Überblick: Dreiräder (Archivversion) Auf der Kippe

Ein Vorteil der Dreiräder ist unbestritten: Zumindest im Stand kippen sie nicht um. Fahrend bemühen sich jedoch viele Konstruktionen um motorradtypische Schräglagen.

Anscheinend deutet sich da ein neuer Trend an, jedenfalls eine interessante Marktnische: Mehrere Autohersteller haben in jüngster Zeit Studien und Prototypen mit drei Rädern entwickelt, Rollerhersteller arbeiten an solchen Projekten ebenso wie eine ganze Reihe kleinerer Firmen und Spezialisten, bei denen erste Dreiräder zurzeit schon in Produktion gehen. Ihr Ziel: Sie wollen Vorteile des Autos mit denen des Motorrads verbinden. Das heißt, Wetterschutz, Komfort und Sicherheit der
vierrädrigen Kraftfahrzeuge sollen mit der Dynamik und dem Freiheitserlebnis des Zweirads verbunden werden.
Völlig neuartig sind diese Konzepte jedoch keineswegs. Einige der ersten motorisierten Fahrzeuge überhaupt rollten auf drei Reifen. Und auch im weiteren Verlauf der automobilen Evolution gab es viele solcher Beispiele. So verkaufte etwa
Morgan in den 20er und 30er Jahren den
berühmten Threewheeler, der mit dicken V2-Motoren von JAP oder Matchless zwischen den beiden Vorderrädern Motorrad-Antriebstechnik integrierte. Die Morgan-Modelle waren trotz sportlicher Einsätze damals weniger Freizeitgeräte als vielmehr eine günstige Alternative zum Auto.
Ganz im Gegensatz zu den so ge-
nannten Trikes. Reine Spaßgeräte, die aus einer Kreuzung von VW Käfer (Hinterachse) und Motorrad (Vorderpartie) hervorgingen. Solche Zwitter wurden und werden in mannigfaltiger Form gebaut, zum Teil auch auf Motorrädern basierend, die einfach eine zweirädrige Hinterachse verpasst bekamen. Bei Harley-Davidson etwa zählte ein Dreirad mit Kofferraum ab 1932 sogar zur Serienproduktion, das Servicar. Bei den aktuellen Beispielen finden sich unter anderem Studien von VW oder Renault. Der schnittige VW GX3 soll eventuell schon
in näherer Zukunft in den USA zu einem
attraktiven Verkaufspreis unter 17000 Dollar (zirka 13700 Euro) in Serie gehen.
Alle bisher genannten Modelle haben eines gemeinsam: Sie sind quasi redu-
zierte Autos, haben drei statt vier vertikal starr angebaute Räder, motorradtypische Schräglagen sind weder für die Räder noch den Aufbau eingeplant. Durch die reduzierte Karosserie, das geringe Gewicht und die offene Bauweise kommt allenfalls ein Hauch von Motorrad-Feeling auf. Was die Fahrdynamik angeht, bleiben sie dagegen Mehrspurfahrzeuge, die sich in Kurven nicht neigen und somit Querkräfte auf die Besatzung übertragen.
Das Erlebnis der Schräglage, also das In-die-Kurve-legen, fehlt folglich. Wie man das mit drei Rädern hinkriegt, darüber
haben sich viele Tüftler und Techniker
ihre Köpfe zerbrochen. Das Ergebnis sind in der Regel Fahrzeuge, bei denen eine
Achse, mitunter samt Antriebseinheit, starr bleibt, während der Fahrzeugaufbau mit-
samt Passagieren schwenken kann. Dieses Neigen kann kaum durch den Fahrer aktiviert werden. Eine schwere Konstruktion lässt sich vor allem inklusive Karosserie nur mittels motorischer Unterstützung in Schräglage bringen, wozu eine relativ aufwendige Steuerung nötig ist.
Bei der letzten Gruppe geht der gesamte Aufbau mitsamt Rädern und Fahrer in Schräglage. Somit hat diese den größten Bezug zum Motorrad. Dies geschieht wie beim Einspurfahrzeug allein durch entsprechende Bewegungskoordination des Fahrers, Beispiele dafür sind das getestete Brudeli 625 L und der Dreirad-Scooter, den Piaggio bald in Serie bauen und auf den Markt bringen will. Oder die Neigung wird motorisch gesteuert, wie es Mercedes bei der Studie F 300 Life Jet 1997 mit »aktiver Wanksteuerung« probierte.
Ob es in all diesen Fällen gelungen ist, die Vorzüge beider Gattungen zu kombinieren, mag der Käufer entscheiden. An die Faszination eines Motorrads, dessen mühelose, fließende Art der Fortbewegung, reicht jedoch keine der dreirädrigen Konstruktionen heran. Wenn es das motorisierte Zweirad nicht schon gäbe, man müsste es erfinden.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote