Tuner- und Customizer-Ärger: Ratschläge (Archivversion) Motorrad her, oder...

Wer seinen Customizer mit der Flinte zur Herausgabe des Bikes zwingen muß, hat was falsch gemacht. Ärger mit Veredlern und Tunern läßt sich vermeiden.

Wenn Werner M. geahnt hätte, welche Scherereien er sich mit der Verschönerung seiner Harley einhandeln und wieviel ihn der Spaß letztlich kosten würde, er hätte gleich die Finger davon gelassen. Angefangen hatte alles mit einem Foto einer herrlich veredelten Harley, das Werner auf einem Treffen in Hände viel. Polierter Edelstahl an allen Ecken, eine Airbrush-Lackierung vom Feinsten, lange Gabel, breiter Schlappen. »Wir verschönern auch Dein Bike« stand darunter. Klar, daß Werner nicht lange überlegte. Fragen kostet ja nichts. Auf einen unverbindlichen Anruf folgte ein kurzer Besuch im »Atelier« des »Künstlers«. Man saß bei einem Bier zusammen, fachsimpelte, war sofort per Du und besah sich Werners Heritage Softtail. Ja, hier könnte man, und das wäre toll, da noch poliert und jenes Teil angebaut. Die Ideen sprudelten nur so heraus, und langsam entstand in Werners Kopf ein Bild seiner Harley, wie er sie wohl gern hätte. Doch unser Custom-Biker ist ein vorsichtiger Mensch. Dreimal besuchte er den Veredler noch, bevor er sich mit seinem neuen Kumpel einigte. So um die 15 000 Mark sollte der Umbau kosten. Material eben, die Stunden und was sonst noch so dazukommt. Schließlich sollte das Bike dann auch nach was aussehen. So ein Werk dauert seine Zeit, und so war es für Werner zunächst kein Problem, eine Saison lang auf sein Motorrad zu verzichten. Doch nach zehn Monaten wurde er ungeduldig und rief an. »Weißt du, ich habe gerade so viel zu tun, aber es wird schon.« Drei Monate später hatte Werner immer noch keine Nachricht von der über 100 Kilometer entfernten Beauty-Farm für Motorräder. Diesmal fuhr Werner hin.»Dein Bike ist schon fast fertig«, hieß es. Beim Blick in die Werkstatt traf Werner der Schlag. Die Harley war wirklich fertig - und wie. Aus dem vereinbarten knallgelben Grundton der Airbrush-Lackierung war ein ans Stille Örtchen erinnerndes Braun geworden, die Motive der Lackierung hatte wohl die vierjährige Tochter des Malers entworfen. Was die übrigen Umbauten betraf: einfach scheußlich. Und dafür sollte er nun 15 000 Mark hinblättern? Niemals! Der gute Kumpel tat plötzlich gar nicht mehr so freundlich, schnell war er wieder beim »Sie«, ließ nicht mit sich diskutieren. Was dem Ganzen noch die Krone aufsetzte: Er verlangte gar noch mehr Geld. Schließlich hätten die Arbeiten weit länger gedauert als veranschlagt. »Sie wissen ja selbst, wie lange das Bike schon bei uns steht.« Rausrücken wollte der Veredler die Maschine natürlich auch nicht. Das war Werner dann eindeutig zuviel. Er marschierte schnurstracks zum Anwalt, der ihm allerdings wenig Hoffnung machte. Denn Werner hatte so ziemlich alles falsch gemacht. Schriftliche Vereinbarungen gab es nicht, ebensowenig wie Skizzen oder Entwürfe. Und weil es sich bei den Verschönerungen um eine künstlerische Arbeit handelt, war mit Kritik an der Gestaltung des Bikes wenig zu machen. »Anders als eine Fachwerkstatt hat der Künstler nur dafür einzustehen, daß er seine Tätigkeit kunstgerecht, also ohne Schädigung des Motorrades, entfaltet«, erklärt Rechtsanwältin Claudia Fister, Justitiarin der Motor-Presse Stuttgart. »Hier hilft nur, dem Veredler wenigstens die Vorgaben schriftlich zu machen, die er bei der Gestaltung einhalten soll.