TT Isle of Man 1996: Reportage (Archivversion) Liebe Mama

Du mußt Dir keine Sorgen um mich machen. Mir geht’s auf der Isle of Man echt prima, ehrlich. Ich habe ‘ne neue Frisur und lerne viele nette Menschen kennen. Deine zukünftige Schwiegertochter ist auch dabei.

Also, diese Isle of Man ist schon richtig weit von Deutschland weg. Um da hinzukommen, mußte ich zweimal aufs Schiff. Nicht auf so’n kleines Ding, wie unsere Nachbarn es im Bodensee dümpeln lassen. Nein, nein. So mit eigenem Zimmer und so. Und Unterhaltung. Ich mußte meine Kajüte mit einem netten indischen Geschäftsmann teilen. Der hat geschnarcht. Und sich gewundert, wo all diese deutschen Motorradfahrer hinfahren. Hab’ versucht, ihm das zu erklären. Der konnte das nicht verstehen. Fährt eben kein Motorrad, der Mann. Dabei ist das doch ganz logisch: Heißt ja schließlich Tourist Trophy, die Veranstaltung.Also, das mit dem Schiff war ganz toll, wie im Hotel. Mit großem Büfett (fast wie beim Captain’s Dinner auf dem »Traumschiff«), wo manche Passagiere reingehauen haben, als hätten sie wochenlang nichts gegessen. Ist im Preis inbegriffen. Tja, und nachdem ich dann quer durch England gebrummt war, mußte ich in Liverpool noch mal aufs Schiff. Da gab es auch was zu spachteln, allerdings mußte man dafür löhnen: Hähnchen mit Curryreis. Scheint vielen nicht geschmeckt zu haben. Den Möwen dafür um so mehr. Gleich nach der Ankunft bin ich von freundlichen Manxmen - so heißen die Einheimischen - begrüßt worden. Ob Du’s glaubst oder nicht: Die stehen da an einer Kneipe in Douglas rum. Wie angewachsen. Kein Mensch weiß, warum die da warten. Bushy’s heißt das Etablissement. Und alle begrüßen die Neuankömmlinge. Meinen Namen haben die allerdings verwechselt. Die riefen mich nämlich »Willi, Willi« oder so ähnlich.Tja, Mama, das mit dem Zelten war nichts. Hier regnet es öfters. Mußte in ein teures Hotel umziehen. War nichts anderes mehr frei. 50 000 Motorradfahrer tummeln sich auf dieser kleinen Insel. Kein Krawall, nur tolle Stimmung. Hab’ so was noch nie erlebt. Obwohl ganz viele Deutsche da sind. Deutsch ist hier zweite Landessprache. So ganz stimmt das nicht, denn die meisten sprechen einen komischen Dialekt, Schwäbisch heißt der, glaube ich.Warum so viele Deutsche zur T.T. kommen, kann sich hier niemand erklären. Deutsche Rennfahrer gibt’s auf der Man nämlich nicht so viele. Fast alle kommen aus England oder Irland. Kennen sich besser aus mit der Rennstrecke, die eigentlich keine ist. Sind nämlich normale Straßen. Richtig schnell sind die Typen unterwegs, ziemlich gefährliche Sache. Aber nicht für mich, keine Angst, Mama. Ich fahre ganz vorsichtig. Nur bei der Sache mit dem Frisör hab’ ich nicht aufgepaßt. Weiß jetzt aber, was ein T.T.