 20jährigen Filius und derzeitigen WM-Zweiten Doug auch ja nichts entgehe, in einer Lautstärke, welche die Phon-Prüfung der technischen Kommissare an der Werks-Beta zur überflüssigsten Sache der Welt machen. Daddy Lampkin übertönt schlicht und einfach alles.Weniger laut, aber genauso kompetent tönt´s auch anderswo. Ex-Weltmeister Malcolm Rathmell betreut die britische Nachwuchshoffnung Graham Jarvis. Der WM-Fünfte Bruno Camozzi läßt sich vom aktuellen Spitzenmann in der EM, seinem Bruder Christophe, soufflieren.Wobei die Hauptarbeit der Wasserträger meist im verborgenen stattfindet. Zu Hause im Trainingsareal werden die Grundsteine zum Erfolg gelegt. Und dies nicht nur in fahrerischer Hinsicht, sondern zunehmend auch in der Technik. Der angehende Weltmeister Marc Colomer hat den Belgier Michel Renard ausschließlich wegen seines technischen Verständnisses engagiert, das sich der 39jährige Wallone in seiner Zeit als Automobil-Rallyepilot aneignete. Kein Wunder, daß die Allround-Talente um die Herren Top-Fahrer mit Gehältern bis zu 6000 Mark monatlich zumindest für Trial-Verhältnisse nicht kleinlich entlohnt werden. Wofür sich die Berufs-Berater ihr Privatleben weitestgehend abschminken können. Wie derzeit der gute Herr Garcia. Denn obwohl Jordi Tarrès die aktuelle WM-Saison weitgehend vermurkst hat und vor dem deutschen WM-Lauf mit fast uneinholbaren 28 Zählern Rückstand auf Marc Colomer nur auf WM-Platz drei rangierte, will der 28jährige nichts unversucht lassen. »Wir trainieren zur Zeit mindestens acht Stunden pro Tag. Dieser Mensch bringt mich noch ins Grab«, jammerte der Edeldomestike im idyllisch im Maintal gelegenen Großheubacher Fahrerlager. Und auch auf den einfallsreich ausgesteckten 14 Sektionen, die insgesamt dreimal durchfahren werden mußten, gab´s für den untersetzten Adjudanten keine Verschnaufpause. Doch der Aufwand sollte sich lohnen. Klar und ungefährdet holte sein ehrgeiziger Herr und Gebieter bei vertraut südländischer Hitze den Tagessieg, während sich sogar Doug Lampkin zwischen Tarrès und Marc Colomer schieben konnte. Daß sich im Zeitalter der Wasserträger auch der sportliche Erfolg am Einkommen des Hilfspersonals messen läßt, bewies die deutsche Trial-Elite in Großheubach. Rang 20 für den 22jährigen Andy Lettenbichler und in schöner Reihenfolge die Positionen 26 bis 31 blieben die magere Beute für die schwarz-rot-goldenen Balancekünstler. Oder wie Horst Peter, Helfer des amtierenden deutschen Meisters Jens ter Jung seine Gehaltssituation ausdrückt: »Wenn es gut gelaufen ist, gehen wir schon mal gemeinsam eine Pizza essen.“

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