Türkische Motorradfahrer (Archivversion)

Seit vier bis fünf Jahren nimmt sie rasant zu, die Zahl türkischstämmiger Motorradfahrer in Deutschland. Und viele stehen auf supersportliche Maschinen. Oguz Aydin ist 37, hat vor Kurzem angefangen, Rennen zu fahren. Zu spät, um richtig erfolgreich zu sein. Deshalb soll Sohn Ferdi auf jeden Fall früher einsteigen.

Mein Sohn ist jetzt eineinhalb Jahre alt, wenn alles gut geht, will ich den vorbereiten auf die Weltmeisterschaft«, lacht Oguz Aydin und zeigt auf das gelbe Pocketbike in einer Ecke seiner Velberter Reifen- und Autowerkstatt. »Deshalb bin ich auch in den R6-Cup reingegangen.« Mit dem rot-weißen Renner, der erst seit zwei Monaten zur Familie gehört, sozusagen, ist Oguz zuletzt in Oschersleben 35. geworden. 41 sind gestartet, sechs ausgefallen. Keine schlechte Platzierung für jemanden, der erst seit sieben Jahren Motorrad fährt und knapp 40000 Kilometer runtergerissen hat. Die meisten davon auf einer taubenblauen RF 600, die nunmehr neben der R6 in der Halle steht, verstaubt. Die aber auch schon mal bei einem Sprintrennen auf dem Lausitzring vorbeigeschaut hat, dritte Startreihe nach dem Training, »obwohl ich noch ’n Zähnchen zulegen konnte«.

Oguz Aydin: 1969 in einer kleinen anatolischen Stadt nahe der russischen Grenze geboren, als Dreijähriger mit den Eltern nach Deutschland gekommen, Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungsbauer, Umschulung, Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft. Und für den Beitritt der Türkei in die EU? »Eigentlich schon. Europäer leben gut, da können wir uns nach richten. Doch zu Europa zu gehören ist eine Herausforderung wie beim Motorradfahren. Wir wollen alles – und das am besten gleich. Die Mentalität steckt so drin bei uns Türken: Die jungen Leute holen sich ein Motorrad mit 170 oder 180 PS, setzen sich drauf und fahren. Normale Menschen würden sagen: eh, Moment mal, klein anfangen, erst mal eine 125er, dann schrittweise erhöhen. Mit den Rennen ist das genauso. Hab’ die vorher nur im Fern­sehen gesehen und dann entschieden: Komm, das machst du auch!«

Eine Bitte hat Oguz noch: »Wäre schön, wenn du ein Bild von meinem Sohn auf dem Motorrad machst.« Ferdi entpuppt sich als echter Wonneproppen. Braune Kulleraugen, Goldkettchen am rechten Hand-gelenk, gelb-blaues Shirt, passend zum Pocketbike. Hinter dessen Vollverkleidung er sich dann irgendwie routiniert versteckt.
Ein Konkurrent Ferdis um zukünftigen Lorbeer auf zwei Rädern könnte Cem werden. Er ist vier und der jüngste Spross von Agrali »Ossi« Osman, 33, aus Duisburg-Bruckhausen. Zum ersten Mal klettert er vom Bobby Car auf die Sitzbank von Papas schwarz-gelber GSX-R 750. Daneben parkt ein weißer Astra, dessen Scheiben für einen Türkeibesuch in verwandtschaftlicher Teamarbeit schwarz abgeklebt werden. Nicht wegen der Show, sondern damit die Kinder etwas Schutz vor der Sonne haben. Ossi, in Duisburg geborener Türke der sogenannten zweiten Zuwanderer-Generation, ist ein typischer Deutschländer: »Wenn ich zum Urlaub in die Türkei fahre, komme ich mir da, ehrlich gesagt, wie ein Ausländer vor. Hier fühl’ ich mich wohler. Zurückgehen – das wäre nix.«

Zu Hause bei den Osmans sind Elemente deutscher Leitkultur unübersehbar. Eine König-Pilsener-Lampe am Eingang des backsteinroten Zechenhäuschens, der Garten umfriedet von manns­hohem Holzzaun aus dem Baumarkt und wohnlich eingerichtet mit Hollywoodschaukel sowie frisch gesätem, noch etwas schütterem Rasen. 50 Meter weiter sitzen auf einer schattigen Bank zwei Türkinnen mit Kopftuch.

