Über die Leidenschaft, Motorrad zu fahren (Archivversion) Lust-Krad

Was einer Motorradfahrerin durch den Kopf geht, die drei Tage lang Reden über die Faszination Motorrad in der Evangelischen Akademie Tutzing anhörte, bei der die Vernunft, mit Leidenschaft vorgetragen, die Lust verbarg.

Motorräder sind reif fürs Museum. Als Metapher für das 20. Jahrhundert, das sich seinem Ende zuneigt. Eine Ära, an deren Beginn Künstler und Intellektuelle Motorräder als göttlich verklärten und Geschwindigkeit zur Religion erhoben. Im nächsten Jahrhundert wird Bewegung überflüssig. Statt dessen rasen Bits auf der Datenautobahn, surfen User im Internet. Noch lange kein Abgesang aufs sinnliche Vergnügen Motorradfahren, aber Zeit, sich an der Anziehungskraft Krad zu reiben, bevor der Cyberspace vielleich doch digital und virtuell die reale Erlebniswelt überflügelt. Thomas Krens, Kurator des New Yorker Guggenheim-Museums, das mit dem Kunstobjekt Krad alle Besucherrekorde bricht, sieht in Motorrädern Ikonen einer Epoche der Massenmobilität, Projektionsflächen für so unterschiedliche Themen wie Geschwindigkeit, Beschleunigung, Rebellion, Sehnsucht, Freiheit, Liebe, Sex und Tod. Aber was erzeugt die Lust? Die Straße krümmt sich. Ein winziger Dreh des rechten Handgelenks. Die Maschine schnellt vorwärts. Mühelos und kontrolliert. Die Augen der Fahrerin tasten die Straße ab. Die führt steil bergauf, verengt sich zu einem schmalen Asphaltband. Runterschalten, gucken. Nichts in Sicht außer dem trauten Mittelstrich. Scharfe Kurve. Abbremsen, reinlegen, Gas geben. Rhythmisch. Immer wieder. Da: Schotter. Wo Gummi den Asphalt berührt, ist Improvisation unvermeidlich. Nach der nächsten Kurve kann alles anders sein. Kein Platz für müßige Gedanken. Alles dreht sich um den Tanz auf der Straße, der die Pilotin befreit - von der Zukunft, die sie erwartet, und der Vergangenheit, die sie belastet. Sie lebt nur für den Augenblick. Eine kurze Spanne entrückter Harmonie im Raum, wo der Wille ungehemmt die Spur ebnet, während Finger, Füße und Knie automatisch Bewegungsabläufe abspulen und der Hintern ahnt, wann der Reifen rutscht. Ein Wunsch nach Verschmelzung, der archaisch-mythisch an den Zentaur gemahnt, ein Fabelwesen aus Pferd und Mensch, in die Moderne übertragen: halb Maschine, halb Mensch. Ein Gefühl, als seien die Grenzen der Schwerkraft aufgehoben. John Berger formuliert es in einem Interview mit dem Autor Moritz Holfelder in »Das Buch vom Motorrad« so: »Du hast kein Gewicht mehr! Du gehst in Schräglage und kippst nicht um.«Wer nicht losfährt, kommt nie an. Bei jeder Reise verbindet sich der Wunsch, das Ziel zu erreichen, mit dem Vergnügen an der Dauer der Bewegung. Die Räder rotieren. Der Duft von Fichtennadeln in einem Wald, der Wind, der das Gesicht umspielt. Die Landschaft - nicht von Blech und Fensterrahmen eingeengt - öffnet sich dem Blick des Fahrers, der sich als Zentrum der Natur begreift. Ob Mann oder Frau. Der Pilot saugt die Umgebung in sich ein, die auf ihn zufliegt. Beruhigt durch das gleichmäßige Tuckern des Motors, fühlt er sich in der Ferne daheim. Das Motorrad spiegelt sein Bewußtsein, seine Hoffnungen und Ängste. Indem er fährt, kommt er zu sich selbst. Eine Reise ins Innere, gleichzeitig eine Flucht aus monotonem Alltag. Der Motor heult auf. Auf dem Mittelstrich rast der Sportler auf einen Lastwagen zu. Will vorbei. Ein Mercedes kommt ihm entgegen. Platz da! Der verbleibende Raum zieht sich immer enger zusammen. Trotzdem gibt er Gas. Speed. In 3,5 Sekunden von Hundert auf... Zack, ist er durch. Der Adrenalinspiegel hüpft siegesfroh. Der Opa am Lenker des Mercedes erschrickt. »Wahnsinniger«, schreit er. »Organspender!« Die Gefahr lockt, Risiko bereitet Lust, und Spielregeln sind für andere da. Die Freiheit der Wahl: »Selbstversicherung bei höchster Gefährdung«, nannte es Ulf Poschardt, Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung bei der Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing. Für Apostel von Vernunft die Inszenierung eines Todeswunsches, vielleicht aber nur die Gier nach der Ekstase, die dem Nervenkitzel folgt. »Gibt es denn wirklich ein Vergnügen, das nicht zumindest den Gedanken an Gefahr in uns weckt? Gibt es denn überhaupt etwas, das uns das Gefühl vermittelt, vor Leben zu sprühen, ohne uns zugleich an den Tod zu erinnern?