«. Je mehr von vornherein schriftlich oder als Skizze festgelegt wurde, desto besser stehen die Chancen, auch das zu bekommen, was man ursprünglich wollte - ein schönes Bike. Wer sich vor Überraschungen schützen möchte, kontrolliert ab und zu den Fortgang der Arbeiten. Ganz wichtig: besser einen Festpreis aushandeln und kein freies Honorar Und damit das Motorrad nicht erst im Jahr 2000 fertig wird: ebenfalls schriftlich einen Termin vereinbaren. Bei Terminüberschreitung sollte eine angemessene Nachfrist von zirka 14 Tagen gewährt werden. Schlechte Erfahrungen macht nicht nur mancher Kunde solch zweifelhafter Veredler. Vor solchen Enttäuschungen sind auch Motorradfahrer nicht gefeit, die ihrer Maschine gern mehr Leistung entlocken wollen. Sie vertrauen den Anzeigen einschlägiger Tuner, denen sie ihre Motoren anvertrauen. So auch Günter L.: 30 PS mehr Leistung versprach ihm ein PS-Zauberer für seine Suzi. Da sollten seine Freunde mal Augen machen, wenn sie ihm bald in die Auspuffe gucken müßten. Schneller als erwartet konnte Günter das Bike beim Tuner abholen. »Langsam einfahren«, hatten die Jungs in der Werkstatt gemahnt. So fiel dem stolzen Big Bike-Besitzer auch zunächst gar nichts auf. Bestätigten doch sogar die Eintragungen in Brief und Schein die Leistungssteigerung durch den Umbau. Als sich der Suzuki-Fahrer dann nach einigen hundert Kilometern wieder traute, kräftig am Gas zu drehen, war er reichlich enttäuscht. Statt seinen Freunden den Auspuff zu zeigen, guckte er in die Röhre und studierte Rücklichter. Der teure Test auf dem Bosch-Prüfstand ergab dann auch: Nicht 30, sondern lediglich zwölf PS hatte der Tuner aus dem Vierzylinder herausgekitzelt. Obwohl in dem TÜV-Mustergutachten 30 Mehr-PS bescheinigt wurden. Doch anders als Werner mit der mißglückten Verschönerung hat Günter gute Karten. Der Erfolg des Tunings war schließlich in einer exakten PS-Angabe schriftlich festgelegt. Außerdem war das Bike längst wieder in seinem Besitz. Zahlt nämlich der Kunde nicht - aus welchen Gründen auch immer -, hat die Werkstatt das Recht, das Fahrzeug als Pfand zurückzubehalten, bis die Rechnung beglichen ist. Günter kann eine Minderung des Werklohns, also des Preises für das Tuning, verlangen. Und zwar um den Anteil, der zuwenig ausgeführt wurde. In diesem Fall also 60 Prozent. »Eine Nachbesserung kann nach dem Gesetz nicht verlangt werden«, so Claudia Fister, »wird aber häufig vereinbart. Andere Haftungsbeschränkungen des Tuners sollte der Kunde nicht akzeptieren.« Ekkehard Arnold vom Bundesverband für das Deutsche Zweiradmechaniker-Handwerk rät Werkstattkunden, sich ruhig einmal die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des jeweiligen Betriebs zeigen und erklären zu lassen. Diese schreiben meist sogar eine schriftliche Auftragsannahme vor. Auch die Haftungsbedingungen für nicht geleistete Arbeit oder Schäden am Fahrzeug sind darin geregelt. »Im Streitfall kann sich jeder an die Innung oder die Handwerkskammer seines Bezirkes wenden«, erklärt Arnold, »das ist nicht nur billiger als der Weg zum Gericht, oft können die dortigen Sachverständigen Probleme schnell und unbürokratisch lösen.« Die meisten Werkstätten sind zudem in der Kraftfahrzeug-Innung oder der Innung für das Zweiradmechanikerhandwerk organisiert. Bei Ärger mit diesen Betrieben ist die Schiedsstelle der Innungen zuständig. Wichtig: Für eine schnelle Bearbeitung unbedingt alle schriftlichen Aufzeichnungen zusammen mit einer schriftlichen Stellungnahme einreichen. Das Anrufen der Schiedsstelle ist kostenlos. Auch die Automobilclubs haben juristische Berater und Sachverständige, die im Streitfall helfen können. Besser ist es aber, sich vorher zu informieren. So hat zum Beispiel der ADAC eine Infobroschüre Werkstätten herausgebracht, die viele Tips enthält. Die wichtigsten Punkte, wie man sich Ärger sparen kann, finden sich im obigen Kasten. Damit auch der Kunde was auf dem Kasten hat, wenn er mit Tunern, Veredlern und Mechanikern aneinandergerät.

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