Ossis Lieblingsziele für Ausflüge mit der Suzuki sind der Motorradtreff Kaiserberg, das Sauerland, vor allem aber die Eifel mit der Nordschleife. »Bin selber noch nie da draufgewesen, weil wir meistens am Wochenende hinfahren, und da trau’ ich mich nicht so.« Ganz schön mutig, das offen zuzugeben. Keine Angst dagegen vorm Kreißsaal: »Na klar war ich bei der Geburt meiner beiden Kinder dabei, das musste sein.« Tuba, Ossis Frau: »Samstags ist immer Familientag, sonntags fährt er so um 10 Uhr mit dem Motorrad los und kommt dann irgendwann wieder. Ich habe das lieber, wenn er zwischendurch mal anruft und sagt, dass alles okay ist.« Eine allzu begeisterte Sozia ist sie nicht, kriegt immer Muskelkater vom Festkrallen.

Mittwoch, 13.30 Uhr, Zeit für Ossi, CNC-Maschinenführer, zur Mittagsschicht zu fahren. Ein paar Abschiedstränchen von Cem, der gerade aus dem Kindergarten gekommen ist, während Burak, sein Bruder, noch in der Schule schwitzt. Dann die GSX-R gestartet und los. »2003 war ich der Einzige unter den Arbeitskollegen, der den Motorradführerschein hatte. Jetzt sind wir so 12 bis 15 Mann. Sonntags am Kaiserberg gucken die Leute immer und denken: ah, noch ein türkischer Motorradfahrer. Und das werden von Woche zu Woche mehr.«

»Enn, A, Richard, Inge, Nordpol, Cäsar – Narinc.« Die letzten vier Buchstaben seines Namens diktiert Sahin Narinc unter routinierter Nutzung des deutschen Fliegeralphabets. Der aus Südostanatolien, der alten Stadt Kahramanmaras stammende Sahin ist 39 Jahre, fährt Honda CBR 1000, lebt als Musiker in Hamburg und ist Boss der 2003 von ihm gegründeten »Türkisch Sultans«. Auf der Website des Motorradvereins (turkischsultans.com) – kein MC, sondern ein eingetragener Verein (e.V.), dessen Erlöse aus Wohltätigkeitsabenden an Obdachlose oder die Opfer von Naturkatastrophen gehen – heißt es unter dem Slogan New Young Turkisch Generation: »Das Einzige, was man machen muss, ist den Gefühlen zum Motorrad, die man im Körper gefangen hält, freien Lauf zu lassen; dann kann man schöne und lustige Tage seines Lebens mit uns teilen. Egal, wer du bist, egal, woher du kommst, du bist herzlich willkommen.«

Und es sind wirklich unterhaltsame Tage, als sich die Sultans bei Bad Lauterberg im Harz zu ihrem Jahrestreffen einfinden, auf dem Campingpark Wiesenbeker Teich. Sie reisen aus ganz Deutschland an, viele aus Hamburg, Berlin oder dem Ruhrpott, die meisten ziemlich flott. Es dominiert japanische Supersportware mit 600 oder 1000 Kubik, abgerundet durch eine 1000er-MV sowie eine fast jungfräuliche, kürzlich erst erworbene Ducati 1098. Passend dazu Protektorenkombis. Manches Leder kaum getragen, anderes schon recht ramponiert. Wie das von Issy, auf dessen zerschrammten Rücken groß Allah korosun, Allah möge ihn beschützen, zu lesen ist.

Auch wenn Muslime keinen Schutzengel kennen – Hale Melek muss unlängst einen gehabt haben, als sie bei 290 km/h einen Abflug machte. Als Issys Sozia, in Jeans und Langarmshirt, weil man eigentlich ja nur kurz zum Fußball wollte. Durch eine Bodenwelle aus der Kauerhaltung abrupt hochkatapultiert, konnte sie sich nicht schnell genug wieder abducken, saß plötzlich voll im Orkan und wurde vom Motorrad gepustet.