« Fragt die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin Melissa Pierson in ihrem Buch »Über die Leidenschaft, ein Motorrad zu fahren«. Ein Wechselbad der Emotionen: neben der Freude am Fahren auch die Furcht vor dem Fall. Die Angst entspringt aus dem Bedürfnis zu kontrollieren, was nicht zu kontrollieren ist: das Leben. Wer sich nicht auf das Unfaßbare gefaßt macht, stürzt. Melissa Pierson: »Motorräder zerren zuweilen die Angst ans Licht... Sie zwingen uns, mit ihr Schattenzuboxen, und geben ihr dann den kathartischen Laufpaß.« Biker sind nicht todessüchtig. Im Gegenteil: Die Lust am Leben prägt sie. Der Wunsch nach Sinnlichkeit. Die schon der Anblick von Motorrädern befriedigen kann. Welches andere Kraftfahrzeug legt seinen Sinn so unverhohlen dar: ein Motor zwischen zwei Rädern. Im Stillstand instabil. Für Bewegung geschaffen. »Ein Datenchip offenbart sich nicht durch Betrachtung«, weiß Moritz Holfelder. Enduros sehen wie angriffslustige Hornissen aus, Sportler gefrieren Geschwindigkeit im Design. Motorräder, so unterschiedlich wie die Träume über Bewegung und Veränderung, die zur Entdeckung der Langsamkeit führen, oder aus der Leistung von 150 PS Kraft schöpfen. Ein Turbo fürs Ego. Weil es nicht jeder beherrscht. Wrooam. Der Sound. Das schlürfend-rhythmische Atmen von 40er Dellorto-Vergasern, die im Standgas Luft ansaugen, ist Musik. Die Baßmelodie einer Ducati klingt wie eine Symphonie: Tatatatam. Das Donnergrollen einer Harley pulsiert im Bauch. »Für mich ist es ihr Klang, der mein Herz höher schlagen läßt«, schwelgt Melissa Pierson. Motorräder röhren, fauchen, brüllen. Wie mächtige Tiere. Technik lebt. Motoren haben Seele und erwecken Zuneigung. Vor allem bei Schraubern. »Weil die Welt sich nicht mehr reparieren läßt«, wie Pfarrer Jochen Wagner meint, ist erfolgreiches Basteln am Bike eine Heilserfahrung. Teile tauschen macht Maschinen unsterblich: Technik als Endstation Sehnsucht. Wer sein Motorrad selbst aus Teilen neu zusammensetzt, schwingt sich zum Gott auf, der erschafft. Eine Wiedergeburt unter seinen Händen. Rittlings auf dem Motorrad sitzen, das vibrierende Triebwerk zwischen den Beinen, den Oberkörper über den Tank gebeugt, in dessen Mulden sich die Oberschenkel schmiegen. Das Motorrad als Sexmaschine, die Leistung potenziert und Macht symbolisiert. Im äußersten Extrem ein Phallussymbol, das Minderwertigkeitskomplexe kompensiert. Oder ein imaginäres Weib, vom Mann genommen und bezähmt. Weil reale Frauen ihren eigenen Kopf haben. Unter anderem. Wenn sie sich eines Motorrads bemächtigen, überträgt sich Coolness, Power und Benzingeruch. Der Bilderbuch-Outlaw, ein langhaariges und bärtiges Monster mit animalischer Ausstrahlungskraft und ungehemmter Libido. Null Verantwortungsgefühl. Verführerisch, unberechenbar, gewälttätig. Auf einer chromglänzenden, perfekten Maschine. Als Marlon Brando in »The Wild One« über die Leinwand flimmerte, gerierte er den Typus des Rebellen, der brave Bürger aus ihrer anständigen Lethargie schreckte. Gegen die Konformität aufbegehrender Held oder antisozialer Barbar auf dem Weg nach Nirgendwo? Zwischen beiden Polen oszilliert das Image des Bikers im Film. Ein Hauch von Rebellion oder ihrer ledernen Insignien schwingt mit bei der Attraktion Motorrad. Der Wunsch, anders zu sein, sich zu unterscheiden und doch dazuzugehören: Motorradfahrer sind einsam auf Tour und bei jedem Treffen in einer Gemeinschaft verschworen. Das Bike als dialektisches Prinzip. Vereinte Gegensätze definieren Motorradfahren: »Motorräder verleihen uns Flügel - und doch sind wir es letztlich, die sie gemacht haben«, schwärmt Melissa Pierson. Statt Mythen vom Ikarus zitiert Moritz Holfelder den Tanz ums goldene Krad: »Das Motorrad funktioniert zum einen als industriell produzierte Sehnsuchtsmaschine mit hohem Spaßfaktor, zum anderen als anachronistisch anmutendes Fortbewegungsmittel mit Beschäftigungsgarantie für alle menschlichen Sinne.«Im Fahren schwingt das Verlangen nach einer Unmittelbarkeit des Erlebens mit, die in einer elektronisch gesteuerten Welt verlorengeht. Die Suche nach einer Utopie, in der Schrauben wieder hilft und Freiheit noch möglich ist. Am allerschönsten aber bleibt, daß der Kopf beim flüssigen Dahingleiten leer wird und den Weg frei gibt ins Schlaraffenland von Kurven.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote