Trial-WM in Hawkstone Park/GB (Archivversion)

Und sie bewegen sich doch

Stillstand ist Rückschritt, wissen auch die Trialer - und krempelten für diese Saison ihr Reglement völlig um.

Mick Doohan ist sauer. Seinen sicheren Sieg hatte sich der Honda-GP-Star durch dumme Angewohnheiten vergeigt. Dreimal in der Kurve mit dem Knie den Asphalt berührt: macht drei Strafsekunden - zurück auf Platz zwei. Jeremy McGrath stinkt´s ebenfalls. Doch auch der US-Übercrosser hätte es wissen müssen. Wer gleich viermal den Doppelsprung überspringt, der fliegt sowieso aus der Wertung. Alles Illusion? Für die GP- oder Supercross-Stars sicherlich, für Trial-Piloten keinesfalls. Denn seit Beginn dieser Saison schaffen die Balancekünstler, was bislang nur Autoren von Science-fiction-Romanen vorbehalten blieb - eine Reise in die Vergangenheit. Einen Trip in die Zeit, als die Trialfahrer noch ihrem Namen gerecht wurden und ohne Unterlaß dem Sektionsende entgegenfuhren.Doch spätestens seit Ende der achtziger Jahre hatte der Vorwärtsdrang ausgedient. Mit den Teenagern aus dem Fahrrad-Trial eroberte auch eine neue Fahrtechnik die Trialszene. Anhalten, vorwärts- und rückwärts rangieren oder das beliebige seitliche Versetzen der Räder - alles ohne die Füße von den Rasten zu nehmen, versteht sich - mutierte in Windeseile von der vielbeachteten Kür zur permanenten Pflicht. Aus den ehemaligen Sportlern wurden Akrobaten.Doch Akrobaten gibt´s eben nur wenige - so wie im Lauf der Jahre denn auch Trialisten. Vom immer höheren Schwierigkeitsgrad der Sektionen abgeschreckt, kehrten ganze Heerscharen ihrem Sport den Rücken. Und weil letztlich auch die Trial-WM zum spanisch-englischen Ländervergleich degenerierte, drehte am Ende letzter Saison die Balance-Szene in einem gemeinsamen Kraftakt die Zeiger der Trialsportuhr weit zurück. Für Parker, Hüpfer oder Rückwärtsfahrer (siehe Kasten »Reglement »Seite???) hagelt´s ab sofort Strafpunkte. Ungeschoren kommt nur der davon, dessen Räder sich unablässig drehen. Nach der Ouvertüre in Spanien stand auch der zweite WM-Lauf im englischen Hawkstone Park, etwa 80 Kilometer nordwestlich von Birmingham gelegen, ganz im Zeichen der neuen Zeit. Wobei ausgerechnet der amtierende Weltmeister und Lokalmatador Doug Lampkin querschießt. »Man wollte, daß der Abstand zwischen den guten und den schlechten Fahrern geringer wird. Der spanische Lauf hat aber schon gezeigt, daß sich daran nichts geändert hat. Wer bisher vorn war, gewinnt auch jetzt«, spielt er als einer der wenigen Gegner der fast einmütig beschlossenen Regeländerung auf die aktuelle Situation an. So mußte sich Amtsvorgänger und ärgster Konkurrent Marc Colomer, von Beginn an ein Sympathisant der Sport-Reaktionäre, sogar in der eigenen Heimat vom 23jährigen Briten vorführen lassen. Was er in den Sektionen der britischen WM-Runde tunlichst vermeiden wollte. Erst recht, weil sie sich auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich von den verwinkelten Spuren der bisherigen Ausgaben unterschieden. Nur ein bißchen mehr Anlauf hier und ein wenig mehr Bremsweg da deuteten dezent auf den Beginn der neuen Ära hin. Doch schon der erste Pilot, der entlang den Sektionen des Hawkstone Park balancierte, machte den Wechsel deutlich. Das für die Hinterbänkler im Triallager übliche klägliche Scheitern an wurzel- und steinübersäten Aufstiegen, die quasi aus dem Stand erklettert werden mußten, wich einem wenn auch oft verzweifelten, aber immer fairen Kampf gegen Natur und Technik. »Natürlich ist ein WM-Trial auch jetzt noch schwer, aber im Gegensatz zu den letzten Jahren gibt es nun endlich mal einen Fahrfluß. Und damit verbunden einfach mehr Spaß«, strahlt denn auch Carsten Stranghöner, einziger deutscher Trialist in Hawkstone Park, schon kurz nach dem Start. Und wie der 20jährige Gymnasiast aus Bielefeld empfinden auch die Zuschauer. Wenn die Trial-Koryphäen den Berg mit forschem Speed statt mit übervorsichtiger Freikletterkunst angehen, kommt Stimmung auf. Wobei die Unterschiede zwischen König und Knappen auch bei der scheinbar erleichterten Trial-Gangart immer noch offensichtlich genug sind. Wo der gemeine WM-Trialist per pedes sein strauchelndes Roß wieder in die Vertikale drückt, ziehen die Könner die Zügel an und lassen Pferd mitsamt Reiter in voller Fahrt schon mal eine sehenswerte 120-Grad-Drehung springen. Daß die Chose so oder so nicht langweilig wird, dafür sorgt immer wieder der zusätzliche Strafpunkt fürs Stillstehen. Nach spätestens einer Minute hat auch der geruhsamste Trialero die Sektion hinter sich. Gerade mal die Hälfte der zur Verfügung stehenden Maximalzeit.Dummerweise kommt aber gerade diese selbstgewählte Hetzerei Señor Colomer gar nicht zugute. Verglichen mit dem Streifschuß von Spanien, nahm sich Lampkins Auftritt auf heimischem Sandstein für den Spanier wie eine perfekt zentrierte Breitseite aus. Nach Rang zwei am Samstag patzte der Iberer am Sonntag fast dreimal so oft wie der Mann aus Yorkshire und landete - sichtlich demoralisiert - auf dem mageren sechsten Rang. Grund genug, um schon nach einem Fünftel der WM-Saison von Insidern nicht mehr als Regentschaftskandidat gehandelt zu werden.Zudem Doug Lampkin am Sonntag bereits die Korken knallen ließ. Denn zusammen mit den WM-Siegen des moto crossenden Onkels Arthur in den sechziger Jahren, des zu WM-Ehren getrialten Papa Martin in den Siebzigern und seinen eigenen Triumphen in den letzten Jahren vervollständigte Doug das Familien-Erfolgsregister mit dem insgesamt 100. GP-Sieg.
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Trial-WM in Hawkstone Park/GB (Archivversion)

SponsorMoto Cross statt TrialDer junge Jan Cardinaels gilt als eines der wenigen belgischen Talente im Trialsport. Dennoch hat sich der Flame offensichtlich nicht genug um die Betreuung seiner Sponsoren gekümmert. Papa Cardinaels jedenfalls gehört als Besitzer des größten europäischen Heizkörperherstellers Radson seit Saisonbeginn zu den Hauptsponsoren der 250er Moto Cross-WM.Ahvala in die USAEntwicklungshelfer Nach dem achten WM-Platz im letzten Jahr auf einer Montesa des französischen Importeurs wanderte der Trial-Weltmeister des Jahres 1992, Tommi Ahvala, gewissermaßen aus. In Diensten des Gas Gas-Werks soll der Finne in den USA mit Lehrgängen, Vorführungen und Einsätzen bei der amerikanischen Meisterschaft das Interesse an dem in Amerika noch relativ unbekannten Trialsport stärken.Team Jordi TarrèsAufbauarbeiterNachdem die Pläne, sich als Seat-Werkspilot an der spanischen Automobil-Rallyemeisterschaft zu beteiligen, mangels Sponsoren endgültig scheiterten, hält Jordi Tarrès dem Trialsport die Treue. Seit drei Monaten trainiert der am Ende der letzten Saison zurückgetretene siebenfache Weltmeister ein Junior-Team mit den blutjungen Marc Freixa, Jordi Pascuet und Albert Cabestany. Die weltmeisterlichen Trainingsstunden hinterlassen bereits ihre Spuren: Die Youngster-Gruppe besetzt derzeit Platz eins bis drei der Trial-EM.Technik-FreakMiglio als TestfahrerDonato Miglio, seit einem Jahrzehnt steter Gast in den Top-ten der Trial-WM, hängt den Wettbewerbs-Helm an den Nagel. Statt dessen zeichnet der umgängliche Italiener für die Entwicklung der Beta-Trialmaschinen mitverantwortlich. Eine aufsehenerregende Neukonstruktion wurde für den Herbst in Aussicht gestellt.HeimspielWM in KiefersfeldenSelbst ein Bild von den Auswirkungen des neuen Trial-Regelwerks können sich Off Road-Fans beim deutschen Trial-WM-Lauf am 30. und 31. Mai in Kiefersfelden machen. Einen Besuch des sehr gut organisierten und vor allem mit attraktiven Natursektionen glänzenden deutschen Trial-Highlights kann MOTORRAD bedenkenlos empfehlen, zumal die Serpentinen rund um den deutsch-österreichischen Grenzübergang auch für eigene zweirädrige Unternehmungen einladen. Infos beim MTG Kiefersfelden, Telefon 08033/1240.