Abends wirbelt sie selbstverloren über die Tanzfläche des Saals auf dem Campingplatz, als bestünden die Knochen aus Gummi; oder aus Mondenschein, so die Übersetzung von Hale. Dumm nur, wenn Fotos solch harmlosen Vergnügens völlig falsch interpretiert werden.
Zwischen Zeltaufbau und Wasserpfeife, Tretbootrennen und dem Organisieren einer Bauchtänzerin für Samstagabend – der Teutone präferiert bei solchen Treffs ja eher Stripperinnen – findet Sahin ein wenig Zeit zum Plaudern.
»Jeder sagt zu uns immer: Oh, ihr seid Türken. Wir wussten nie, dass die Motorrad fahren. Sinn der Sache, dass wir den Verein gegründet haben, war auch: Jeder soll sehen, dass wir fahren können, dass wir nicht zweiter, dritter Klasse sind. Wir leben hier zusammen. Und die sollen sich nicht wundern, wenn schwarzhaarige, dunkelhäutige Menschen den Helm abnehmen. Das ist doch ganz normal.« Klar auch, dass sie alle stolz sind auf ihren Kenan – Kenan Sofuoglu, neuer Weltmeister der Supersportklasse. Zu dessen Unterstützung man gern nach Assen pilgert.
Bereits zweimal ist Sahin, der übrigens, anders als viele seiner »Jungs« im Verein, keinen deutschen Pass hat, mit der Fire-blade in die Türkei gedüst. 10000 Kilometer kommen bei so einem Trip locker zusammen. Schmerzlich bedauert er, dass Motorräder im türkischen Verkehr weniger Rechte haben als Autos, nicht schneller als 70 km/h fahren dürfen und wie Mofas behandelt werden. »Wenn wir normal fahren, hupen alle gleich: Ey, geh mal zur Seite. Sind wir gar nicht gewöhnt. Ist sehr wichtig, dass sich das ändert. In den nächsten Jahren wird das schon passieren, hoffen wir.

Für den selbständigen Kieler Immobilien-Kaufmann Gülhan Türkkan, 34, begann der Spaß auf zwei Rädern mit sieben Jahren bei Onkel und Groß-eltern nahe der syrischen Grenze. Dort prägte eine »Renngruppe« fürs Leben. »Aufgeteilt in zwei Teams à zwölf Mann, na ja, Kinder, wovon pro Nase 100 Lira eingezahlt wurden, fuhren die jeweils schnellsten Mopedpiloten beider Teams gegeneinander. Der Gewinner kassierte den Einsatz und machte sich einen schönen Tag.« Schock beim Umzug nach Deutschland, wo die Mofas nicht wie gewohnt 80 bis 100 liefen, sondern nur lachhafte 25. Mit 18 dann die erste große Maschine. »Eine CX, sollte 27 PS haben, der Motor war aber immer auf. Güllepumpe als Rennumbau«, grinst Gülhan. Danach ging’s aufwärts. Bis zur GSX-R 1000, die, wenn’s pressiert, sogar als Geschäftsfahrzeug fungiert.
Beten Türken unterwegs? Fünf Mal am Tag müssen Strenggläubige das doch tun, oder? »Da wird so viel übertrieben in Deutschland, glaube ich. Es gibt sicher Freunde von uns, die dann auch beten. Von der Gruppe hier im Harz aber wohl keiner.« Und was ist mit Fasten und Motorradfahren während des Ramadan? »Sobald ich kann, faste ich natürlich. Bei mir ist das aber sehr schwierig, weil ich viel mit dem Kopf arbeite. Beim Fasten werde ich unkonzentriert, aggressiv und unruhig im Gespräch. Wenn man über 100 Kilometer fährt am Tag, muss man nicht beten, braucht keinen Ramadan zu machen, weil das anstrengend ist«, erklärt Gülhan ganz pragmatisch. Weil das Sein eben doch das Bewusstsein bestimmt.

Auf 53000 Kilometer hat es Ganzjahresfahrerin Öznur Naz, 32, Dipl.-Pädagogin aus Köln, mit ihrer Virago XV 535 gebracht. Beim Paritätischen Wohlfahrtsverband angestellt, unterstützt Öznur Selbsthilfe-Gruppen. »Kölsches Blut« steht auf ihrem T-Shirt; es hätte auch eine Lederjacke mit »Polizei« sein können. Der Berufswunsch hat sich zwar zerschlagen, jedoch die für den Staatsdienst nötige Einbürgerung zur Folge gehabt. Den Motorradführerschein hat Öznur heimlich gemacht, ihn den Eltern – klassischen Gastarbeitern, die zunächst zu Ford, dann zu Bayer gegangen sind – erst nach der Prüfung gezeigt. Die Virago finden Mutter und Vater inzwischen sogar ganz schön, auch wenn »die Sorge bleibt.

Ressentiments gegenüber Motorradfahrerinnen hat Öznur noch nicht erlebt. »In der Szene geht man eh schon sehr freundschaftlich miteinander um. Bei Türken ist das noch anders, da gibt es mehr Respekt. Es kommt einfach auf die Geste an. Wie hier beim Treffen.« Stimmt. Hasan, zweiter Boss der Sultans, hat ihr die Zeltheringe, ganz Gentleman, mit bloßer Hand in die Erde gebohrt.

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