Trial-WM in San Marino (Archivversion)

Guten Doug

Während Altstars wie Multi-Meister Jordi Tarrès oder Diego Bosis (großes Foto) allmählich weichen, will Doug Lampkin, jüngster Sproß einer britischen Trial-Dynastie, in diesem Jahr Weltmeister werden.

Martin Lampkin legt nachdenklich sein Kinn auf den Handballen. »Mit meinem Handicap ist´s wohl jetzt vorbei. Bis diese Geschichte hier rum ist, kämpfe ich wieder um die Platzreife«, brummelt der stämmige Mitvierziger beim Trial-WM-Lauf in San Marino vor sich hin. Und man mag´s ihm fast glauben, bis er plötzlich grinsend aus seinem Campingstuhl aufspringt: »Fuck Golf, das Motorrad muß noch gewaschen werden«. Mit dem Vorzeige-Handicap von fünf hat es Martin zwar auch in seiner Leidenschaft Golf weit gebracht, doch nicht so weit wie auf zwei Rädern. Schließlich auch kein Wunder. Seine Brüder Arthur und Alan tuckerten schon in den sechziger Jahren im Gleichgewichts-Metier von Sieg zu Sieg, fast logisch, daß sich Nesthäkchen Martin erst recht beweisen mußte: 1973 turnte er auf den EM-Thron, zwei Jahre später gewann er die WM. 1983 war dann Schluß mit allem. Erst ein Pub, dann ein Restaurant, schließlich ein einträglicher Zeitschriften-Laden und vor allem der besagte weiße Ball im grünen Hügelland hielten Martin auf Trab und fern vom Zweirad. Getrialt wird dennoch. Vier Neffen von Martin Lampkin tänzeln heute über die Steine, ein fünfter importiert die italienischen Beta und berufen fühlte sich auch der persönliche Nachwuchs - Harry und Doug. Ach ja, Doug. »Daddy war eigentlich nicht begeistert von meinen Trial-Ambitionen«, erinnert sich der mit 21 Jahren ältere der beiden Sprößlinge, »doch Mutter unterstützte mich. Sie war es auch, die mich mit neun Jahren aufs erste Trial chauffierte. Dad hatte wegen seiner Kneipe ohnehin nie Zeit.«Was den talentierten Dreikäsehoch nicht vom Erfolg abhielt. Am Abend stellte Klein-Dougie seinem Herrn Papa den ersten Siegerpokal auf den Tresen. Nach dem Europameister-Titel 1993 von Doug geschah´s dann: Senior Lampkin verkaufte seinen Zeitungs-Shop, stellte die Golfschläger in die Ecke und lebte fortan nur für eins - Dougie zum WM-Titel zu verhelfen.Schon im letzten Jahr hätte es klappen können, hätte sich der nunmehr mit einem Werksvertrag von Beta ausgerüstete Junior nicht beim belgischen WM-Lauf das Handgelenk gebrochen. An Dougs Stelle stieß der Spanier Marc Colomer den siebenfachen Weltmeister Jordi Tarrès vom Thron. Vergangenen Winter aber knallte Doug Lampkins Warnschuß - Gesamtsieg beim Hallentrial-Weltcup vor Colomer. Und auch in der ´97er Freiluft-Saison lief´s bislang planmäßig. Mit immerhin 21 Punkten Vorsprung im WM-Zwischenklassement ließ sich´s im Fahrerlager der Moto Cross-WM-Piste von San Marino, das für die Trialisten als Basis-Camp diente, beruhigt leben. Selbst wenn die zahlenmäßige Übermacht der in das Montesa-Rot des Weltmeisters Colomer gehüllten spanischen Wasserträger dem Briten durchaus hätte Angst einflößen können. WM-Erfolge im Trial, das auf der iberischen Halbinsel hinter dem Straßen-Rennsport unangefochten an zweiter Stelle rangiert, werden in der Hochburg der Trialisten eben entsprechend generös von Sponsoren unterstützt. Doch nur am ersten Tag der vierten WM-Runde in San Mariono schien diese Masse auch die Klasse des 22jährigen Spaniers aus dem Pyrenäen-Städtchen Olot zu beflügeln. Colomer siegte am Samstag, Dougie drehte am Sonntag den Spieß wieder um - die WM-Rangliste war wieder in Ordnung. Alles andere als in Ordnung findet die Hackordnung derzeit der siebenfache Weltmeister Jordi Tarrès. Mit gerade mal 30 Jahren droht der Ikone des Trialsports die Abschiebung aufs Altenteil. Trotz grenzenlosen Engagements und Trainingsfleißes mühte sich der Grandseigneur auch in den Schluchten des Zwergstaats San Marino fast vergebens. Rang elf und sieben nähren die Gerüchte um einen Rücktritt des Über-Champions am Saisonende kräftig. Der Katalane aus der Nähe von Barcelona wird dennoch nie mehr arbeiten müssen - im Gegensatz zu nicht-spanischen Top-Fahrern wie etwa Diego Bosis. Mit einem geschätzten Jahreseinkommen von mehr als einer Million Mark darf sich Ausnahmekönner Tarrès auf eine fröhliche Frührente freuen.Was möglicherweise auch den exorbitanten sportlichen Ehrgeiz von Dougie Lampkin erklärt. Denn der verdingte sich zwischen Schule und Profi-Dasein ein halbes Jahr lang als Arbeiter im Straßenbau - und dahin, so sagt er, möchte er nie wieder.
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Trial-WM (Archivversion) - Punkt für Punkt - neue Trial-Regeln

