TT Isle of Man (Archivversion) Favoriten-Sterben

In ihrer Pressemitteilung vom Freitagmorgen, 31. Mai, beschäftigte sich die Rennleitung der TT in epischer Länge mit dem Wetter und den neuen Rekordzeiten von Phillip McCallen. Keine Zeile über die Tragödie, die sich am frühen Morgen auf dem Mountain-Course abgespielt hatte: Die Top-Favoriten Mick Lofthouse und Robert Holden waren kurz hintereinander tödlich verunglückt (siehe Kasten Seite 205). Holdens Teamchef Steve Wynne erklärte daraufhin seinen sofortigen Rückzug aus dem Renngeschäft. Für die Rennleitung waren die Unfälle kein Grund, die Trainingssitzung abzubrechen. Nicht bei der TT, dem gefährlichsten Motorradrennen der Welt. »Wir veranstalten ein Motorradrennen auf einem Straßenkurs. Die Teilnehmer fahren hier zu ihrem persönlichen Vergnügen. Sie kennen die Gefahren«, erklärte Rennleiter Jack Wood. Tote sind beim alljährlichem Road-Race-Festival auf der Isle of Man traurige Normalität; seit 1907 starben 168 Fahrer. Kritiker forderten nach den Unfällen, endlich eine moderne permanente Rennstrecke zu bauen.Doch die Fahrer und über 50000 Zuschauer lieben den knapp 62 Kilometer langen Traditionskurs. Niemand scheint es zu stören, daß die Rennen seit 1976 den Weltmeisterschaftsstatus verloren haben und die meisten internationalen Spitzenfahrer die Strecke aus Sicherheitsgründen allerhöchstens vom Fernsehsessel aus betrachten. Auch frühere TT-Gewinner, wie Superbike-Weltmeister Carl Fogarty, lehnen Starts aufgrund von Sicherheitsbedenken inzwischen ab. Bei 50000 Pfund Startgeld wäre King Carl jedoch bereit, seine Meinung zu ändern, lautete ein hartnäckiges Gerücht.Der erfahrene Honda-Pilot Nick Jefferies: »Die TT ist der Mount Everest für Motorradrennfahrer. An ihr teilzunehmen ist das ultimative Ziel. Wenn wir nicht 100 Prozent an das Weitermachen glauben würden, sollten wir schleunigst die nächste Fähre nach England nehmen.«Doch kein Rennfahrer dachte an die vorzeitige Abreise. Vor allem für das letzte bei der TT vertretene Werksteam von Honda Britain wäre das undenkbar. Für den japanischen Hersteller hat die TT eine zu große Bedeutung, weil Honda hier 1961 mit dem Fahrer Mike Hailwood der internationale Durchbruch gelang. Nahezu jeder Top-Fahrer, der sich auf Rennen auf solchen Straßenkursen spezialisiert hat, steht folgerichtig bei Honda unter Vertrag. Allen voran die nordirische Rennlegende Joey Dunlop, ein mittlerweile in Ehren ergrauter Mittvierziger, der schon zu Beginn der diesjährigen Rennwoche 19 TT-Siege aufweisen konnte. Er ist der Liebling der Fans und genießt bei seinem Sponsor Honda Narrenfreiheit: Bei der hochoffiziellen Teamvorstellung fehlte Joey unentschuldigt. Während Jungstar Phillip McCallen, 32, artig in die Kameras lächelte, schraubte Dunlop lieber persönlich an seinen Rennmaschinen. Er ist sein eigener Chefmechaniker, kennt die Tücken des materialmordenden und ungeheuer schnellen Straßenkurses wie kein anderer.Dunlop erreicht mit seiner Honda RC 45 bei der TT Höchstgeschwindigkeiten von über 300 km/h, sein Schnitt liegt nahe der 200er Marke. Auf topfebenen Rennstrecken mit ausladenden Sturzräumen kein Problem, aber auf dem Mountain-Course ist alles anders: wechselnder Straßenbelag, unzählige wellige Passagen, Bäume, Hausecken, Telefonhäuschen, uneinsehbare Kurven – und keine Sturzräume. »Wir Fahrer fürchten am meisten die Materialfehler«, erklärte Dunlop. Bei der TT kann jeder Fahrfehler oder jeder technische Defekt tödliche Folgen für den Piloten haben. Dunlop überstand seine TT-Rennen bislang ohne ernsthafte Stürze. Das liegt sicherlich auch an seiner großen Erfahrung – und am nötigen Respekt. Für manche Zuschauer mag sein Fahrstil deshalb unspektakulär wirken: kein wilden Slides in den Kurven, kein Bremsen auf allerletzter Rille. Das überläßt er lieber seinem Landsmann und Teamkollegen Phillip McCallen, von den Fans nicht umsonst »Mad Mac« getauft. McCallen war es denn auch, der mit seinem waghalsigen Fahrstil die Rennwoche dominieren sollte. Bereits vor dem Auftaktrennen, dem Formula One, hatte er vollmundig erklärt: »Ich will alle fünf Rennen, bei denen ich gemeldet habe, gewinnen.