Übermacht Honda (Archivversion) Spiel mit dem Feuer

Im Kampf mit dem Giganten Honda hat sich die 500er Konkurrenz bislang kräftig die Finger verbrannt. Modenas-Teamchef Kenny Roberts denkt nun sogar über den Bau einer V4-Maschine nach.

Michael Doohan schubste Anthony Gobert im ersten Training zum Frankreich-GP von der Piste. Gobert gelobte nach einem lautstarken Disput mit Doohan Revanche, fuhr am Samstag morgen vor der Honda-Box vor und forderte den Gegner mit wilden Gasstößen zum Duell.Doohan schüttelte nur den Kopf und drehte sich weg wie ein erfahrener Revolverschütze, der einen halbstarken Hitzkopf verschonen will. Denn auf der Strecke genügt dem Weltmeister ein lockerer Dreh am Gasgriff seiner 500er V4-Maschine, um solch lästige Verfolger abzuschütteln. Und mit Doohan fahren auch die anderen Honda-Stars der Konkurrenz auf und davon - selbst die Honda-Zweizylinder von Takuma Aoki und Alexandre Barros zeigen den Verfolgern von Suzuki, Yamaha, Modenas und elf meist die beiden Endschalldämpfer.Einzig Luca Cadalora schaffte bislang zwei Podestplätze mit seiner Red Bull-Yamaha und damit wenigstens einen Achtungserfolg gegen die drückend überlegene Weltmeistermarke. »Wenn wir das Fahrwerk hundertprozentig hinkriegen und das Motorrad bis zum Letzten ausquetschen können, ist der Abstand gering. Zu Siegen reicht das Potential allerdings nicht«, sagt Luca. »Yamaha strengt sich zwar an, doch Honda rüstet noch stärker. Das Geheimnis steckt nicht in den Zylindern, sondern zwischen Kurbelwelle und Endantrieb - Honda hat viel weniger Reibungsverluste als die Konkurrenz.«Eine Wunderformel für schnellen Erfolg gibt es nicht. »Wenn man Honda über das gesamte Leistungsband hinweg zehn PS wegnehmen würde - dann hätte ich eine Chance«, lächelt Cadalora sarkastisch.Da sitzt er mit Gobert, dem derzeit besten Suzuki-Piloten, im gleichen Boot. »Die Honda nehmen uns beim Beschleunigen aus der Kurve jedesmal ein paar Motorradlängen ab«, kommt der 500er Neuling zur gleichen Diagnose.Was das Los der Konkurrenten zusätzlich erschwert, ist die schiere Zahl der Honda-Piloten. »Wenn es in der Formel 1 sechs Williams geben würde, wären auch dort die fünf ersten Startplätze fest vergeben«, zieht Suzuki-Teammanager Garry Taylor einen treffenden Vergleich.Nur den Sponsoren will er nicht ganz einleuchten - denn die wollen endlich Ergebnisse sehen. Neben Taylor, für den die Zukunft mit Lucky Strike auf dem Spiel steht, ist auch Kenny Roberts mit seiner Modenas KR 3 in der Bredouille. Denn Marlboro hat genug von den erbarmungswürdigen Topspeedwerten und den ständigen Motorschäden der Maschine, die mit dem Sturz von Kenny Roberts junior und dem Kolbenklemmer von Jean-Michel Bayle in Le Castellet das nächste Waterloo erlebte. »Bis zum Assen-GP haben wir neue Motorengehäuse und acht Kilogramm weniger Gewicht«, kündigte King Kenny an. »Wenn das nichts nützt und es in den nächsten drei Rennen nicht entscheidend vorwärts geht, fangen wir für 1998 mit dem Bau einer Vierzylindermaschine an.«Für diese Lösung spricht einiges. Eine V4, so Roberts, wäre leichter und billiger an das Gewichtslimit von 130 Kilogramm zu bringen als eine V3 an jenes von 115 Kilogramm. Für Zylindereinheiten von 125 cm³ gibt es Vergleichsdaten in Hülle und Fülle, für Einheiten von 166 cm³ dagegen so gut wie keine. Den Prestigeverlust, beim Bau der V3 zu euphorisch gewesen zu sein, nähme Roberts billigend in kauf. »Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich etliche Anfängerfehler vermeiden. Beispielsweise würde ich eine Ausgleichswelle einbauen lassen. Und insgesamt würde ich den Anlauf mehr von der Motorrad- als von der Autotechnologie her nehmen«, gesteht der ehemalige Weltmeister selbstkritisch zu, der das KR 3-Proojekt zusammen mit der Rennwagenschmiede TWR durchgezogen hat.Eine Alternative dazu wäre, mit Swissauto gemeinsame Sache zu machen. »Die Modenas hat das höchste Tempo in den Kurven, wir die besten Topspeedwerte. Das wäre eine vielversprechende Kombination«, schlägt der bislang mit dem elf 500-Projekt wenig erfolgsverwöhnte Motorenkonstrukteur Urs Wenger vor.Doch selbst wenn es dazu käme, bliebe der Herausforderer ein Außenseiter. »Wenn Honda wollte, könnten sie mich zerquetschen wie eine Laus. Gegen eine solche Firma gewinnst du nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn«, sagt King Kenny. »Mein Ziel ist auch nicht, Honda in jedem Rennen zu besiegen. Doch ich will wenigstens eine Chance!“

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