Die Grundregeln im Trial sind seit jeher weitgehend unangetastet geblieben: Eine Bodenberührung ergibt einen Fehlerpunkt, deren zwei eben zwei, drei oder mehr kosten drei Strafpunkte, und das Scheitern in einer Sektion wird mit fünf Zählern geahndet. Dennoch folgt das Reglement in Details der Weiterentwicklung dieses Sports - auch 1997.Statt drei Runden mit jeweils 14 Sektionen auf Samstag (eine Runde) und Sonntag (zwei Runden) zu verteilen, werden in diesem Jahr zwei Fahrtage à zwei Runden bestritten. Das Ergebnis jedes Fahrtags zählt als vollwertiger WM-Lauf, das heißt, es werden nun doppelt so viele WM-Punkte wie bisher vergeben.Das Zurückrollen der Maschine mit aufgesetztem Fuß wurde bisher mit fünf Zählern bestraft, jetzt kostet dieser Fehler nur einen Strafpunkt.Auch neu: Um einen zügigeren Ablauf zu garantieren, wurde das Zeitlimit von drei auf zwei Minuten je Sektion herabgesetzt.

Trial-WM (Archivversion)

Ergebnisse1. Tag1. Marc Colomer (E) Montesa, 2. Doug Lampkin (GB) Beta, 3. Kenichi Kuroyama (J) Beta, 4. Takahisa Fujinami (J) Honda, 5. David Cobos (E) Gas Gas, 6. Diego Bosis (I) Montesa, 7. Amos Bilbao (E) Gas Gas, 8. Bruno Camozzi (F) Gas Gas, 9. Steve Colley (GB) Gas Gas, 10. Tommi Ahvala (SF) Montesa...21. Andreas Lettenbichler (Kiefersfelden) Beta;2. Tag1. Lampkin, 2. Colomer, 3. Fujinami, 4. Kuroyama, 5. Colley, 6. Ahvala, 7. Jordi Tarrès (E) Gas Gas, 8. Joan Pons (E) Gas Gas, 9. Camozzi, 10. Marcel Justribo (E) Gas Gas...24. Lettenbichler;WM-Stand nach vier von zehn Veranstaltungen: 1. Lampkin 152 Punkte, 2. Colomer 131, 3. Kuroyama 107, 4. Fujinami 94, 5. Tarrès 79.Deutscher Trial-WM-Lauf: Am 6. und 7. September in Thalheim bei Chemnitz. Infos beim ADAC Sachsen, Telefon 03 51/4 47 88 27.

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