Umbruch im Rallyesport (Archivversion) Qualm-Sonntag

Früher hieß es »Zuvi«, heute sagen sie »Rallye« und morgen »Seriensport«. Auf jeden Fall bleibt es Rennsport in seiner günstigsten Form - mit zugelassenen Bikes.

Sicher gibt es ein oder zwei Orte auf der Welt, wo es noch ungemütlicher ist als im Fahrerlager von Hockenheim nach dem Superbike-Saisonfinale und der anschließenden Party. Es fällt einem bloß auf die schnelle keiner ein. Gemein naßkalt ist der Sonntagmorgen, die Kollegen Superbiker liegen noch bewußtlos in ihren Motorhomes. Wenn man die Anzahl der überall herumliegenden leeren Bier-Dosen zugrunde legt, war die Fete monumental. Zwischen ihren mit Sponsor-Aufklebern übersäten Transportern wirken die klapprigen Anhänger, die altersschwachen Ford Transit und die rostigen VW LT, aus denen gerade Motorräder mit Startnummerschildern und Kennzeichen gezogen werden, ziemlich ärmlich. Noch ein Saison-Finale, aber diesmal für die Hobby-Rennfahrer: die Rheintal-Rallye, die letzte von insgesamt neun Veranstaltungen der vergangenen Rallye-DM-Saison. Seit sechs Uhr kreischen die Maschinen bei der Phon-Prüfung hinter dem DEKRA-Haus, stolpern verschlafene Fahrer und Helfer zur Papierabnahme: Führerschein, Fahrzeugschein, Lizenz, Nennbestätigung. Um kurz nach acht ist Fahrerbesprechung. Um neun werden die insgesamt rund 150 Maschinen aller neun Klassen zur Dauerprüfung auf den großen Kurs losgelassen und ziehen ihre Runden - zum letzten Mal für 1996, zum letzten Mal auch unter dem irrenführenden Namen »Rallye«.Denn der Motorrad-Rallye-Sport heißt ab 1997 »Deutsche Seriensport-Meisterschaft« beziehungsweise für B-Lizenz-Fahrer »Deutscher Seriensport-Pokal«. Diese Bezeichnung rückt die Rennen mit straßenzugelassenen Motorrädern näher an die Rundstrecken-Klassen heran und »räumt endgültig auf mit dem Mißverständnis, daß es sich beim Motorrad-Rallyesport um eine Off Road-Meisterschaft handelt«, wie Gustav Lux erklärt, der als Mitglied der Straßenrennsport-Kommission des deutschen Motorradsportverbandes OMK für den Seriensport zuständig ist. Auch das Reglement hat sich den Rundstreckenrennen angenähert: Die bisher mehrteilige Dauerprüfung mit starr vorgegebenen Sollzeiten und Stempeluhr-Kontrollen wird künftig an einem Stück gefahren. Der Schwerpunkt der Veranstaltung liegt nun eindeutig auf der Sprintprüfung, die ab 1997 per Massenstart und nicht mehr im Einzelstart in Angriff genommen und somit als echtes Rennen gefahren wird.Der 26jährige Speditionskaufmann Michael Bähr aus Rotenburg bei Kassel, wie viele andere durch den Rallye-Sport überhaupt zum Motorsport gekommen, heißt diese Entwicklung wie die meisten seiner Konkurrenten gut. Bähr fing sich den Motorsport-Bazillus ein, als er 1995 für einen Freund als Helfer bei den 1000 Kilometern von Hockenheim dabei war, dem bekanntesten Rallye-Ereignis, auch wenn es nicht zur DM zählt. Noch im gleichen Jahr trat er in Zandvoort und auf dem Nürburgring gegen die modernen 600er mit seiner fast schon antiken Yamaha RD 500 an. Danach war klar: die Sache gehört professioneller aufgezogen - ein anderes Motorrad und Sponsoren müssen her. Eine Aprilia RS 250 kam ins Haus, die der junge Angreifer samt Rennsport-Grundabstimmung und Fahrerausrüstung recht günstig erstehen konnte (siehe Kasten Seite 157). In seiner ersten Saison im Rallye-Pokal 1996 erlebte er neben Höhepunkten natürlich auch Rückschläge. Nach dem ermutigenden 17. Platz beim Saisonauftakt auf dem Nürburgring - als Neuling nur ganz knapp an den Punkten vorbeigeschrammt - wurde die Euphorie bereits bei der nächsten Veranstaltung in Hockenheim jäh gebremst: im strömenden Regen Sturz schon in der Dauerprüfung, hoher Zeitverlust und entsprechend viele Strafpunkte, die im Sprint kaum mehr gutzumachen sind.Dem starken 16. Platz im Nebel von Schleiz folgte abermals Ernüchterung. In der Dauerprüfung ohne Benzin liegengeblieben, dazu technische Probleme. Erst beim Saisonfinale in Hockenheim gibt es mit Rang elf und fünf Pokal-Wertungspunkten Grund zum Feiern für den Neueinsteiger. Und genügend Motivation für das nächste Jahr. »Regelmäßige Punkteränge sind angesagt«, steckt Michael Bähr das Ziel klar ab, »außerdem muß ein Transporter her.«Leute wie Michael Bähr hat Gustav Lux im Sinn, wenn er die Namensänderung für mehr als nur ein neues Ettiket hält: »Die Seriensport-Meisterschaft wendet sich an alle sportlichen Fahrer, die preiswerten Rennsport mit der eigenen Maschine betreiben wollen.«Auch Helmut Dähne, neben seiner Arbeit als Metzeler-Pressechef und seinem legendären Ruf als Rundenrekordhalter auf der Nürburgring-Nordschleife auch 15facher deutscher Rallye-Meister begrüßt die neue Bezeichnung: »Mit dem Namen Rallye wurden unsere Veranstaltungen immer unterschätzt. Dafür ist der Austragungsmodus jetzt viel einfacher geworden. Für Neueinsteiger und einen senilen, alten Mann wie mich ist das gleichermaßen von Vorteil.“

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