« Vom Tod seines Hauptkonkurrenten Robert Holden äußerlich unbeeindruckt, übernahm McCallen bereits in Runde eins die Führung. Ausgerechnet der erfahrene Dunlop patzte: Er tauchte nach der ersten Runde bei seiner Box auf und überraschte mit dieser neuen Boxenstrategie nicht nur die Zuschauer, sondern auch sein Team. Wegen feuchter Stellen auf dem Kurs war er, wie die meisten seiner Kollegen, auf Regenreifen ins Rennen gegangen. Da die Strecke aber zunehmend abtrocknete und Dunlop zudem im Glauben war, der Intermediate sei bereits am Ende, verlangte er eiligst einen Slick. Der jedoch schlummerte noch im Reifenwärmer im Renntransporter – gut 200 Meter von der Box entfernt. Dunlop brauste unverrichteter Dinge auf die Strecke zurück und hatte sich knapp eine Minute Rückstand eingehandelt. Der Traum vom 20. TT-Sieg war für ihn vorbei – vorläufig zumindest. Währenddessen stürmte McCallen zu seinem zweiten Formula One-Sieg in Folge. Selbst massive Probleme mit der Zündung seiner RC 45 ab Runde vier konnten ihn nicht daran hindern.Wegen Regens und dichten Nebels in den Bergen verschoben die Veranstalter das Lightweigth-Rennen von Montag auf Dienstag. Das schien Dunlop aber nicht zu beunruhigen. Die 250er sind seine ganz persönliche Königsklasse. Nach Runde eins sah zunächst alles nach einem Zweikampf zwischen Dunlop und seinem designierten Thronfolger aus. Doch dann parkte Ian Lougher die Honda von McCallen beim Boxenstopp zu. McCallen verlor entscheidende Zeit. Wenig später brach zu allem Rennpech auch noch ein Endschalldämpfer seiner RC 250 weg. Er mußte sich mit Platz vier zufrieden geben.So kam es schließlich zum Happy-End für Dunlop. Seinen historischen Sieg feierte er, wie sich das für einen hauptberuflichen nordirischen Pubinhaber gehört: mit einem Pint besten Bitters im Pressezentrum. »Was sich in 21 Jahren TT für mich geändert hat? Der Druck ist weg. Die Leute erwarten nichts mehr von mir, wollen mich nur noch fahren sehen. Es spielt keine Rolle, ob ich als 15. oder als Sieger ankomme«, erklärte Dunlop überglücklich und dementierte alle Rücktrittgerüchte.Am Mittwoch holte er sich auf der 125er gleich noch Sieg Nummer 21. Abermals mit Verspätung. Wegen erneuter Regenfälle und Nebelbänken in den Bergpassagen verzögerte sich der Start zur Ultra Lightweight TT bis in den späten Nachmittag. Statt den Renntag komplett auf Donnerstag zu verschieben, fällte die Rennleitung eine vieldiskutierte Entscheidung: Das Senior- und Production-Feld wurde zu einer ungezeiteten Trainingsrunde auf die Strecke geschickt. Danach starteten die 125er und die Singles in ein auf zwei Runden verkürztes Sprintrennen, in dem sich Johannes Kehrer auf einer MuZ einen hervorragend vierten Platz erkämpfte. »In den Bergen herrschten teilweise Sichtweiten von nur 30 Metern«, sagte der Deutsche nach dem Rennen.Kehrer denkt nach seinem größten TT-Erfolg über den Rücktritt nach. Solche Gedanken hegt Dunlops Kronprinz McCallen sicher noch lange nicht. Neben der Junior TT gewann er auch die zwei abschließenden Rennen am Freitag: Die Production TT der schweren Serienbikes mit bis zu 1010 Kubik und die Senior TT mit seiner 750er. Damit schaffte er ein Kunststück, das selbst Dunlop noch nie gelungen ist: vier TT-Siege in einer Woche.

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