Trial-WM in Hawkstone Park/GB (Archivversion) - Das neue Reglement

Obwohl sich der Trialsport einen selbstauferlegten Wandel ohnegleichen auferlegt hat, bleibt der Großteil des Trial-Reglements dennoch beim alten. Will heißen: Pro Bodenberührung des Fußes gibt es einen Strafpunkt. Die Maximalzahl der so erreichten Strafpunkte ist jedoch drei, auch wenn der Fahrer beliebig oft Bodenkontakt mit dem Fuß hatte. Erreicht ein Trialist das Ende der Sektion nicht, fällt die Höchststrafpunktzahl von fünf an. Neu dagegen ist seit dieser Saison die Nonstop-Regel. Kommt das Motorrad zum Stillstand, setzt es einen Strafpunkt, auch wenn der Fuß des Fahrers dabei nicht den Boden berührt. Gleiches gilt für das sogenannte Parken und Hüpfen. Mehrere Stopps in einer Sektion werden auch mehrfach bestraft. Die Maximalzahl der Strafpunkte beträgt jedoch weiterhin drei. Fünf Punkte sind auch fällig, wenn die Maschine stillsteht und der Fahrer mit einem Fuß den Boden berührt.

Trial-WM in Hawkstone Park/GB (Archivversion) - Ergebnisse

Samstag: 1. Doug Lampkin (GB) Beta, 2. Marc Colomer (E) Montesa, 3. Graham Jarvis (GB) Scorpa, 4. Kenichi Kuroyama (J) Beta, 5. David Cobos (E) Gas Gas, 6. Steve Colley (GBM) Gas Gas, 7. Bruno Camozzi (F) Gas Gas, 8. Diego Bosis (I) Montesa, 9. Amos Bilbao (E) Gas Gas, 10. Jose Manual Alcaraz (E) Montesa...26. Carsten Stranghöner (Bielefeld) Montesa;Sonntag: 1. Lampkin, 2. Jarvis, 3. Kuroyama, 4. Colley, 5. Takahisa Fujinami (J) Montesa, 6. Colomer, 7. Camozzi, 8. Cobos, 9. Bilbao, 10. Joakim Hindren (SF) Gas Gas...26. Stranghöner;WM-Stand nach zwei von zehn Veranstaltungen: 1. Lampkin 80 Punkte, 2. Colomer 59, 3. Jarvis und Kuroyama 49, 5. Cobos 43, 6. Bilbao 38, 7. Fujinami 36, 8. Camozzi 29, 9. Marcel Justribo (E) Gas Gas 23, 10. Bosis 21.

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