-Special ist. Dafür falle ich jetzt so richtig auf und lerne viele nette Leute kennen.Zum Beispiel einen Typ aus Soest, das soll irgendwo in Westfalen liegen. Axel heißt er. Ist schon zum 20. Mal auf der Insel. Hat mir erklärt, daß hier alles heiliger Boden ist. Und daß er mit der Rennlegende Mike Hailwood hier Mitte der 70er schon um die Wette gebrummt ist mit seiner Königswellen-Ducati. Hat mir tolle Kneipen gezeigt. Und Kulturdenkmäler. Glaub’ bloß nicht, ich würde nur in Pubs rumhängen.Geht eh gar nicht, weil die Punkt 23 Uhr dichtmachen. Nichts läuft mehr. Außer man ist Profi, so wie Axel. Die Wirte sind nämlich faire Leute. Bimmeln kurz vor elf. Dann rennt Axel los und ordert noch mal einige von diesen prima dunklen Bieren auf Vorrat. Aber um kurz nach halb zwölf ist im Pub wirklich Feierabend. Langt auch, denn wenn man was vom Renntraining mitbekommen will, muß man hier früh aus der kratzigen Wolldecke krabbeln: Training beginnt pünktlich um Viertel nach Fünf. Mitten in der Nacht.Wer zu spät kommt, den winken die Streckenposten und die Polizei von der Strecke. Überhaupt, die Polizei. Auch freundliche Typen – eigentlich. Hier auf der Insel gibt’s kein Tempolimit, so wie in Deutschland. Aber in Ortschaften darf man auch nicht schneller fahren. Wissen viele Motorradfahrer anscheinend nicht. Da stehen dann viele Polizisten in leuchtend gelben Warnwesten am Straßenrand herum und zielen auf einen mit ‘nem Ding, das aussieht wie eine Pistole. Ist aber ein Radargerät. Wenn man zu schnell ist, kostet das richtig viel Geld. Aber es kommt noch schlimmer: Wer öfters zu schnell ist oder vor dieser komischen Kneipe auf dem Hinterrad rumfährt, den schicken sie entweder ins Gefängnis oder gleich auf die nächste Fähre Richtung England.Ich hab’ das auch nicht gewußt. Deshalb haben sie mir mein Motorrad weggenommen. Einfach so. Konnte es mir am nächsten Tag wieder abholen. Aber erst, nachdem ich tüchtig Cash abgedrückt hatte. Gehe jetzt nicht mehr lecker beim Inder essen. Bin auf Fisch und fettige Pommes umgestiegen, die hier Chips heißen. Mußte den Polizisten versprechen, daß ich so was nie wieder mache. Sonst ab auf die Fähre. Nehme mich zusammen, versprochen. Auch am »Mad Sunday«. So heißt auf der Isle of Man der Tag, an dem jeder mal auf die Rennstrecke darf – jedenfalls einem Teil davon. So schnell man will, ohne Gegenverkehr. Bis extra früh aufgestanden und hab’ in Ramsey gewartet, bis sie die Strecke öffnen. Hatte das komische Gefühl, daß jeder, der auf der Insel ein Fahrzeug besitzt, an diesem Tag über die Strecke gurkt. Sogar mit Reisebussen. Mache ich nie wieder. Bin dann lieber zurück nach Douglas gefahren. Da feiern die Einheimischen so eine Art Karneval, Streetparty nennen die das. Tolle Sache. Allerdings pflegen die Briten komische Bräuche: Die Jungs ziehen sich Hauben aus dünnem Gummi (gibt’s auf dem Männerklo) über den Kopf und finden das fürchterlich lustig.Bin dann mit dem Axel noch in ein Lokal namens Summerland gegangen. Das sei ein Muß für alle T.T.-Besucher, hat er gesagt. Mama, du glaubst es nicht: Da gab’s Mädels, die sich einfach so vor allen Leuten ausgezogen haben. Hab’ natürlich weggekuckt. Danach haben sich Mädchen aus dem Publikum gemeldet. Die wurden von Jungs mit Wasserflaschen naßgespritzt. Dem Publikum hat das gut gefallen. Der Besuch in diesem Laden hat sich gelohnt. Hab’ da Deine zukünftige Schwiegertochter kennengelernt. Bin sehr glücklich. Ich werde sie Dir baldmöglichst vorstellen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote