Trophée Andros in Frankreich (Archivversion) Eiskalt

Eisschnellauf mal anders. Wenn in Frankreichs Wintersport-Metropolen die wilden Jungs der Trophée Andros einfallen, bleiben Carver und Boards in der Ecke stehen – ganz bestimmt.

Dernier appel. Au départ, s´il vous plait », Letzter Aufruf. Zum Start, bitte» krächzt es eindringlich aus den Lautsprechern. Doch die dichte Traube der Fahrer rund um den Heizstrahler mitten im Vorzelt des Organisations-Trucks löst sich nur schleppend auf. Warme Füße und Hände sind draußen auf dem Eis viel viel wichtiger als alle Tuning-Teile dieser Welt. Das weiß auch David Baffeleuf. Der 29-Jährige schiebt als Allerletzter seine Husqvarna aus dem kaum 60 Quadratmeter großen Winterquartier, das für ihn und seine 30 Kollegen als zwar wohltemperiertes, aber drangvoll enges Fahrerlager dient. Wenige Minuten später stehen David und Co. hinter der Startanlage. Wer gewinnt, ist ohnehin klar: Ice Man. Seit zwei Jahren schon beherrscht der junge Mann aus Clermont-Ferrand uneingeschränkt die Szene. Wenn der Herbst geht, kommt David – und mit ihm die Trophée Andros. Benannt nach dem Hauptsponsor, einem französischen Fruchtsaft-Abfüller, funktioniert das Konzept der ursprünglich nur für Rallyeautos konzipierten, winterlichen Rennserie seit Jahren genauso einfach wie perfekt. Wenn Hunderttausende von Wintersportlern ohnehin die Alpen stürmen, suchen sich die zwei- und vierrädrigen Eisrenner einen möglichst großen Parkplatz, besprühen das Terrain tage- und nächtelang mit Wasser, und fertig ist der Eis-Parcours – publikums- und publicityträchtig mitten in den Zentren des Wintersports wie Grenoble, Briancon oder Alpe d´Huez. Holiday on Ice – nur etwas lauter. Während die dick vermummten Zuschauer sich mit Glühwein und heißen Crêpes auf Temperatur bringen, brauchen David und Kollegenschar einen kühlen Kopf. Denn Gefangene gibt es keine, wenn die 30-köpfige Meute auf ihren 250er-Zweitaktern beziehungsweise 400er-Viertaktern in die erste Kurve sticht. Selbst die Spikes-bewehrten Reifen sorgen nicht für den eigentlich dringend gebotenen Respektabstand. Gewöhnliche Moto Cross-Reifen bieten nämlich nur die Basis für die Eiskratzer. Traktion wie auf hochsommerlichen Moto Cross-Pisten schafft erst die Aktion Igel. 248 Metallstifte zieren das Vorderrad, 274 den hinteren Pneu – wer immer das auch jemals nachzählen mag. Über deren Länge entscheiden Fahrstil, die Härte des Eises und – vor allem – der Glaube an die richtige Entscheidung. Mit stolzen 1000 Mark pro Satz belasten die Pneus zudem das Wintersport-Budget gehörig. Alternativen gibt´s keine, denn Reifenhersteller Michelin hat das Monopol inne – auch wenn, Gerüchten zufolge, die Spikes erst in den Stollen haften, seit sie beim schwedischen Konkurrenten Trelleborg fixiert werden. Insofern nimmt´s auch kein Wunder, dass liederliche Veranstalter von den Fahrern subito an die Kandarre genommen werden. Wenn das Eis stabil bleibt, reicht ein Satz für den kompletten Winter. Ist die Eisschicht zu dünn, und die Reifen schrabben sich bis auf den Asphalt durch, sind die Spikes nach einem Wochenende beim Teufel. Gerade der pekuniäre Aspekt aber verhindert auch, dass, abgesehen von David Baffeleuf, der als Vierter der französischen Super Moto-Meisterschaft noch präsentable Meriten vorweisen kann, sich die mit GP-Größen gesegnete französische Motorradsport-Szene zu kurzweiligen zweirädrigen Winterspielen trifft. Bei Start- und Preisgeldern knausern die Veranstalter trotz gut fünfstelliger Besucherzahlen nämlich derart, dass sich GP-Stars wie Olivier Jaque oder Moto Cross-Größen vom Schlage Vuillemin und Bolley bei gerade mal 6000 Mark für den Gesamtsieg in der siebenteiligen Serie höchstens mal für einen PR-Auftritt breitschlagen lassen. Was für die Fans aber auch sein Gutes hat. Hinter David tummelt sich neben lupenreinen Amateuren nämlich eine Truppe schillernder Figuren. Ob Ski-Abfahrts-Weltcup-Sieger Luc Alphand, Christophe Roblin, der Stuntman für Hollywood-Macho Jean Claude van Damme oder der Sieger der 24 Stunden von Le Mans 1998, Thierry Paillot: zu bestaunen gibt´s im – wie erwähnt äußerst übersichtlichen – Fahrerlager immer irgendwas oder irgendwen. David Baffeleuf als Sieger sowieso.

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